Archäologen, Raubgräber und die Öffentlichkeit

Ein Kommentar zur Omnipotenz mancher Wissenschaftler

katzenwolf„Der Begriff Grabraub mit eindeutig pejorativer Konnotation intendiert einen unerlaubten Eingriff in eine Grabstätte zur persönlichen Bereicherung.“* Dieser Satz ist beispielhaft einem kürzlich von mir rezensierten Buch entnommen, das sich mit wichtigen Fragen des Erhaltes unseres kulturellen Erbes befasst. Dabei sollte es in diesem Buch eigentlich nicht darum gehen, dass sich die Wissenschaftler gegenseitig mit ihrer Fachkompetenz beeindrucken. Vielmehr sollen hier die Menschen informiert und für den Denkmalschutz begeistert werden, die Indianer-Jones für einen realen Modellarchäologen und Raubgräberei und Grabraub für eine besonders abenteuerliche wissenschaftliche Arbeit halten.

Der oben angeführte Beispielsatz gehört eigentlich in kein Buch, das sich an die Öffentlichkeit außerhalb des berühmten Elfenbeinturmes richtet und er sollte nicht einmal fachlich beschlagenen Laien zugemutet werden. Wenn sich die Publikation aber an Menschen richtet, richten muss, deren Verständnis für Archäologie und Denkmalpflege erst geweckt werden soll, dann bedarf es keines Kommunikationsexperten um die publizistische Fehlallokation dieses Kompetenz intendierenden Sensiculus** zu erkennen. Oder vielleicht doch?

Die Wissenschaft ist oft der Sprache ihr Feind

In den letzten Jahren sind wunderbare historische und archäologische Bücher und vor allem Ausstellungskataloge erschienen. Sie zeichnen sich in der Regel durch interessante Themen, hervorragende Illustrationen, neue Informationen und nicht zuletzt eine solide Verarbeitung aus. Viele dieser Bücher sind vor allem wegen ihrer Inhalte lesenswert und spannend, und lassen dabei so manche literarische Steifheit vertretbar erscheinen. Manche Publikationen lassen sich nicht zwingend inhaltlich, dafür aber sprachlich als ausgesprochen anspruchsvoll bezeichnen und einige Bücher legen den Verdacht nahe, dass ein auch fachlich kompetentes Lektorat in unauflösbarem Widerspruch zum akademischen Selbstverständnis des jeweiligen Autors steht.
Natürlich sind historische und archäologische Sach- und Fachbücher keine Mainstream-Unterhaltungsliteratur. Es gibt aber literarisch keinen zwingenden Widerspruch zwischen unterhaltsamer und wissenschaftlich korrekter Sachinformation. Der jeweilige Autor muss es nur können oder bereit sein, sich einem (möglicherweise unakademischen aber dafür umso kompetenteren) Lektorat zu unterwerfen. Gerade vor diesem Hintergrund ist es immer wieder erstaunlich, wie bestimmte Akademikergruppen (zu recht!) ihre fachspezifischen wissenschaftlichen Kompetenzen gegenüber Laien zu verteidigen suchen, andererseits aber glauben, auch Kompetenzen für sich in Anspruch nehmen zu können, für die andere Berufsgruppen deutlich besser ausgebildet sind.

Schriftstellerische Kompetenz versus Mediengesellschaft

Vor allem deutschsprachige aber oft auch französische akademische Publizisten schöpfen in der Regel aus einem wissenschaftssprachlich kodifizierten Formulierungsfundus, der immer wieder direkt oder sichtlich mühsam abgeschwächt, Eingang in die Publikationen für die nichtakademische Öffentlichkeit findet. Mit einer lockeren (aber fachlich trotzdem korrekten) Schreibe wie sie im englischsprachigen Raum aber oft auch bei italienischen Autoren üblich sind, tun sich akademische Publizisten bei uns immer noch recht schwer. Dass die Ursachen hierfür in den spezifischen Unterschieden der jeweiligen akademischen Strukturen (und damit auch sprachlichen Kompetenzen der Wissenschaftler) liegen, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Es ist kein Zufall, dass sich vor allem Lizenzausgaben angloamerikanischer historisch-archäologischer Sach- und Fachbücher auf dem deutschen Buchmarkt so großer Beliebtheit erfreuen. Wobei auch ihnen gelegentlich ein fachlich kompetenteres Übersetzer- und Lektorenteam gegönnt wäre.
In den meisten Fällen reicht die „schriftstellerische Kompetenz“ der deutschsprachigen akademischen Autoren für die jeweils angesprochene Zielgruppe – meist am Thema ohnehin interessierte und vorgebildete Laien – vollkommen aus. Aber auch hier haben sich die Rahmenbedingungen längst verändert. Die Akademiker, die Institutionen und Museen müssen mit ihren Informationen und Anliegen gegen eine Medienlandschaft anstinken, für die der Unterhaltungswert wissenschaftlicher „Sensationen“ weit vor der Information und ihrer tatsächlichen Bedeutung steht. Und wer sich beispielsweise die einschlägigen Geschichtsdokus für die breite Masse anschaut, merkt schnell, dass die hier interviewten Wissenschaftler meist schon rein sprachlich die inhaltliche Definitionsmacht an die jeweiligen Drehbuchschreiber abgegeben haben.

