Die Bemalung antiker Skulpturen

Farbrekonstruktion des Löwenaus Loutraki

Farbrekonstruktion des Löwen aus Loutraki

Dass die antiken Skulpturen bemalt waren, ist seit dem 19. Jahrhundert unbestritten. Und auch über die verwendeten Pigmente und Farben, ja sogar über verschiedene Techniken der Farbgebung haben die antiken Zeitgenossen berichtet. Trotzdem ist es ohne auf umfangreichen wissenschaftlichen Analysen basierende, handwerklich authentische Rekonstruktion nicht möglich, das tatsächliche Aussehen bemalter Skulpturen zu erfassen.

Für die authentische Rekonstruktion ist übrigens nicht nur die Verwendung des richtigen Bindemittels, also Ei, Kasein oder heißes Wachs entscheidend. Auch die verwendeten Pigmente, seien es Naturmineralien, synthetische Farbstoffe oder organische Farbsubstanzen zeigen ganz unterschiedliche Eigenschaften. Das blaue Azurit, das grüne Malachit und auch das farbstabile Ägyptisch Blau dürfen beispielsweise nicht zu fein zermalen werden, um ihre Farbkraft zu erhalten. Eine dicke Farbschicht muss dementsprechend auf den Malgrund aufgetragen werden, um ein deckendes, kräftiges Blau beziehungsweise Grün zu erzielen.

Antike Skulpturenmalerei zwischen Kunst und Handwerk

Das Arbeiten mit den antiken Farben erforderte nicht nur künstlerische Fähigkeiten, sondern in erster Linie handwerkliches Wissen und Geschick. So muss Ocker zügig und in größerer Menge aufgebracht werden, um einen schlierigen, brüchigen Farbauftrag zu vermeiden. Zinnober, das feine, homogene Quecksilbersulfat ergibt eine gleichmäßige, gut deckende Farbfläche.

Marmor war nicht edel, sondern zweckmäßig

Marmor ist übrigens für die Farben der Antike ein hervorragender Malgrund. Vor allem deshalb und nicht wegen seiner edlen Anmutung wurde er in großem Stil in der Bildhauerei verwendet. Aber es ging auch eine Nummer billiger. Häufig wurde, wie der Skulpturenschmuck an einem Tempel im sizilischen Selinunt zeigt, Kalkstein aus der unmittelbaren Umgebung verwendet. Um eine Oberfläche mit für den Farbauftrag vergleichbar guten Eigenschaften zu erhalten, erhielt die Skulptur einen Überzug aus Stuck- oder Kreidegrund. Falls erforderlich wurden mehrere Schichten des Gips- Kreidematerials, häufig mit Marmormehl versetzt, aufgetragen.

Von der plakativen zur plastischen Malerei

Vor allem für die glatte, weibliche Haut wurden gesondert aus Marmor gefertigte Teile in die Kalksteinskulptur eingesetzt. Nur der noch einmal extra vom Bildhauer geglättete Marmor erlaubte es nämlich, den weiblichen Darstellungen beispielsweise von Göttinnen mit einer leicht pigmentierten Wachslasur eine elfenbeinerne Hautfarbe zu verleihen. Auch die Hautpartien von ganz aus Marmor gehauenen Skulpturen wurden vor der speziellen Bemalung noch einmal geglättet. In der Regel wurden die Skulpturen vor dem Farbauftrag nicht grundiert und insgesamt recht flächig gefasst. Trotzdem sind spätestens seit dem Hellenismus auch mehrschichtige Bemalungen zur Steigerung der Plastizität durch Licht- und Schatteneffekte zu beobachten. Die künstlerische Farbgestaltung zur Erzielung realistischer Bilder hatte sich im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt und schließlich die Strahlkraft der einzelnen Farbe zugunsten differenzierter Abstufungen in den Hintergrund treten lassen.

Bildhauer und Maler arbeiteten Hand in Hand

Die puristischen Vertreter der marmorweißen Antike mögen es bedauern. Aber ohne entsprechende Farbgebung geht so manches Detail einer antiken Skulptur schlichtweg verloren. Und damit auch ihre Aussagekraft. So berichten die antiken Quellen von der intensiven Zusammenarbeit zwischen Bildhauer und Maler. Bereits die Planung des Werkes erfolgte gemeinsam. So manches Stück nackte Haut, das die weißen Marmorfiguren dem Betrachter zu präsentieren scheinen, wäre bei der farbgefassten Skulptur züchtig von einem Kleidungsstück bedeckt. Erst bei der Farbrekonstruktion wird deutlich, dass der Bildhauer beispielsweise das Herausarbeiten des Saumes eines Umhangs schlichtweg dem Maler überlassen hatte. Bei so komplexen Werken wie es die antiken Arbeiten sind, ist eine solche Arbeitsteilung ohne konkrete gemeinsame Planung zwischen Bildhauer und Maler gar nicht denkbar.

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