Auf den Spuren der Irokesen

Rezension des Begleitbuches zur gleichnamigen Ausstellung

irokesen_katalogcover_900_9f7da7c541Für die einen sind sie der Inbegriff des weisen Indianers, für den anderen ein Sinnbild von Tapferkeit und wilden Kriegern. Friedrich Engels haben sie zur Theorie des Matriarchats inspiriert, ebenso wie sie der Frauenbewegung Anregungen für ihren Kampf um Gleichberechtigung gegeben haben. Und nicht zuletzt begegnen uns noch heute die Irokesen in Form farbenprächtiger Frisuren in der Jugendkultur als Symbol der Unangepasstheit. Keines dieser Klischees trifft das Wesen der  Kultur des irokesischen Stammesbundes aber auch keines der Klischees entspringt lediglich der Phantasie.

Geprägt werden unsere Vorstellungen von den Irokesen als beispielhafte Vertreter der indigenen Bevölkerung Kanadas und Nordamerikas nicht nur von Karl May oder J.F. Cooper. In der Erkenntnis, dass die Europäer ohnehin nicht zwischen den vielfältigen Kulturen der zahlreichen Indianergesellschaften unterscheiden können, haben diese selbst einiges zu dem idealtypischen Indianerbild mit Federhaube, Fransenanzug und Kriegsbeil beigetragen. Keine Frage, der „ursprünglichen“ indianischen Kultur auf die Spur zu kommen, ist ein schwieriges Unterfangen und deutlich wird bei der Lektüre des Buches zunächst vor allem, dass sich die Denkweise der Indigenen Bevölkerung Amerikas  hinsichtlich gesellschaftlicher und staatlicher Organisation grundlegend von der Sichtweise der europäischen Einwanderer unterscheidet. Und das nicht nur zur Zeit der französischen, holländischen und englischen Kolonialisierung, sondern auch heute noch, wie das in weiten Teilen immer noch ungeklärte rechtliche und territoriale Verhältnis zwischen amerikanischen und kanadischen Staaten und den indianischen Territorien und Verwaltungen zeigt.

Hier kommen auch die Leute des Langhauses selbst zu Wort

Das Buch nähert sich der Geschichte und Gegenwart der „Leute des Langhauses“, wie sich die irokesische Stammesliga nennt, sowohl mit historischen als auch modernen Dokumenten und kulturellen Ausdrucksformen der indigenen Bevölkerung des nordamerikanischen Kontinents. Und über das Schicksal und die Kultur, über die aktive und passive Rolle, die der militärisch, politisch und ökonomisch mächtige Stammesbund in der europäischen Geschichte Amerikas spielte, berichten nicht nur die europäischen Ethnologen und Historiker. Vielmehr kommen vor allem irokesische Wissenschaftler und Protagonisten des immer noch andauernden beziehungsweise wieder auflebenden Kulturkampfes zu Wort und liefern dem Leser durch den Perspektivwechsel ein neues Bild von den je nach Sichtweise und Interessenslage geliebten, verachteten, bewunderten oder verteufelten, wilden, weisen oder edlen Indianern.

Der Irokesenbund, ein elitärer Club mit Sendungsbewusstsein

Klar ist, dass es d e n Indianer genauso wenig gibt, wie d e n Irokesen. Und trotz des friedensstiftenden Zusammenschlusses der Mohawk, Seneca, Onondaga, Oneida und Cayuga etwa mitte des 15. Jahrhunderts, waren die unter dem Großen Gesetz im gemeinsamen Langhaus vereinten Stämme alles andere als Waisenknaben geworden. Denn auch, wenn der Zusammenschluss die blutigen und zerstörerischen innerirokesischen Kriege beendet hatte, jeder der nicht zum Bund gehörte, konnte unter das Große Gesetz und damit die Oberhoheit der Liga gezwungen werden. Und natürlich gab es weit mehr Stämme der irokesischen Sprachenfamilie, als die fünf, die sich zu den Haudenosaunee, also den Leuten des symbolischen Langhauses zusammengeschlossen hatten. Krieg gehörte für die Indianer ebenso zum legitimen Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen, wie für die Europäer. Grausamkeiten waren weder den Indianern noch den Europäern fremd. Aus der Sicht der Täter lassen sich hinsichtlich Legitimation, Motivation, Ziel- und Umsetzung des jeweils als  „gerecht“ definierten Krieges jedoch durchaus interessante kulturelle Unterschiede ausmachen, Unterschiede, die gegenseitige Missverständnisse und Fehlreaktionen geradezu provozierten.

