Expedition Grimm

Das Begleitbuch zur Landesausstellung

CoverGrimm„Die Grimms“, so erfährt der Leser im ersten Abschnitt des Begleitbuches zur Ausstellung EXPEDITION GRIMM, „zählten zu den modernsten Traditionalisten ihrer Zeit.“ Was diese Aussage tatsächlich bedeutet, erschließt sich in seiner Komplexität erst im Laufe der Lektüre. Denn das Bewahren der Vergangenheit und der radikale Bruch mit wissenschaftlichen Traditionen, ihre Arbeit im Staatsdienst bei gleichzeitig sachbezogener Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten, das Eintreten für die Monarchie und eine bürgerliche Verfassung sind die Extreme des Lebens der Brüder Grimm, die sich auch in ihren wissenschaftlichen Werken ausdrücken.

Das germanistische Forschungsprojekt der grimmschen Arbeits- und Redaktionsgemeinschaft war auch die Grundlage der 1812 erschienenen Kinder- und Hausmärchen, denen die Brüder in der breiten Öffentlichkeit ihre bis heute ungebrochene Popularität verdanken. Weit weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert ist das Werk, mit dem sich Jacob und Wilhelm Grimm in der damaligen Wissenschaftslandschaft Respekt verschafft und – wie es im Begleitbuch heißt, einen „Meilenstein der modernen germanischen Philologie“ gesetzt haben. Mit dem im gleichen Jahr wie die Märchen erschienenen „Lied von Hildebrand und Hadubrand und das Weißenbrunner Gebet“ war das altdeutsche Lied erstmals sprachwissenschaftlich untersucht und kritisch editiert worden.

Die grimmsche Methode war eine „verteufelt gelehrte“ Angelegenheit

In der Praxis bedeutete dies die Analyse des Versaufbaus des Originals und der Geschichte der inhaltlichen und sprachlichen Veränderungen des Werkes im Laufe der Zeit. Dazu wurde das ursprüngliche Textfragment zunächst zeilengetreu abgedruckt, anschließend „wiederhergestellt“ und schließlich wörtlich in das Neuhochdeutsche übersetzt. Darauf folgte eine „nachdichtende Umschreibung“, insgesamt „verteufelt gelehrt“, wie es der Schriftsteller Achim von Arnim formulierte. In Bezug auf Buch und Ausstellung weist der Titel EXPEDITION GRIMM auf die Reise der Leser und Besucher in die unbekannten Sphären des Werkes und Lebens der Brüder und die Vergangenheit und Gegenwart der Sprache hin. Aber auch für die Grimms selbst war ihre Arbeit eine lebenslange Forschungsreise auf der Suche nach den Ursprüngen und Entwicklungen der Deutschen Sprache.

Die Sprache als Grundlage aller Kultur

Ob Deutsche Grammatik, Reinhart Fuchs, die Deutschen Rechtsalterthümer, die Deutsche Mythologie oder das Deutsche Wörterbuch, die Grimms waren mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit immer auf der Suche nach der Deutschen Identität und Kultur. Die, so die Grundannahme der Grimms, liege wie jede nationale Identität und jede Kultur in der Sprache. Dass die Suche nach der deutschen Identität ausgerechnet auch über den französischen Staatsdienst führte, ist nur einer der vielen faszinierenden Aspekte, der das Leben aber auch das Werk der Grimms ausmacht. Leben und Werk sind im Buch EXPEDITION GRIMM trotz einer gewissen strukturellen Trennung immer eng miteinander verwoben. Bei der Betrachtung der wissenschaftlichen Arbeiten fallen sowohl die unterschiedlichen Charaktere der Brüder als auch immer wieder die für jene Zeit erstaunlich selbstkritische Haltung auf.