Akademiker und ihr intellektuelles Omnipotenzbewusstsein

Zu Recht fordern Denkmalpfleger und Archäologen ihre alleinige, weil fachlich notwendige, Zuständigkeit für alle Belange der Archäologie und Denkmalpflege ein. Der Arbeitsbereich ist inzwischen so komplex und anspruchsvoll geworden, dass Hobbyarchäologen und selbsternannte Fachleute keinen (eigenständigen!) Platz im Entdecken, Bergen und Interpretieren unseres kulturellen Erbes mehr haben können – vorausgesetzt, wir wollen es tatsächlich erhalten und erforschen. Das der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, setzt eine Sprache und mediale Präsenz voraus, die der Unterhaltungs- und Medienindustrie auf Augenhöhe begegnet. Ansonsten bleiben Indianer-Jones und andere abenteuerliche Schatzsucher in ihren Welten der Wunder das Maß aller archäologischen und historischen Dinge. Da werden dann weiterhin Raubgräber und Kulturgutzerstörer zu archäologischen Helden, die es der verschnarchten und elitären Denkmalpflege mal wieder gezeigt haben.
Und mit einem könnten sie Recht haben: mit dem elitären Selbstverständnis. Elitär, nicht bezogen ihr Fachgebiet, sondern auf ihre vermeintliche intellektuelle Omnipotenz, die es ihnen erlaubt, selbst im hochkomplexen und spezifische Qualifikationen voraussetzenden Publikations- und PR-Geschäft, die Arbeit der dortigen Spezialisten so nebenbei gleich mal mit zu erledigen. Tatsächlich gibt es dafür Fachleute, die es im Zweifelsfall immer besser können, als die Laien. Diese Fachleute sollten vor allem dann konsultiert werden, wenn es – wie bei der hochkomplizierten Problematik Raubgräberei, kulturelles Erbe – um grundsätzliche gesellschaftliche Fragen und die Information und Aufklärung der breiten Masse geht. Vor diesem Hintergrund sei einfach mal folgende Frage erlaubt: Ist schon einmal jemand der Fachleute darauf gekommen, dass das Bedürfnis nach Schutz und Erhalt des kulturellen Erbes und des damit verbundenen Berufsstandes kein gesellschaftliches Naturgesetz ist, ja dass dieser Kulturerhaltungsgrundsatz vielleicht sogar in breiten Teilen der Bevölkerung gar keine Zustimmung findet?

Die Sache mit dem Schuster und seinen Leisten

Und dazu, Begeisterung für das Anliegen der Denkmalpflege und Archäologie zu vermitteln, gehört mehr, als die museale oder mediale Präsentation besonders wertvoller „Schätze“, eine Leistungsschau technisch-wissenschaftlicher Analysemethoden oder eine Ansammlung von mehr oder weniger mühsam auf Publikum umformulierten Fachaufsätzen – für bereits interessierte Laien. Es gibt schon interessante Ansätze, breitere Bevölkerungsschichten in das eigentlich unspektakuläre aber intensive Abenteuer Archäologie einzubeziehen, einige Beispiele wurden im oben zitierten Buch aufgeführt. Aber erst wenn der Raubgräberei nicht nur gesetzliche Grenzen gesetzt werden, sondern der Schutz des kulturellen Erbes auch allgemeiner gesellschaftlicher Konsens wird (und damit auch der Druck auf die Politik, statt Mittel und Personal zu streichen, die Denkmalpflege besser auszustatten), besteht eine Chance für unser kulturelles Erbe. Diese Aufgabe ist schwierig genug, überlassen wir sie am besten den jeweiligen Fachleuten, um nichts zu zerstören.
Um Archäologie zu betreiben, gehören die Ausbildung zum Archäologen und das Beherrschen des Archäologenhandwerks zwingend dazu. Aber man muss kein Archäologe sein, um die Methoden der Archäologie und ihre Ergebnisse zu verstehen. Auch das Verfassen eines qualifizierten populärwissenschaftlichen Textes und Wissenschafts-PR setzt ganz spezifische handwerkliche und fachliche Kompetenzen voraus. Und diese Spezialisten gibt es, beispielsweise  in den Presseabteilungen von Museen, bei entsprechenden Agenturen oder auch als freie Publizisten. In den meisten Fällen sind das sogar Akademiker, eine zwingende Voraussetzung für eine qualifizierte populärwissenschaftliche Publikationsarbeit ist das jedoch nicht – entscheidend ist die fachliche Kompetenz.

* Wirklich schön ist dieser Satz auch nicht, aber ihn versteht wenigstens die Zielgruppe: „Der abwertende Begriff Grabraub weist auf eine illegale Handlung zur persönlichen Bereicherung hin.“

**Im Klartext: „so ein Satz gehört da nicht rein!“

Anmerkung: Der hier herausgegriffene Satz ist nicht typisch für das angesprochene Buch, aber beispielhaft für das Problem, das ich in meinem Kommentar bespreche. Das Buch ist durchaus lesbar und für den interessierten Laien hochinteressant, nur textlich eben nicht dazu geeignet, eine breite Bevölkerungsgruppe zur Lektüre zu animieren und damit für das Anliegen zu gewinnen.

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