Raubgräber Grabräuber

im Landesmuseum Natur und Mensch

Cover_Raubgräber_GrabräuberEs ist ein schwieriges und komplexes Thema, dem sich die Sonderausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg derzeit widmet. Und ebenso stellt sich das Begleitbuch „RAUBGRÄBER GRABRÄUBER“ dem Leser dar. Viele Aspekte spielen bei der Definition, der Bewertung und nicht zuletzt den Folgen von Raubgräberei und Grabräuberei eine Rolle. Dabei sind Archäologie, und Denkmalpflege keine unbeteiligten Dritten, denn im Grunde hatte die Archäologie mit der heute aus wichtigen Gründen als kriminell eingestuften illegalen Grabungstechnik und –motivation angefangen.

Aus der Zeit, als das Aufspüren und die museale Präsentation von möglichst wertvollen und spektakulären Funden aus unserer Vergangenheit das eigentliche Ziel der abenteuerlustigen Vertreter der bürgerlichen Bildungselite war, stammt zweifellos unsere romantische Vorstellung von Archäologie. Damals waren es vor allem interessierte Laien, sicherlich auch mit einigem Geschäftssinn, die mit ihrer Grabungs- und Sammelleidenschaft die großen Museen Europas mit imposanten Schätzen, Skulpturen und sonstigen kulturellen Hinterlassenschaften füllten. Und noch heute legen Museen bei ihren Ausstellungen besonderen Wert auf besonders einzigartige, noch nie gezeigte und ganz seltene Stücke, als Highlight und Publikumsmagnet, deren wissenschaftliche beziehungsweise historische Aussage dabei gelegentlich nicht gerade im Vordergrund steht. Ein Goldschatz – selbst, wenn die Fundumstände unklar sind – schindet da beim Publikum – und damit auch bei den Medien – oft am meisten Eindruck.

Archäologische Funde und ihr Wert

Kein Wunder, dass auch heute vielfach das Bedürfnis besteht, selbst einen solchen Schatz zu entdecken, reich, berühmt oder wenigstens eines von beiden zu werden. Die moderne Technik und der jedes noch so unlautere Bedürfnis befriedigende Markt stattet beispielsweise mit den berühmten Metalldektektoren auch die Menschen mit den notwendigen Mitteln aus, im Boden nach verwertbaren Kulturgütern zu stöbern, denen weder archäologisches Verständnis noch wissenschaftliches Interesse nachgesagt werden kann. Und selbst bei ernsthaftem kulturhistorischem Interesse ist das illegale Aufspüren von Artefakten der Vergangenheit mehr als ein krimineller Akt. Einmal fachlich undokumentiert aus dem Fundzusammenhang gerissen, verliert jedes Artefakt seine wissenschaftliche und damit kulturgeschichtliche Aussagekraft. Selbst der römische Sandalennagel ist als Ausstellungsstück im Museum oder in der Schatzkiste des Sammlers historisch völlig bedeutungslos, sogar dann, wenn der Fundort bekannt ist. Denn erst durch seine genaue Lage im Boden und in räumlichem Bezug zu anderen Fundstücken gibt er dem Archäologen die Geheimnisse der Vergangenheit preis.

Fundsituationen als Quelle unbekannter historischer Ereignisse

Als positives Beispiel für die Bedeutung ungestörter Fundsituationen führen die Autoren die Römerschlacht am Harzhorn an, deren systematisch ergrabene, dokumentierte und analysierte Relikte ein bislang sowohl unbekanntes als auch unerwartetes Ereignis der römisch-germanischen Geschichte ans Tageslicht brachten. Die Autoren des Buches haben natürlich auch negative Beispiele aufgeführt und ihre Ausführungen vor allem an Ereignissen festgemacht, die spektakulär von den Medien aufgegriffen worden waren, etwa die Himmelsscheibe von Nebra. Und nicht nur das Beispiel der Lichtensteinhöhle bei Osterode im Harz zeigt, welche erstaunlichen Informationen sich mit modernen wissenschaftlichen Methoden aus den Relikten der Vergangenheit entlocken lassen und welche vor allem bei auch nur teilweiser Zerstörung des Fundzusammenhangs verloren gehen können. So konnte beispielsweise aus den in der Begräbnishöhle lagernden Knochenresten mittels DNA-Analysen der Stammbaum einer bronzezeitlichen Großfamilie rekonstruiert werden, mit Familienmitgliedern, deren Knochen in der Höhle bislang gar nicht nachgewiesen sind.

