Der 99-Tage-Kaiser

Eine Biographie über Friedrich III. von Preußen

118_0017_128834_xxlEr war der ewige Kronprinz und als er am 3. März 1888 an die Macht kam schon tödlich krank: Kaiser Friedrich III. Seine Bedeutung lag weniger in seiner Person – die meisten, die ihn kannten, schätzten seine Fähigkeiten eher mittelmäßig ein – als in den Rollen, die er einnahm und den Hoffnungen, die vor allem die Liberalen in ihn setzten. Der Kriegsheld,  von der Bedeutung seiner Abstammung durchdrungen, und von der Öffentlichkeit als „unser Fritz“ verehrt, bot viel Raum für Spekulationen, was unter seiner Führung, hätte er denn länger als 99 Tage regiert, besser gelaufen wäre.

Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich III., verkörperte eine ganze Reihe von Gegensätzen. So war er von den Vorrechten der preußischen Krone zutiefst überzeugt, aber gleichzeitig glühender Vertreter des geeinten Deutschen Reiches, dessen Institutionen er gegen die Länderinteressen gestärkt sehen wollte. Er liebte die bürgerliche Kultur, war aber, schreibt  Frank Lorenz Müller in seiner Biografie Friedrichs III., in übertriebenem Maße von der Majestät seines Amtes durchdrungen. Seiner Befürwortung einer verfassungsmäßigen Regierung stand ein blanker Hass gegen den Katholizismus wie dem Sozialismus gegenüber. In seinen politischen Vorstellungen, auf die gerade die Liberalen und die Freisinnigen zu große Hoffnungen setzten, blieb der Thronfolger vage. Ja, er wollte sogar weiter mit einem Kanzler Bismarck regieren.

Bismarck war eine der den Thronfolger prägenden Personen

Drei Personen prägten Friedrich Wilhelm: sein Vater Wilhelm I., Otto von Bismarck und seine Frau Victoria. Wie so häufig bei den Hohenzollern war das Verhältnis des Vaters zum Thronfolger von Kälte, Misstrauen, ja teilweise Missachtung bestimmt. Ein Muster, das sich zwischen Friedrich Wilhelm und dessen Sohn und Nachfolger wiederholte. Daneben der politische Titan Bismarck. Bei Amtsantritt als Reaktionär gehasst, gelang es dem Kanzler im Laufe der Jahre – vor allem durch die Reichsgründung – sich teilweise das Vertrauen des Kronprinzen zu sichern. Schwankend blieb das Verhältnis allemal. Bismarck machte sich dabei keine Illusionen über die Fähigkeiten des Hohenzollern. Im Zorn sagte er 1870: „Der Kronprinz ist der dümmste und eitelste Mensch und stirbt noch einmal am Kaiserwahnsinn.“

Ruhe, Frieden und geistige Anregung, manche sagten Bevormundung, fand Friedrich Wilhelm bei seiner Frau, der Tochter der britischen Königin Victoria. Die Kronprinzessin hielt zeit ihres Lebens engen Kontakt zu ihrer Mutter und war von der Überlegenheit ihrer englischen Heimat zu tiefst überzeugt – was sie auch regelmäßig äußerte. Dies machte sie bei den höfischen Eliten unbeliebt und trug Friedrich Wilhelm, der alle politischen Angelegenheiten intensiv mit Victoria besprach, den Vorwurf der Weitergabe von Geheimnissen ein. Die Folge: Bismarck und Wilhelm I. schlossen den Thronfolger von wichtigen Informationen aus.

Friedrich Wilhelm wurde als Kriegsheld verehrt

Bewähren konnte sich der Kronprinz in den drei Kriegen, die zur Gründung des Deutschen Reichs führten. Danach gab es für den Kriegsheld auf militärischem Gebiet nichts mehr zu tun. Einen guten Teil seiner Popularität gewann Friedrich Wilhelm allerdings aus dieser Zeit, insbesondere in den süddeutschen Ländern, deren Truppen er 1870/71 kommandierte. Frank Lorenz Müller konstatiert: Das Ansehen des Kronprinzen trug erheblich zur Festigung des Reiches und dessen Institutionen bei. Die Kunstfigur „unser Fritz“ – wie er in der breiten Öffentlichkeit genannt wurde – vereinigte dabei mühelos den Vertreter eines bürgerlichen Leistungsgedanken, den Kümmerer  um die Probleme der Gesellschaft wie den Heroen des preußisch-österreichischen und deutsch-französischen Krieges.

Regierung wie Parteien stellten sich taktisch auf den Thronwechsel ein

Ab 1879 wirkte sich der mögliche Thronwechsel auf die Politik des Kanzlers wie der Liberalen und Freisinnigen aus. Strategien der Parteien wie der Regierung passten sich bei jeder gesundheitlichen Krise Wilhelm I. an den möglichen  Amtsantritt Friedrichs III. an. Insbesondere Bismarck wob ein ganzes Netz um den Thronfolger, um so seine Macht auch unter ihm erhalten zu können. Eine schwere Kehlkopferkrankung des Kronprinzen, die sich später als Krebs herausstellte, machte ab April 1887 alle Pläne zunichte. Sofort begann eine Neuorientierung auf Wilhelm, den Sohn Friedrichs.

Die folgenden Monate, insbesondere die 99 Tage der Regentschaft waren für den Hohenzoller persönlich wie politisch eine fürchterliche Zeit, wie der Autor detailliert beschreibt. Insbesondere die Intrigen Bismarcks – bekannt als Kanzlerkrise – machten dem unter großen Schmerzen leidenden Kaiser Friedrich III. schwer zu schaffen. Bewegen konnte der sich nur noch schriftlich mitteilende Todkranke – ein Luftröhrenschnitt hatte ihm die Sprache genommen – in der Kürze der Zeit kaum etwas.

Ein schmutziger Kampf um sein Andenken

Unmittelbar nach seinem Tod am 15. Juni 1888 begann ein schmutziger Kampf um  sein Andenken. Auf der einen Seite der nun amtierende Kaiser Wilhelm II. und Bismarck, die Friedrich III. in die stramme, militärisch ausgerichtete Hohenzollernlinie einreihten, auf der anderen die Liberalen und Freisinnigen, die glaubten in ihn den Kronzeugen für eine Neuorientierung des Deutschen Reichs sehen zu können.  Die von einigen früheren Historikern und Autoren gemachte Behauptung, dass die Herrschaft des liberalen Friedrich III. Deutschland und der Welt viel Leid im Vergleich zum Wirken seines Sohnes erspart hätte, verweist Frank Lorenz Müller allerdings ins Reich der Legenden. Wo aber liegt die Bedeutung dieses so widersprüchlichen Mannes?  Müller meint in seinem gut recherchierten und flüssig zu lesenden Buch eben in seinen Widersprüchen. Hier war Friedrich III. ganz Kind seiner Zeit. Und diese Zeit, insbesondere die Spannungen am kaiserlichen Hof, die taktischen Züge eines Bismarcks, wie die teilweise Hilflosigkeit der politischen Öffentlichkeit, werden im „99-Tage-Kaiser“ deutlich. Fazit: Lesenswert.

Müller, Frank Lorenz: Der 99-Tage –Kaiser. Friedrich III. von Preußen, Prinz, Monarch, Mythos. Siedler. 2013. 562 Seiten.

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