Aufstieg und Fall des Alten Ägypten

Die Geschichte einer geheimnisvollen Zivilisation vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis Kleopatra

031Mit Narmer, jenem ägyptischen König, der 2950 vor Chr. die rivalisierenden Territorien im fruchtbaren Niltal unter seiner Herrschaft vereinte, beginnt die wechselvolle Geschichte des pharaonischen Ägypten. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre später starb mit Kleopatra auch das ägyptische Gottkönigtum, Ägypten wurde römische Provinz. Toby Wilkinson, Professor in Cambridge und international anerkannter Experte für die Geschichte des Alten Ägypten, schildert in seinem Buch über die Geschichte der geheimnisvollen Kultur die komplexen machtpolitischen und gesellschaftlichen Hintergründe der auf den unbefangenen Betrachter so geschlossen und strahlend wirkenden Pharaonenkultur.

Nur Ägypten, so stellt Wilkinson fest, wies unter den frühen Kulturen der antiken Welt von Anfang an das Königtum als Regierungsform auf. Und nur in Ägypten, war nach Auffassung des Autors das monarchische System so beständig und perfekt, dass es in Form der Pharaonenkultur immerhin gut 3000 Jahre Bestand hatte. Bereits vor dem Begründer der 1. Dynastie Narmer, lassen sich Relikte des Königtums im Niltal nachweisen. So beispielsweise im sogenannten Bemalten Grab bei Nechem. Hier finden sich in einem Fries die wesentlichen Elemente, die die Ikonographie des ägyptischen Königtums bestimmte. Dazu gehört neben verschiedenen Kulthandlungen des Königs und dem spektakulären Festzug mit Schiffen auch das obligatorische Erschlagen gefesselter Gefangener durch die Königsfigur. Dieses Motiv zieht sich nicht nur durch die ägyptische Bildersprache. Gewaltausübung, Unterdrückung und Menschenverachtung war ein zentrales Herrschaftsinstrument der Pharaonen.

Eine Geschichte von Prachtentfaltung, Machtkämpfen, Intrigen und Fremdherrschaft

Das zweite Standbein der Machtausübung und der Herstellung territorialer Einheit war die Herrschaftsideologie und ihre architektonischen und politischen Ausdrucksformen, denen sich Wilkinson auf rund 650 Seiten ebenso widmet, wie Intrigen, Machtkämpfen, Expansionen, Zusammenbrüchen, Zerfall oder Fremdherrschaft (weitere 200 Seiten liefern eine Chronologie, umfangreiche Anmerkungen und eine umfassende Bibliographie). Die Idee vom Gottkönigtum als Garant der territorialen Einheit und gesellschaftlichen Stabilität und Kontinuität war sowohl in seiner Umsetzung als auch in seinem Ergebnis ständigen Veränderungen unterworfen. Dabei bekommt der Leser den Eindruck, dass hier nicht nur Glaube, sondern auch politisches Kalkül und  – angesichts der jeweiligen Realitäten – gelegentlich eine gehörige Portion Größenwahn eine gewichtige Rolle bei der Frage gespielt hat, wie sich das Verhältnis zwischen dem obersten Schöpfergott und seiner weltlichen Manifestation gestaltete.

Von nationaler Einheit bis Bürgerkrieg

Tatsächlich gab es nur wenige Phasen in der ägyptischen Geschichte, in denen es den Pharaonen gelungen war, die territoriale Einheit des Landes zwischen dem Nildelta und dem nubischen Kusch herzustellen und aufrecht zu erhalten. Denn obwohl durch den Nil miteinander verbunden, waren Ober- und Unterägypten zwei Länder, die sich vor allem hinsichtlich ihrer geographischen und wirtschaftlichen Strukturen erheblich voneinander unterschieden. Strategisch jedoch konnte die eine ohne die andere Region im Kräftespiel der orientalisch-afrikanischen Mächte nur mit Mühe ihre Souveränität erhalten. Es erscheint paradox, aber ausgerechnet das Streben der ägyptischen Könige nach territorialer Einheit, Kontinuität, Ordnung und absoluter Kontrolle stellte diese Ziele immer wieder in Frage. Anpassung durch Veränderung, durch Modernisierung gehörte nur selten zum politischen Repertoire des ägyptischen Königtums. Und so war die lange Geschichte des Pharaonenstaates – der wegen zeitweiliger Bedeutungslosigkeit diesen Namen nicht immer verdiente – geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb des Reiches bis hin zum Bürgerkrieg, von Dezentralisierungstendenzen, von Fremdherrschaft und drohender Vernichtung.

