Technik im Mittelalter und Früher Neuzeit

Ein Buch über die Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft

002Gleich im Vorwort seines Buches betont Günter Bayerl die nicht nur naturwissenschaftliche, sondern auch soziale Dimension der Technik, die als  „Gesamtheit aller Objekte oder Artefakte [. . . ], die der Mensch aus den naturgegebenen Ressourcen herstellt aber auch der Verfahren, Fertigkeiten und Wissensbestände, die er unter Ausnutzung der Naturgesetze und –prozesse für Arbeit und Produktion entwickelt hat“, definiert ist. Im Laufe der Geschichte, so Bayerl, führt die kulturelle Prägung der Technikentwicklung zur Ausbildung von zahlreichen Varianten „technologischer Habitate“.

Bereits die Verwendung des Wortes Technologie zeigt, dass Günter Bayerls Buch mehr sein soll, als eine der üblichen Vorstellungen technischer Errungenschaften im Laufe der Geschichte. Und die Konzentration auf die Epochen Mittelalter und Frühe Neuzeit hat auch die Auseinandersetzung mit der Frage nach einer Industriellen Revolution oder Evolution zur Hintergrund.

Die Geschichte der Technischen Intelligenz

Technik als Mittel zur Habitatgestaltung, also zur Gestaltung des Lebensumfeldes, sowohl im kleinen, individuellen Bereich, als auch im gesellschaftlichen Großen, das ist der Gegenstand des Buches, das mit dem Einführungskapitel die teilweise epochenübergreifenden politischen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklungsstränge der westlichen Zivilisation skizziert. Im Kapitel „Die Technische Intelligenz“ stellt Günter Bayerl dar, wie sich aus der erfahrungsbasierten Alltagstechnik die „Künstler-Ingenieure“ wie beispielsweise Leonardo da Vinci herausbildeten. Theorie, Berechnung und Dokumentation technischer Verfahren und Systeme führte zu vor- und frühindustriellen Produktionsabläufen einschließlich komplexen Energienutzungssystemen und schließlich bildeten sich die Spezialisierungen mit einer immer mehr formalisierten Berufsausbildung heraus.
Grundlage für die technische Entwicklung im Mittelalter  war das Christentum mit seiner Ideologie, die die arbeitsbasierte Herrschaft des Menschen über die Natur postulierte. Und so waren es auch die Mönchsorden – allen voran die Benediktiner, Prämonstratenser und Zisterzienser, die Sümpfe trockenlegten, Land kultivierten, komplexe Be- und Entwässerungssysteme zur Urbarmachung siedlungsferner Gebiete entwickelten. Die frühe Aufklärung, das sich entwickelnde städtische Handwerk, die Verallgemeinerung und Verwissenschaftlichung technischen Wissens unter anderem durch die Möglichkeiten des Buchdrucks und der damit einhergehenden Verbreiterung der Fähigkeiten des Rechnens, Zeichnens, Schreibens und Lesens in der Bevölkerung stellen eine weitere Entwicklungslinie dar, die zur speziellen westlichen Ausprägung von Technik und Wirtschaft beigetragen hat.

Wie der Mensch ein industrielles Bewusstsein entwickelte

„Technik definiert Räume und Lebensverhältnisse“. Dieses Kapitel skizziert die Entwicklung von Herrschafts- und Produktionsstrukturen. Dabei führt Bayerl für die Entwicklung und den Einsatz von Produktionstechniken immer wieder Faktoren wie Bevölkerungsanstieg durch Verbesserung der Lebensbedingungen, Bevölkerungsrückgang durch (auch technikbedingte) Umweltkatastrophen oder Seuchen ins Feld. Aber auch Kriege und Handel fordern nicht nur buchstäblich sondern auch verkehrstechnisch neue Wege. Und so verändert sich vor den Augen des Lesers der Lebensraum der Menschen durch Rodung ganzer Wälder, durch intensiven Bergbau, durch Rohstoff- Nahrungs- und Luxusproduktion für eine sich ständig erweiternde (Handels-)  Welt.
„Vom Handwerk zur Manufaktur“. Dieser Abschnitt rollt das Thema unter dem Aspekt der „langen Vorgeschichte der Industrialisierung“ auf. Hier findet eine Auseinandersetzung mit dem Gewerbe und seinen Betriebsformen statt, vom Heimgewerbe über das Handwerk und den Verlag bis hin zur Manufaktur und schließlich der Fabrik. Dem technologischen Kernsystem, der Mühle und hier der als Hauptenergie genutzten Wasserkraft in der vorindustriellen Zeit widmet der Autor einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit, ebenso wie dem Bergbau und der Metallverarbeitung als Grundlage für Wirtschaftsmacht und Waffenproduktion.

Technik: ein Überblickswerk mit Schwerpunkten

Mit dem „Beitrag von Mittelalter und früher Neuzeit zur Industrialisierung“ schließt Günter Bayerl seinen Exkurs in die Technikgeschichte. Hier beschreibt er noch einmal den technischen Prozess der Industrialisierung in dessen Rahmen sowohl der Textil- und Werkzeugmaschinerie als auch der Eisenherstellung und Nutzung eine ganz wesentliche Rolle zukommt. Die Dampfmaschine gehört natürlich auch in dieses Kapitel, ebenso wie die anderen wesentlichen Energieformen wie Wasser- und Windkraft. Mit den Abschnitten „Hemmnisse – Geografie, natürliches Dargebot und Technologie“ und „Hemmnisse – Mensch und Mentalität“ und schließlich der Blick auf Gegenwart und Zukunft liefert der Autor so etwas wie eine rückblickende Zusammenfassung unter speziellen Aspekten.
Bayerls inhaltliche Stärken liegen unstrittig in den Bereichen der Montanindustrie, der Energie und den technologischen Kernsystemen Mühlen und Wasserbau. Hier darf der Leser auch komplexere und tiefergehende Informationen erwarten, hier gibt es einiges zu entdecken. In anderen Bereichen bleiben die Darstellungen gelegentlich sehr an der Oberfläche, was sicherlich dem in Bezug auf das Thema zeitlich doch recht weit gespannten Bogen geschuldet ist, der natürlich nach einer Schwerpunktsetzung einerseits und gewissen Vereinfachung andererseits verlangt. Wenn aber der Autor – neben dem Kompass – dreimastige und auf Stoß beplankte (kraweel) Schiffe als technische Voraussetzung für die überseeischen Entdeckungen und die daraus resultierende Globalisierung postuliert, droht er nicht nur seinen eigenen Ansatz – die Vielfältigkeit technologischer Lösungsmöglichkeiten und das Wechselspiel zwischen Technik und Gesellschaft – in Frage zu stellen. Und dass es sich um  ein Dampfboot handelte, mit dem Papin 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden fuhr, ist eine Legende, die in zahlreichen Lexika und leider auch in Günter Bayerls Buch als Tatsache dargestellt wird. Am Ende bleibt ein interessanter Überblick über die Technikentwicklung in Mittelalter und früher Neuzeit, deren Interpretation sicherlich noch ausbaufähig und für den Leser sehr anregend ist.

Günter Bayerl: Technik in Mittelalter und Früher Neuzeit. Theiss 2013. Gebunden, 199 Seiten.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

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