Kolumbus und der Tag von Guanahani

1492 ein Wendepunkt der Geschichte 

037Es gehört längst zum Allgemeinwissen, dass Kolumbus nicht der erste war, der Amerika aus  europäischer Sicht entdeckt hatte. Im Grunde, so verdeutlicht Stefan Rinke in seinem Buch „Kolumbus und der Tag von Guanahani“, hatte der genuesische Kaufmann und Glücksritter mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents nur wenig zu tun. Schließlich verweigerte er bis zu seinem Tode anzuerkennen, dass er nicht in Indien gelandet war und als Namensvetter für die Neue Welt durfte zu Recht der Florentiner Geschäftsmann Amerigo Vespucci herhalten.

Dabei war Kolumbus als er in See stach, geographisch durchaus auf dem Stand seiner Zeit. So war die Kugelgestalt der Erde durchaus bekannt und auch der Gedanke, Indien ließe sich erreichen, wenn man nur lange genug westwärts segelte war nicht dem Genie des Genuesen entsprungen, sondern längst wissenschaftliches Allgemeingut. Die Erkenntnis, dass sich die zeitgenössischen Geographen beim Erdumfang gehörig verrechnet hatten, darf hingegen Kolumbus zugeschrieben werden. Dass der direkte Weg nach Indien von einem mächtigen Doppelkontinent versperrt wird, hatten am Ende jene Seefahrer herausgefunden, die den schwärmerischen Berichten des seefahrenden Geschäftsmannes über die „indischen“ Reichtümer folgten, um für sich und ihre Krone einen saftigen Anteil an der Beute zu sichern.

Die Weltsicht der Europäer führte zu grandiosen Fehleinschätzungen

Beute, das waren nicht nur die indigenen Arbeitskräfte, deren menschlicher Status bei den Europäern durchaus umstritten war. Beute waren auch die Bodenschätze und nicht zuletzt das Land selbst. Das konnte als von menschlicher Zivilisation bislang unberührtes Land – so das Selbstverständnis der biblisch-christlich geprägten „Entdecker“ – von jedem in Besitz genommen werden, der als erster seinen Anspruch darauf geltend machte. Die Eingeborenen, die nur aus europäischer Sicht naive Wilde waren,  gehörten selbstverständlich nicht zu den Anspruchsberechtigten, wohl aber zum Inventar. Stefan Rinke beschreibt unsere eurozentrische Sichtweise auf die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt als eine Geschichte und  als Ergebnis grandioser Irrtümer, Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Ignoranz und Selbstüberschätzung der europäischen Protagonisten, die mit ihren Berichten nicht nur Geschichte schrieben, sondern sogar noch unser heutiges Geschichtsbild bestimmen.

Die Entwicklung einer neuen kulturellen Identität statt Europäisierung

Viele der Informationen – etwa über das Leben des Kolumbus, Eroberungen und Kolonialismus oder das große Sterben der indigenen Bevölkerung – sind nicht wirklich neu. Aber neue Informationen sind auch gar nicht der Ansatz dieses Buches. Es geht vielmehr um neue Perspektiven und Erkenntnisse. Immer wieder ertappt sich der Leser dabei wie europäisch auch seine Vorstellungen und Bewertungen beispielsweise der modernen südamerikanischen Staaten und ihrer Geschichte sind. Aber trotz Untergang des Inkareiches, trotz Ausrottung großer Teile der indigenen Bevölkerung durch Sklaverei und Krankheit, in den von den verhältnismäßig wenigen Europäern besiedelten und verwalteten Regionen des gigantischen Kontinents gab es kulturell keine wirklich europäische Entwicklung. Vielmehr entstand gerade im südlichen Teil des Doppelkontinents aus dem ethnisch-kulturellen Gemisch aus einer kleinen europäischen Führungselite, der indigenen Bevölkerung und den importierten afrikanischen Sklaven eine neue eigenständige kulturelle Identität.

Wendepunkt 1492 mit den Augen der Protagonisten  betrachtet

Unter modernen Historikern ist es inzwischen Mode, der eurozentrischen Sichtweise eine Abfuhr zu erteilen. Aus ehemaligen Helden wie Kolumbus werden dann Verbrecher, aus naiven Wilden hochkultivierte Opfer. Dabei liegt auch dieser schlichten Umkehr, das gleiche christlich-abendländische schwarzweiß Denken zugrunde wie der Vorstellung von Europa als kultureller Mittelpunkt der Welt. Stefan Rinke geht da anders vor. Er untersucht die komplexen geistigen, wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründe und Entwicklungen in Europa, die zu dem Ereignis und der Interpretation der „Entdeckung“ der Neuen Welt und ihre Folgen geführt haben. Er vermittelt, wie es zum Bild von den skurrilen menschenfressenden Antipoden oder naiven Wilden kommen konnte und worauf die Vorstellung vom Anbruch eines neuen Zeitalters tatsächlich beruht. Dem stellt er die Jahrtausende alten kulturellen Entwicklungen des für die Europäer neuen Kontinents gegenüber, deren Kontaktraum – die vorgelagerten Inseln – ebenfalls von differenzierten Gesellschaften besiedelt war. Die eurozentrische Geschichtsschreibung bringt es allerdings mit sich, dass die Quellenlage über die Strukturen und Denkweisen der indigenen Gesellschaften zur Zeit der europäischen Entdeckung denkbar schlecht ist. Dennoch wagt Rinke in seiner Einführung, die erste Begegnung zwischen Kolumbus und den Bewohnern der Insel Guanahani auch aus der Sicht eines Dorfvorstehers – als Gegenentwurf zu den Ausführungen im Reisebericht des Kolumbus – zu beschreiben.

Vorurteile und ihre kulturelle Basis

Rinke präsentiert mit seinem Buch also ein wenig mehr als die übliche Geschichts(be)schreibung. Er vermittelt am Beispiel des „Wendepunktes der Geschichte“ die kulturell bedingten Grenzen und Interpretation der Wahrnehmung von Fremdem und Unbekanntem. Er zeigt aber am Beispiel des Umgangs mit dem Eurozentrismus in der Geschichtswissenschaft auch, wie und aufgrund welcher Umstände sich diese Wahrnehmungen und Bewertungen im Laufe der Zeiten sowohl verfestigen als auch verändern können. Für den Leser gibt dieses Buch eine spannende und unterhaltsam geschriebene Lektüre aber auch eine Menge Anlass zum Nachdenken. Denn es zeigt nicht zuletzt, wie stark auch die idividuelle Wahrnehmung vom kulturellen Hintergrund und persönlichen Interessenlagen des Betrachters abhängt.

Stefan Rinke: Kolumbus und der Tag von Guanahani. 1492 Ein Wendepunkt der Geschichte. Theiss 2013. Gebunden mit Schutzumschlag, 190 Seiten.

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