Der Krieg ernährt den Krieg

Die Versorgung der Heere im Dreißigjährigen Krieg

CallotgDer Krieg ernährt den Krieg, so das Credo von Peter Ernst von Mansfeld, einem der bekanntesten Söldnerführer alten Schlages in der frühen Phase des Dreißigjährigen  Kriege. Und was er damit meinte, war grausam. Denn der Krieg hielt sich selbst am Leben und fraß die Menschen. Aber auch die anderen Heerführer dieser Zeit hatten keine andere Wahl: Mangels ausreichender Logistik und finanzieller Ressourcen mussten sie ihren Armeen aus dem Land ernähren.

Die Wirtschaftskraft und damit die finanziellen Mittel der Fürstentümer und Königreiche im 17. Jahrhundert waren in der Regel äußerst dürftig. Die regulären Einnahmen reichten meist nur zum Luxusleben der Potentaten. Für die Truppen, die die Herren glaubten unterhalten und in den Krieg schicken zu müssen, hatten sie hinten und vorne kein Geld mehr übrig. Das war so bei den Habsburgern, wo selbst für die Bezahlung wichtiger Kuriere oft kein Heller aufzutreiben war. Aber auch der gut wirtschaftende Maximilian von Bayern konnte nur in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges seine Armee ordentlich besolden. Und bei den Schweden lief es, nach disziplinierten Anfängen, nicht anders. Die Kosten waren einfach zu hoch.

„Soll der Soldat leben, so gehört Geld dazu.“

Die Folge: Die Heere, einmal aufgestellt, halfen sich selbst, wenn die Bezahlung ausblieb. Die Söldnertruppen, vom General bis zum Pikenier, raubten, requirierten und trieben auf eigene Rechnung Schutzgelder ein, so gut es eben ging. Jeder, zumindest die Offiziere, wollte so schnell wie möglich reich werden. Die einfachen Söldner trieb häufig die schiere Not. So schrieb Peter Ernst von Mansfeld: „Soll der Soldat leben, so gehört Geld dazu. Gibt man es ihnen nicht, so nehmen sie es, wo sie es finden… Sie nehmen alles, sie plündern alles. Sie schlagen und erschlagen, was ihnen Widerstand leistet.“

Und Mansfeld, der Kriegsunternehmer, wusste von was er redet. Häufig genug haben seine Truppen, für wen sie auch gerade kämpften, sich plündernd und mordend über die Landstriche, in denen sie sich aufhielten, hergemacht. Die anderen Heere, seien es die der katholischen  Liga unter Tilly oder die des „tollen Halberstädters“ ( Christian von Braunschweig), die während des Dreißigjährigen Krieges durch das Deutsche Reich zogen, waren nicht viel besser. Sie nahmen es von der Bevölkerung, wenn es ihnen an Mitteln und Nahrung fehlte. Und es fehlte eigentlich immer.

Wallenstein trieb vor allem bare Münze ein

Auch die Armee Albrecht von Wallensteins, des Kaisers Generalissimus, war in dieser Hinsicht bei Freund und Feind gefürchtet. Zwar verfügte der 1625 mit der Aufstellung eines Heeres beauftragte Wallenstein über weit mehr Mittel als alle anderen. Zudem half ihm sein überragendes Organisationstalent. Und sein Fürstentum Friedland lieferte viel von dem, was die Armee benötigte. Doch all dies wollte bezahlt werden. Wallenstein brachte diese Gelder durch Kontributionen auf. Er war einer der ersten, die kaum Naturalien, sondern bare Münze forderte. So vom Hochstift Magdeburg im Jahr 1627 über 680 000 Taler, ein Jahr später vom Herzogtum Pommern 1,7 Millionen Taler.

Viele Soldaten waren nötig, um diese Gelder einzutreiben. Freiwillig gab niemand. So ist auch der Wallenstein zugeschriebene Satz zu verstehen, es sei leichter 50 000 als 20 000 Soldaten im Feld zu halten. Doch die Kosten dieser für Bares kämpfenden Truppen waren enorm. So soll Dänemark, das nur von 1625 bis 1629 am Dreißigjährigen Krieg teilnahm, insgesamt 8,2 Millionen Taler ausgegeben haben. Und dies bei regulären Staatseinahmen von etwa 600 000 Talern im Jahr.

Spanien zahlte hohe Subsidien an den Kaiser

Ähnliche Verhältnisse herrschten bei den anderen Kriegsteilnehmern. Die Mittel  mussten aus den eroberten und umliegenden Gebieten genommen werden, so sie nicht über Hilfszahlungen anderer kamen. Allerdings waren diese Subsidien von interessierten oder betroffenen Staaten in ihrer Höhe meist unzureichend und trafen zudem unregelmäßig oder unpünktlich ein. Spanien hingegen unterstützte die  Armee des Kaisers, solange es konnte, relativ verlässlich mit rund 50.000 Gulden im Monat. Genug, um 13.000 Mann besolden zu können. Als es dazu ab 1641 nicht mehr in der Lage war, brach die Offensivkraft der kaiserlichen Truppen zusammen.