Indianershows in Deutschland

Dennoch räumt das Buch „auf den Spuren der Irokesen“ auch mit dem Vorurteil auf, Grundlage aller Konflikte der amerikanischen Kulturen seien lediglich kulturelle Missverständnisse gewesen. Das mag jeweils für die breite Masse der Gesellschaften gelten, vielen Protagonisten auf beiden Seiten war durchaus bewusst, wie der jeweils andere tickt und wie sich dies zu seinem jeweiligen Vorteil ausnutzen ließ. Genannt seien hier nur die indianischen Stars des Showbusiness, wie die Mohawk Ester Deer oder der Oneida Graham Greene. „So strömten im Jahre 1879“, schreibt Karl Markus Kreis in seinem Aufsatz „Schau, Spiel und ein wenig Belehrung: Show-Irokesen in Deutschland“, „Tausende zu einer der ersten Indianerschauen in Deutschland, bestehend aus neun Irokesen und einem Comanche“, um die Stammesgenossen der Helden vieler Romane und Erzählungen live und authentisch zu erleben. Die indianischen Profis kannten die Bedürfnisse ihres Publikums genau und lieferten mit Kampfszenen, Tänzen, Reden und dem irokesischen Lacrosse-Ballspiel das, was es erwartete.

Indianer für Volk und Bildungsbürgertum

Ganze indianische Schaustellerdynastien tourten durch Deutschland, wie die Truppe der Mohawk-Familie Deer. Ein entfernter Verwandter der Deers präsentierte sich als der gebildetste Mohawk, der jemals in einem Reservat geboren wurde der Öffentlichkeit. In tadellosem Deutsch, so die zeitgenössischen Berichte um 1910 sprach John Ojijatekha Brant-Sero über die Kultur seines Volkes unter anderem beim Verein für Erdkunde und anderen seriösen Institutionen. Allein die Lektüre dieses relativ kurzen Aufsatzes der – wie jedes Kapitel – durch zahlreiche kommentierte Objekte der Ausstellung ergänzt wird – vermittelt dem Leser, wie sehr unser Bild vom Indianer durch Unterhaltungsliteratur und Shows des 19. Jahrhunderts geprägt ist. Die Qualität unseres landläufigen Indianerbildes entspricht in etwa der vom Besuch des Hofbräuhauses geprägten Vorstellung eines Amerikaners von der „Deutschen“ Kultur.

Die irokesische Kultur lebt

Aber die indianische Kultur in all ihren Facetten ist nicht Geschichte. Sie ist lebendig und konfliktreich wie eh und je. Und so vermittelt das letzte Kapitel „Autonomie und Aktivismus im 20. und 21. Jahrhundert“ die Herausforderungen, vor denen sich nicht nur die amerikanische Gesellschaft bei der Auseinandersetzung mit den indigenen Bevölkerungsgruppen stellen muss. Längst sind die Fragen, die die emanzipatorischen Bewegungen hinsichtlich Souveränität und kulturelle Identität aufgeworfen haben, Gegenstand von UNO-Konferenzen und UNO-Resolutionen, die sich generell mit den Rechten indigener Bevölkerungen befassen. Für den außenstehenden Betrachter scheint es dabei in erster Linie um Geld und Geschäft zu gehen – wie viele amerikanische Unterhaltungsfilme, die die Thematik Spielcasino in Indianerreservaten aufgreifen – suggerieren. Der Leser des vorliegenden Buches weiß es am Ende besser. Denn es räumt nicht nur mit den traditionellen Klischees auf. Auch die modernen Probleme und Entwicklungen stellen sich sowohl vor dem Hintergrund der Geschichte als auch der aktuellen Situation sehr viel komplexer und am Ende auch spannender und vor allem verständlicher dar.  Es gibt sie noch, die Indianer, in allen Ausprägungen, in allen Assimilationsstufen und in aller kulturellen Breite. Nur ist die indianische Kultur heute etwas ganz anderes, als das, was beispielsweise dem touristischen Reservatsbesucher präsentiert wird.  Und gerade dieses Anders – vielleicht die interessanteste Botschaft des Buches – zeigt, dass die echte, lebendige indianische Kultur  – allen Widrigkeiten zum Trotz – nicht untergegangen ist.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH (Hrsg):  Auf den Spuren der Irokesen. Nicolai, 2013, 263 Seiten.

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