Arbeitsniederlegung im Reiche des Pharao

Und dennoch scheint das Konzept der durch den Pharao vermittelten oder ausgeübten göttlichen Herrschaft „über beide Länder“ mit seinem Hang zur Gigantomanie, Ressourcenverschwendung, zur Ikonographischen und schriftlichen Verewigung und dem sich ständig neu Erfinden so erfolgreich gewesen zu sein, dass es – länger als jedes andere Herrschaftssystem – mehr als drei Jahrtausende überdauerte. So zumindest die Interpretation Toby Wilkinsons, der mit „Aufstieg und Fall des Alten Ägypten“ ein Werk verfasst hat, dass die ganze Komplexität der Geschichte dieses Staates von der frühdynastischen Zeit über das Alte und Mittlere Reich bis zum Neuen Reich und seinem Untergang darstellt. Dabei stößt der Leser beispielsweise auf den ersten dokumentierten Streik in der Geschichte. Ausgerechnet unter Ramses III., jenem Pharao, der die Seevölker zurückgeschlagen  und Expeditionen ausgeschickt hatte, um die von ihm restaurierten Tempelbauten mit Reichtümern auszustatten, weigerten sich die Handwerker, die am Königsgrab arbeiteten, ihre Tätigkeit fortzusetzen, solange der versprochene Lohn und die damit verbundenen Getreiderationen ausblieben. Die Verwaltung des „allmächtigen“ Pharao musste immer wieder klein beigeben.

Ägypten war phasenweise eine einzigartige Kultur

Zweifellos eröffnet Toby Wilkinson seinen Lesern tiefe und oft genug auch weitgehend unbekannte Einblicke in die wechselvolle Geschichte des afrikanischen Landes, das eben nicht nur als mächtiges Großreich brillierte, aber  noch in seinem Untergang eine große kulturelle Faszination auf die zeitgenössischen Mächte ausübte. Natürlich sind es die großen Pyramiden des Alten Reiches oder die mächtigen Königsgräber und Nekropolen und die schillernden Persönlichkeiten des Neuen Reiches, die zunächst in Zusammenhang mit Napoleons Ägyptenfeldzug und später mit der Entdeckung des Grabes Tutanchamuns durch Howard Carter 1922 Wellen von Ägyptomanie in den USA und Europa auslösten. Und möglicherweise sind es eben diese Ereignisse, die uns heute das Alte Ägypten als etwas Einzigartiges erscheinen lassen. Der Leser, der das flüssig und anschaulich geschriebene Buch aufmerksam durchliest, mag dieser Bewertung für einzelne Phasen zustimmen. Bei der Betrachtung der gesamten Geschichte des Alten Ägypten kann er möglicherweise auch zu einer etwas anderen Schlussfolgerung kommen, als der Autor.

Das tut dem Lesevergnügen und den spannenden Erkenntnissen jedoch keinen Abbruch. Denn eines ist natürlich richtig. Das Alte Ägypten hatte wie das Hethitische, Persische oder Babylonische Reich im vorderen Orient seine besonderen Ausprägungen von Legitimations- Repräsentations- Unterdrückungs- und Propagandamechanismen der Herrschaft. Wilkinsons These der dreitausendjährigen ungebrochenen monarchischen und nationalen Tradition auf der Basis eines allgemein anerkannten Gottkönigtums, hat er allerdings mit seinen eigenen Ausführungen auf unterhaltsame Weise zumindest relativiert. Aber eine vergleichende Analyse von Herrschaftsformen des Alten Orient und die Definition von Nationen in der Frühgeschichte und Antike ist auch nicht das Thema dieses Buches.

Toby Wilkinson: Aufstieg und Fall des Alten Ägypten. Die Geschichte einer geheimnisvollen Zivilisation vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis Kleopatra. Deutsche Verlags-Anstalt 2012. Gebunden mit Schutzumschlag, 825 Seiten.

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