Die Logistik, das Herbeischaffen mit allem, was die Armee zum Leben und Kämpfen brauchte, wurde im Laufe des großen Krieges immer schlechter. Gelang es einem Wallenstein noch, seine Soldaten aus den Erträgen seiner Fürstentümer wenigstens halbwegs zu beliefern, funktionierte der Nachschub bei anderen Feldherren später kaum noch. Führte der Weg zudem durch bereits  ausgeplünderte Gebiete, kam es schnell zur Katastrophe. So bei dem Feldzug des Matthias Gallas gegen die Schweden im Jahre 1644. Ohne größere Feindberührung verlor der kaiserliche General über die Hälfte seiner Infanterie durch Hunger, Krankheit und Desertion.

Strategisches Vorgehen bei den Truppenbewegungen war in den letzten zehn Jahren des Dreißigjährigen Krieges darum kaum noch möglich. Es ging in erster Linie um die Sicherung von Landstrichen, die das eigene Heer wenigstens leidlich ernähren konnten, und gleichzeitig die feindlichen Armeen möglichst von eben dieser Futterquelle abzuschneiden. Dabei spielte es keine Rolle, ob es Freundes- oder Feindesland war.

Die Armeen blähten sich auf

Zudem blähten sich die umherziehenden Armeen immer mehr auf. Nicht der Anteil der kämpfenden Truppe wuchs, der schrumpfte sogar, sondern der des Gefolges. Kamen in den ersten Jahren des Krieges rund zwei Diener, Frauen oder Kinder auf einen Söldner, waren es später bis zu fünf Personen. Es war einfach sicherer, Räuber statt Beraubter zu sein. Zwei bis fünf Prozent der Einwohner  des Deutschen Reiches sollen, so Schätzungen, den Armeen in diesem weitesten Sinne angehört haben.

Auch bei den Waffengattungen änderte sich im Kriegsverlauf einiges. Die Kavallerie bekam einen immer höheren Stellenwert. Sie war mobiler, hatte einen wesentlich größeren Radius als das Fußvolk. Das half beim sogenannten Furagieren. Jetzt wurden auch die Gegenden ausgeplündert, die abseits der normalen Heerstraßen lagen.

Je länger der Krieg dauerte, desto unabhängiger wurden die Armeen von den Politikern. Der schwedische Feldmarschall Johan Banér sprach von seinem Heer als „diesen weitausgedehnten Staat.“ Und dieser „Staat“ entwickelte immer deutlicher so etwas wie ein eigenes Bewusstsein. Er lebte vom und für den Krieg. Frieden konnte er nicht brauchen. Denn Frieden, so fürchteten die Krieger und ihr Gefolge, konnte ihnen die einzige Lebensgrundlage nehmen, die sie kannten: den Krieg.

Mehr zu diesem Thema auf GeschiMag:

Matthias Gallas, der Heerverderber

Wallensteins Bankier, de Witte

Mansfeld, der Sölnerführer

 

