Der Streit um die Kalenderreform – Fanatismus gegen Vernunft

Gregory_XIIIAm 4. Juni 1584 kam es in der konfessionell gemischten Stadt Augsburg zum Eklat. Der katholische Stadtvogt wollte den Anführer des protestantischen Widerstandes, den Pfarrer Georg Müller, aus der Stadt schmeißen. Von der Frau des Geistlichen alarmiert, wussten die Protestanten dies zu verhindern. Es folgte  eine Schießerei – der Stadtvogt wurde verletzt. Katholiken und Protestanten standen sich unversöhnlicher denn je gegenüber.

Was war der Grund, oder besser, der Auslöser? Eine an sich harmlose, ja wünschenswerte Veränderung. Der fehlerhafte, von Julius Caesar 45 v. Chr. eingeführte Kalender, sollte durch einen Neuen, das astronomische Jahr abbildenden, ersetzt werden. Eine Forderung, die von vielen Seiten, auch von Luther, seit langem erhoben worden war.  Also gut? Nein, denn das Regelwerk hatte für die Evangelischen einen üblen Makel: Es kam aus Rom, von Papst Gregor XIII.

Die Reaktionen der Protestanten in dieser religiös so verbohrten Zeit waren daher von entsprechender Härte. Der Tübinger Theologieprofessor Jakob Heerbrand sprach vom „Geheul des Wolfes“. Was sei schon vom „römischen Antichristen“ mit seinen „abscheulichen und widerwärtigen Irrtümern…“ zu erwarten? Die Wortwahl andere Gegner der Reform war nicht feiner.

Der veraltete julianische Kalender wurde abgelöst

Zu den Fakten: Mit der Bulle „Inter gravissimas“ hatte Gregor XIII. 1582 den neuen Kalender eingeführt. Auf den 4. Oktober dieses Jahres folgte unmittelbar der 15. Oktober – 10 Tage wurden gestrichen, um den Julianischen Kalender an  den Gregorianischen anzupassen.

Dahinter, wie bei allem was aus Rom kam, vermuteten die Protestanten übles. Der Tag des Jüngsten Gerichts, den einige demnächst erwarteten, solle verschleiert werden. Zu dem kenne sich weder Mensch noch Tier mehr aus, ja die göttlicheOrdnung würde fundamental gestört.

Die Folge: Protestanten in ganz Europa verweigerten die Annahme des päpstlichen Regelwerkes. Mit dem Ergebnis, dass die Menschen mit zwei unterschiedlichen Zeitrechnungen leben mussten – der nach dem alten und der nach dem neuen Stil. Das führte im Reich zu kuriosen Situationen. Ein Reisender, der nach neuem Stil das katholische Ingolstadt am 1. Januar verließ, kam im evangelischen Nürnberg – alter Stil – am 21. Dezember an. In konfessionell geteilten Städten wie Augsburg war die Situation richtig kompliziert. Wann wurde gearbeitet, wann war Sonntag, wann Weihnachten? Und wie sollte der Handel mit dem katholischen Umland funktionieren?

In Augsburg prallten die religiösen Gegensätze hart aufeinander

 Gerade in Augsburg waren die religiösen Fronten ohnehin verhärtet. Als sich der Rat der Stadt 1584 in seiner Mehrheit für den Gregorianischen Kalender entschied, zudem Truppen anwarb, spitzte sich die Lage zu. Die evangelischen Prädikanten schrien Zeter und Mordio – und verweigerten sich der päpstlichen Zeitrechnung. Am 3. Juni 1584 riefen sie von den Kanzeln dazu auf, das nach alter Zeitrechnung bevorstehende Himmelfahrtsfest wie hergebracht zu feiern. Der Rat verbot dies sofort und wollte den lautesten Aufwiegler Georg Müller los werden. So kam es am 4. Juli zum Aufruhr.

Danach kehrte äußerlich eine gespannte Ruhe in Augsburg ein. In den folgenden Jahren gelang es den Regierenden den neuen Kalender weitestgehend durchzusetzen. Aber noch Jahre später arbeiteten einige Protestanten an den Sonntagen neuen Stils, viele feierten die Kirchenfeste nach dem alten Kalender. Und als der schwedische König Gustav Adolf 1632 Augsburg eroberte, kehrte die Stadt sofort wieder zur julianischen Zeitrechnung zurück.

Es gab auch Stimmen der Vernunft

Aber es gab auch in dieser von Ideologien so stark geprägten Zeit Stimmen der Vernunft im protestantischen Lager. Der bedeutende Astronom Johannes Kepler schrieb dazu 1597: „Was will denn das halbe Deutschland machen? Wie lange will es sich von Europa abspalten? … Auf was sollen wir warten?“

Doch das Vorurteil der Protestanten war zum Teil zählebig. Nürnberg wechselte erst 1699 zum Gregorianischen Kalender, die Toskana 1750 Zeit. Mit am längsten hingen im westlichen Europa  die Engländer  und Schweden dem Vergangenen nach: 1752 bequemten sich auch diese Staaten, die neue Zeitrechnung anzunehmen.

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