Kleiderordnungen in der Frühen Neuzeit

Das Ärgernis mit den vorwitzigen Frauen oder vom Versuch, den übermäßigen Luxus einzudämmen

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Titelblatt einer Kleiderordnung aus Reval

Das 16. und 17. Jahrhundert brachte mit den Umwälzungen der Reformation, der Bauernkriege sowie des Dreißigjährigen Krieges gesellschaftliche Änderungen mit sich. Mehr und mehr schien das aufstrebende Bürgertum danach zu streben, es dem prunkversessenen Adel gleichtun zu wollen. Ein derartiges Verhalten konnten die Landesherren nicht dulden, schließlich sahen sie dadurch das gottgewollte Ständegefüge in Gefahr. Aus diesem Grund erließen Könige, Fürsten und Herzöge überall in Europa Verordnungen, die genau vorschrieben, was genau welchem Stand angemessen war. 

In Italien und Frankreich tauchen Verordnungen für Kleidung im 13. Und 14. Jahrhundert auf, für den deutschen Sprachraum lassen sich derartige Erlasse in spätmittelalterlichen Städten nachweisen. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts werden die Bestimmungen, die nun bisweilen auch unter den Überbegriff „Policeyordnungen“ fallen, inhaltlich immer detaillierter und umfangreicher. Um 1530 legte die für den Raum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation greifende „Reichspoliceyordnung“  fest, welchem Stand welche Kleidung zustand. Bürger durften demnach weder Samt noch Seide tragen, der Wert des getragenen Schmucks war ebenfalls eingeschränkt. Den Adel selbst betrafen die Ge- und Verbote zumeist wenig oder gar nicht, so beginnt Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein seinen Erlass erst mit den „gelehrten Räten“. Neben dem ökonomischen Aspekt der Luxusverbote spielten ebenso religiöse und moralische Motive eine bedeutende Rolle, galt es doch „Sitte und Anstand“ zu wahren. Dazu gehörte es, sich seines Standes bewusst zu sein, die Obrigkeit anzuerkennen und nicht gegen die gottgewollte Ordnung zu verstoßen.

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Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf (1575 – 1616)

Es gab genaue Vorschriften für jeden Stand

Auch in den Territorien des Reiches versuchten Landesherren die Verschwendung ihrer Untertanen einzudämmen: so beklagte sich der Herzog Johan Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf  1601 in der Ordnung „So wir von von Kleidung, Hochzeiten vnd andern gemeinen Politischen Sachen vnsern Vnterthanen zu wolfarth vnnd gutem, mit reifflicher wolbetrachtung haben gemacht vnd zu halten befolen“ über die übermäßige Pracht, die besonders Frauen und Jungfrauen mit ihrer Kleidung betrieben. Dem Herzog gefiel diese Eitelkeit nicht, und sah sich folglich gezwungen, ihr entgegenzuwirken. Ratspersonen und wohlhabende Händler durften der Ordnung nach keine allzu prächtige und „ungewöhnliche“ Kleidung tragen, untersagt waren kostbarer Schmuck, teure Stickereien und Schnüre, außerdem waren an Pelzen nur die des Fuchses und des Wolfes erlaubt. Die Vorgaben für die Kleidung der Frauen waren noch ausführlicher, wie den Männern waren auch ihnen kostbare Stoffe verboten. Sie mussten mit Röcken aus Wolle in der Farbe grobgrün vorlieb nehmen. Auch die zu der Zeit beliebte Halskrause unterlag genauen Vorgaben für die Breite. Der Herzog gab den Frauen außerdem gern noch den Rat mit, statt unnötig Geld für teures Geschmeide auszugeben, dieses doch lieber in Nahrungsmittel zu investieren.

Zuwiderhandlungen konnten Ausweisungen zur Folge haben

Für gemeine Bürger und Handwerker gingen die Vorschriften sogar noch weiter: sämtliche kostbaren Stoffe waren untersagt, ebenso vergoldeter oder versilberter Schmuck. Wer es wagte dergleichen anzulegen, geriet in Verdacht, sich über seinen (gottgewollten) Stand erheben zu wollen. Auch hier gab es den wohlwollenden Rat, das Geld doch besser sinnvoll zu investieren. Ähnlich lautende Vorschriften lassen sich sowohl in protestantischen als auch in katholischen Gebieten finden, wie z.B. in der „Oberbayerischen Verordnungen“ aus dem Jahr 1599. Und auch Maximilian I. von Bayern, vertrat die Ansicht, zu viel Eitelkeit stehe den unteren Ständen nicht zu.