Werbeanzeigen

2 Kommentare

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Dreißigjähriger Krieg

2 Antworten zu “Der Krieg ernährt den Krieg

  1. Hätte es damals schon sowas wie den Euro gegeben, hätte so mancher Staat, der in der heutigen Europäischen Union und der EURO-Zone „gut situiert“ dasteht, den Status Griechenlands gehabt; d. h. absolut überschuldet!“ De facto waren sie das schon nach nur wenigen Jahren Krieg! Hieran zeigt sich auch der tiefe zivilisatorische Fall Europas nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches mit seinen extrem effizienten und disziplinierten Legionen, eben BERUFSSOLDATEN, keine Söldner! Einen ähnlichen oder vergleichbaren Status erreichten die europäischen Staaten doch erst wieder im späten 18., einige aber auch erst im 19. Jahrhundert mit ihren stehenden Heeren. Noch im Nordischen Krieg (1701 – 1709) bezwang Peter I. das schwedische Heer unter Karl XII., dessen Nachschublinie auf dem Weg in die Ukraine gnadenlos überdehnt war, indem er alle möglichen Furage(Versordungs-)quellen des Gegners beim Zurückweichen sukzessive vernichten ließ, um dem schwedischen Heer die Existenzgrundlage zu entziehen, es zu schwächen, bis er es bei Poltawa durch ein Einkesselungsmanöver vernichtend schlug.
    Selbst die so hochgerühmte Royal Navy Großbritanniens sah sich außerstande, bzw. das Parlament war nicht willens, zwischen 1670 und 1797 die Heuer/ den Sold der Offiziere Matrosen auf Seiner/ Ihrer Majestät Schiffen entsprechend der aktuellen Teuerungsraten anzupassen, sodaß zum Zeitpunkt der großen Flottenmeutereien 1797 (Spithead und Nore) ein Offizier und Matrose noch genausoviel Pfund/Schilling/Pence pro Jahr erhielt, wie zur Zeit Charles II. Nur mit dem Unterschied, dass der Anteil der Prisengelder, den die Flaggoffiziere (Admiralsränge), Kommandanten je nach Standort im Falle eines Krieges ein Vermögen einbringen konnten, sofern die eroberten Prisen brauchbar und durch das Navy-Board (Admiralitätsbehörde) entsprechend in klingende Münze umgewandelt werden konnte. Für die einfachen Seeleute kam noch die Sorge um die Angehörigen hinzu, die nicht selten der Armut anheimfielen, weil korrupte und geldgierige Zahlmeister ihre Heuern unterschlugen oder weil die für die Zahlung der Heuer zuständige Behörde der Navy unter manch fadenscheinigem Grund die Auszahlung des Solds verweigerte oder für die Auszahlung Wuchergebühren erhoben.

    Wirtschaftlich, pollitisch und zivilisatorisch war der Dreißigjährige Krieg eine der größten Katastrophen, die Mitteleuropa und vor allem das sogenannte Heilige Römische Reich Deutscher Nation jemals heimgesucht hatte. Das verwerflichste an dem ganzen Krieg war, dass – im Grunde genommen – dieser Krieg nur ausbrach aufgrund des provokativ aggressiven und fanatisch-motivierten Agierens des höchsten Repräsentanten und Oberhauptes, des römisch deutschen Königs und Kaisers Ferdinand II. in Wien selbst! Das die jeweiligen Bündnispartner der beiden Konfliktparteien sich im Verlauf des Krieges ebenfalls am „römisch deutschen Kuchen“ gütlich tun wollten, war nur eine Frage der Zeit.

  2. Wolfgang Buchholz

    Der Unterhalt von Armeen war und ist zu allen Zeiten neben den politischen Aspekten vor allem immer ein finanzielles Problem, sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten.
    In der Zeit der Söldnerhheere im 16. und 17. Jhdt.war das System. Der Krieg muß den Krieg ernähren! Allgemein. Das System Wallensteins unterschied sich zumindestens in der Zeit zwischen 1625 und 1630 von allen anderen „Mililtärunternehmern“ nur dadurch,, dass mit Geldern arbeitete, die er über den Weg persönlich haftender Kreditaufnahmen auf dem freien Kreditmarkt unter Vermittlung eines Mannes de Witte bezahlt wurde. Deshalb war er auch immer wieder bereit gegen Zahlungen in besetzten Gebieten durch Kommunen, so im Fall Magdeburgs 1629, sogar Zugeständnisse zu machen, die militärisch gesehen falsch waren. Erlaubnis die Festungsanlagen zu erweitern. Sein auf Krediten aufbauendes System war höchst modern, aber auch sehr gefährlich, wie heute jeder Student der Volkswirtschaft in den ersten Semestern erfährt. Die mehr oder weniger erpressten Zahlungen in Bar oder Lieferungen von Lebensmittel oder anderen für den Unterhalt der Söldner notwendigen Dinge, sind bis in die Neuzeit immer üblich gewesen. So erlebten die von den Sowjetarmeen 1944/45 besetzten Gebiete in Osteuropa wie eine Armee sich praktisch aus dem Lande ernähren mußte, mit ähnlichen Schrecken wie in der Zeit Wallensteins; denn ungenehmigte Plünderungen und Übergriffe auf die Bevölkerung sind dabei nicht auszuschließen. Wenn dann noc h ideologische Aspekte und Propaganda dazukommen, dann entgleiten die Armeen oft ihren Befehlshabern.
    Deshalb waren die oft von Militärhistorikern als ineffektive Kriege bezeichneten Kriege im 18.Jhdt. mit ihrem Magazinsystem zwar taktisch und oft auch strategisch gesehen schleppend und ohne den später immer wieder als höchstes Ziel gesehenen „Sieg“, für die betroffenen Länder und ihre Bevölkerung aber weniger zerstörerisch. Was die Logistik in den Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges anbetrift, so war die Beherrschung des mitteleuropäischen Flußläufe fast immer das Ziel der Operationen.
    Der Wasserweg war das schnellste und sicherste Wegsystem.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.