Kulturelles Erbe und wirtschaftliche Interessen

Den wissenschaftlichen Interessen und dem gesellschaftlichen Interesse am kulturellen Erbe stehen die Raubgräber und Grabräuber gegenüber, deren Tun dieses kulturelle Erbe jeweils für immer zerstört. Bereits der geschichtsinteressierte Zufallssammler kann zu dieser Vernichtung des kulturellen Erbes beitragen. Der Einsatz von Metalldetektoren zum Aufspüren und Spaten zum Ausgraben und entnehmen des Fundes führt mit Sicherheit dazu. Und entgegen landläufiger Meinung und den „Informationen“ der Gerätehersteller ist das Sondengehen ohne ausdrückliche Genehmigung der zuständigen Stellen und die Entnahme von „Zufallsfunden“ grundsätzlich verboten. Dass die unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern das Aufdecken und die Verfolgung der Straftaten erschweren, darüber schreiben die Autoren sehr ausführlich. Natürlich haben auch Länder wie Griechenland, Italien oder Frankreich ihre ganz speziellen Probleme, wie die entsprechenden Aufsätze veranschaulichen. Alle Autoren zeigen jeweils aus ihrer Sicht auch Lösungswege für das Dilemma auf, das nicht durch gewissen- und verantwortungslose Sondengeher allein verursacht wird.

Denkmalschutz im Spannungsfeld gesellschaftlicher Werte

Da gibt es die oben angesprochenen Museen, die in der Vergangenheit viel Geld für den Ankauf publikumswirksamer Gegenstände durchaus fragwürdiger Herkunft ausgegeben haben. Der Kunstmarkt ist sowohl mit seinem legalen als auch illegalen Flügel tief im internationalen Geschäft mit den geraubten Kulturgütern verstrickt. Und nicht zuletzt gibt es natürlich auch noch eine politische Komponente, die wirtschaftliche Belange – zum Beispiel der Gerätehersteller – deutlich stärker auf dem Schirm hat, als beispielsweise die Ausstattung der Archäologie und Denkmalpflege mit den zur Prävention erforderlichen finanziellen Mitteln. Das unter anderem auch hinter diesem Aspekt stehende Problem wird von den Autoren allerdings leider so gut wie gar nicht angesprochen. Schließlich muss sich die Denkmalpflege immer wieder der Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz von staatlichen Ausgaben aber auch Vorschriften (Denkmalschutz beim Hausbau oder Modernisierung) für die Denkmalpflege und systematische Erfassung des kulturellen Erbes stellen. Für die Autoren – und damit die Denkmalpfleger und Archäologen – steht die flächendeckende Sicherung und möglichst umfassende wissenschaftliche Erforschung des kulturellen Erbes als unstrittige gesellschaftliche Aufgabe fest, sie selbst als (im juristischen Sinne) hoheitliche Vollstrecker derselben außer Frage. Je nach Interessenlage und möglicherweise auch Bildungsstand gilt das sicher nicht für alle Bevölkerungsgruppen und auch nicht für die Politik, die sich in diesem Bereich eher von Spargedanken leiten lässt und bestenfalls für spektakuläre archäologische Aktivitäten Geld locker zu machen bereit ist.

Ein Buch, geschrieben von engagierten Autoren vom Fach

Das Kernanliegen des Buches ist jedoch die Auseinandersetzung mit den Raubgräbern, seien es Hobby- oder Berufskriminelle. Da geht es um gesetzliche Grundlagen, Lösungsansätze durch Kooperation oder Null-Toleranz-Politik, um Austrocknen des informellen und offiziellen Hehlermarktes und vieles andere spannende mehr. All das verstehen die Autoren inhaltlich anhand von Beispielen durchaus überzeugend zu vermitteln und es bleibt nach der Lektüre kein Zweifel, dass Archäologie und Denkmalpflege aus guten Gründen den dafür ausgebildeten Fachleuten vorbehalten bleiben muss. Das publikumsorientierte Schreiben gehört erfahrungsgemäß allerdings nicht zu den anerkannten Kernkompetenzen von Wissenschaftlern. Und so darf das Buch gelegentlich – wohlwollend formuliert – stilistisch als anspruchsvoll und manchmal „wissenschaftlich-emotional“ bezeichnet werden. Inhaltlich ist RAUBGRÄBER GRABRÄUBER in jedem Fall empfehlenswert.

Peter-René Becker, Christina Wawrzinek (Hrsg.): Raubgräber Grabräuber Im Landesmuseum Natur und Mensch. Nünnerich-Asmus Verlag 2013. Gebunden 190 Seiten.

Lesen Sie auch den GeschiMag-Artikel vom 24.04.2009: Die Römerschlacht am Harzhorn

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