Wer gegen diese Vorschriften verstieß musste mit empfindlichen Geldstrafen rechnen, wie sie in der Kleiderordnung der Stadt Reval (heute Tallin) aus dem Jahr 1691 aufgeführt ist: „mit gebührendem Ernst und Nachdruck mittelst unausbleiblicher Bestraffung zu 20. 30. 50. 100. ja 200. Rthlr nachdem die Wiederspänstigkeit / und das Verbrechen ist“. Dass die Strafandrohungen durchgesetzt wurden beweisen einige städtische Strafregister. Eine weitere Maßnahme bei Zuwiderhandlung war die Ausweisung aus dem Gebiet. Schneidern und Schustern drohten Geldstrafen, wenn sie für nicht angemessene Personen arbeiteten, schlimmstenfalls sogar ein Berufsverbot. Wer unstandesgemäße Kleidung besaß durfte diese, laut einer Erklärung des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf, zumindest auftragen.

Erlasse waren offensichtlich nicht erfolgreich

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Kavaliere in Stulpenstiefeln (1629)

Offenbar waren die Policey-, Luxus- oder Kleiderordnungen wenig erfolgreich, zumindest lassen dieses ihre in kurzen Abständen erfolgenden Erneuerungen vermuten. In den Herzogtümern Schleswig und Holstein gab es demnach „vorwitzige Frauen und Jungfrauen“ die es trotz der Kleiderordnung wagten, gegen ihren Stand seidene Schürztücher zu tragen. Der Herzog wünschte eine deutliche Unterscheidung der Stände und wies in seiner Ordnung aus dem Jahr 1615 Rats- und Amtsleute an, genau auf die Einhaltung zu achten, außerdem sollte der Erlass jährlich verlesen werden.

Ein Großteil der Bevölkerung konnte sich davon allerdings kaum betroffen fühlen, da sie sich ihren Unterhalt täglich aufs Neue sichern mussten und Geld für luxuriöse Kleidung und aufwendigen Tand überhaupt nicht zur Verfügung hatte. Angesprochen durften sich diejenigen fühlen, die zu Geld gekommen waren und nun ihren Reichtum unter anderem „mit besserer Kleidung zu demonstrieren suchten“. Im 16. Jahrhundert galt das für wohlhabende Bauern, in den darauffolgenden Jahrhunderten für das aufstrebende Bürgertum.

Adel und Klerus betrafen die Kleiderordnungen selten bis gar nicht, aber ihnen riet Herzog Johan Adolf in der seinen dringend, als gutes Vorbild aufzutreten. Der Landesherr und die Ritterschaft sollten sich freiwillig selbst im Konsum beschränkten. Ein Umstand, der bei der Repräsentationsverpflichtung des Adels nur schwer eingehalten werden konnte.

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Der Begriff „Policey“, aus dem sich die heute bekannte Polizei entwickelte, entstand in der Frühen Neuzeit. Jedoch ist er zu jener Zeit ein Mittel der sozialen und ökonomischen Steuerung.

Im Europa der Frühen Neuzeit umfassten die sogenannten Policey-Ordnungen eine große Zahl verschiedener Gesetzgebungen, mit dem Ziel, traditionelle soziale und religiöse Normen zu wahren. Die Verordnungen griffen in sämtliche Lebensbereiche wie z.B. Religion, Wirtschaft, Kultur, Erziehung, Sozialwesen ein und betrafen auch Kleidung und Luxus. Mit diesen Erlassen, die häufig erneuert wurden, versuchten die Landesherren (Obrigkeiten) die Gesellschaft zu disziplinieren und Ordnung herzustellen, sowie ihre eigene Handlungsfähigkeit zu unterstreichen.

Die „Policey“ ist heute ein umfangreiches Forschungsgebiet für Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche in ganz Europa.

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