Die Grimms als staatstreue Revolutionäre

Der Leser mag das eine oder andere mal hinsichtlich der Integrität des Wissenschaftlerteams so seine Zweifel entwickeln. Etwa, wenn der Wechsel vom hessischen in französischen und preußischen Dienst je nach Situation ganz offensichtlich recht umstandslos von Statten geht. Dabei waren es ohnehin bewegte Zeiten, in denen sich die Grimms bewegen mussten. Die napoleonischen Kriege mit der Errichtung des französischen Modellstaates Westphalen, der Zusammenbruch desselben und das Erstarken Preußens, die verfassungsgebende Versammlung in der Paulskirche und die 1848er Revolution. Und es scheint, sie bewegten sich weitgehend unbeschadet, sich immer auf die richtige Seite schlagend. Vor allem eine Episode im Leben der Brüder Grimm, zeigt allerdings wie geradlinig, geradezu kompromisslos sie in Wirklichkeit waren, wenn es um ihre Überzeugungen ging. Als König August von Hannover die Landesverfassung außer Kraft setzte und die Staatsdiener – zu denen auch die Grimms als Professoren der Universität Göttingen gehörten – auf seine Person vereidigte, protestierten sie gemeinsam mit fünf weiteren Kollegen (die Göttinger Sieben) öffentlich gegen diesen „Verfassungsbruch“ und verloren erwartungsgemäß ihren Job. Als einer der drei mutmaßlichen Rädelsführer wurde Jacob Grimm zudem des Landes verwiesen.

Die Grimms waren politische Menschen, aber keine Politiker

In der Rechtfertigungsschrift mit dem Titel „Jacob Grimm über seine Entlassung“ geben die Brüder (Wilhelm Grimm war daran maßgeblich beteiligt, wollte sich aber, da er noch im Königreich Hannover wohnte, nicht outen) wohl am besten die Grundlagen ihrer persönlichen Überzeugungen. Dort präsentieren sie sich als Menschen ihrer Zeit, als Romantiker, als Bewahrer des Vergangenen, als bürgerliche Konstitutionalisten (Verfassungsbefürworter) und Streiter für eine deutsche Nation und als moderne, innovative Wissenschaftler, deren Forscher- und Erkenntnisdrang sich weder von nationalen Grenzen noch von überkommenen Meinungen einschränken ließ. Es sind wesentliche Erkenntnisse – wie beispielsweise das Phänomen der Lautverschiebung oder die gemeinsamen Ursprünge von scheinbar verschiedenen Sprachen – aber mehr noch die methodische und kritische Herangehensweise, die bis in unsere Zeit hineinwirken. Und am Ende könnte der Leser zum Schluss kommen, dass die Grimms auf der Suche nach nationaler Identität auf die kulturelle Internationalität gestoßen sind.

Das Buch spannt den Bogen vom Leben der Grimms über ihr Werk bis zu dessen Wirkung

Mit einem Einstieg in die Zeit, in der die Grimms hineingeboren wurden und aus der heraus das Schaffen und die Mentalität der grimmschen Arbeitsgemeinschaft erklärt wird, beginnt das Buch EXPEDITION GRIMM. Das gespaltene aber intensive Verhältnis zu Frankreich wird im zweiten Aufsatz behandelt. Den Malerbruder Ludwig Emil Grimm präsentiert der dritte Essay des Kapitels „Leben“ und die rekonstruierte Wohnung der Brüder am Kasseler Wilhelmshöher Tor lernt der Leser im letzten Beitrag des ersten Kapitels kennen, dem sich die Aufsätze des Kapitels über die Hauptwerke anschließen. Kaum weniger Informativ als die Essays sind die Abschnitte „Kindheit und Lehrjahre“, „Ein Lebenswerk beginnt“, „Im Dienste der Wissenschaft“ im Katalogteil des Ausstellungsbandes.

Sprachlich wäre noch etwas „drin“ gewesen

„Werk und Wirkung“ schließlich stellt die durchaus anregende Dokumentation des Erlebnis- und Mitmachteiles der Ausstellung vor und die Kurzbiografie von Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm im Anhang ist angenehm übersichtlich strukturiert. Keine Frage, das Buch bietet einen differenzierten Über- und Einblick in die Zeit und das Schaffen der Begründer der Sprachwissenschaften. Und es eröffnet Perspektiven auf Sprache und kulturelle Dynamik unserer heutigen Zeit, deren wir uns im Alltag kaum bewusst sind. Hätten die Autoren ebenfalls einen weniger lexikalischen Stil gewählt und auf teilweise ein wenig antiquiert wirkende Formulierungen verzichtet, das Buch könnte als rundum gelungen bezeichnet werden.

Thorsten Smidt (Hrsg.): Expedition Grimm. Sandstein Verlag 2013. Klappenbroschur, 280 Seiten.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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