Kon Tiki und die Balsaholzflöße

BalsafloßAls der norwegische Forscher Thor Heyerdahl 1947 mit einem Balsaholzfloß rund 4300 Seemeilen von Peru nach Polynesien segelte, war das in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Kaum jemand hatte zuvor geglaubt, dass die als primitiv geltenden Wasserfahrzeuge solche Distanzen zurücklegen könnten. Die Vorstellung einer vorgeschichtlichen Besiedelung Polynesiens vom südamerikanischen Kontinent aus galt als Spinnerei und nicht zuletzt läutete die Aktion Heyerdahls die Ära der experimentellen Schiffsarchäologie ein.

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Am 21. März startet in den deutschen Kinos „Kon-Tiki“, die Spielfilm-Version von Thor Heyerdahls berühmter Floßreise durch den Pazifik von 1947. Die riskante Forschungsreise ist für den Norweger die einzig reale Chance, seine Theorie zu beweisen, das Polynesien vor 1500 Jahren zuerst von Südamerika aus besiedelt worden ist. Nähere Informationen zum Film

 

Als Heyerdahl ab 1969 seine Schilffloßexperimente Ra I, Ra II  und Tigris durchführte, um die Möglichkeit eines kulturellen Austausches zwischen Afrika (vor allem Ägypten), Südamerika und Polynesien zu untersuchen, das war das faszinierende Balsagefährt weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dabei stellen die mächtigen Hochseeflöße der voreuropäischen peruanischen und ecuadorianischen Küstenkulturen eine einzigartige technologische Entwicklung dar. Archäologische Funde geben immerhin Anlass zu vermuten, dass mit den spezifischen südamerikanischen Wasserfahrzeugen bereits etwa um 300 nach unserer Zeitrechnung die rund 1000 Kilometer vom Festland entfernten Galapagosinseln regelmäßig angesteuert wurden.

Südamerikanische Hochseeflöße, ein Gegenentwurf zum europäischen Schiffbau

Balsaholzflöße wurden erstmals in Zusammenhang mit der Erkundung Südamerikas durch die Spanier erwähnt. So begegnete die Expedition Francisco Pizarros  auf seiner zweiten Reise entlang der Pazifikküste Südamerikas 1526 peruanischen Handelsseglern, noch bevor das Inkareich entdeckt worden war. Das erste Fahrzeug, das sich den Europäern vor der nordecuadorianischen Küste zeigte, entsprach so gar nicht dem gängigen Konzept eines Schiffes. Zwar führte das Fahrzeug Masten und Rahen mit rechteckigen Bauwollsegeln, ganz wie die Schiffe der spanischen Entdecker. Durch die ausgeklügelte Takelage wurde jedoch statt eines mehr oder weniger eleganten Schiffskörpers ein gewaltiges Floß angetrieben.  Und doch erwiesen sich die indianischen Fahrzeuge in vielerlei Hinsicht den europäischen Schiffen als ebenbürtig. So konnten sie es nicht nur bei der Manövrierfähigkeit mit den spanischen Seglern aufnehmen. Mit einer Ladung von etwa 25 Tonnen und einer Länge von rund 30 Metern waren sie kaum kleiner und bei einer Geschwindigkeit von 4 bis 6 Knoten kaum langsamer als ihre europäischen Gegenstücke.

Das Geheimnis der Manövrierfähigkeit lag in den Steckschwertern

Aus vielen zeitgenössischen Berichten geht hervor, dass fünf, sieben, neun oder elf Stämme des frisch geschlagenen Balsabaumes – immer eine ungerade Zahl – mit den überaus starken Sisalseilen zusammengebunden, und mit Querhölzern stabilisiert wurden. Die größeren Flöße waren mit einem Deck versehen, das – neben der Landung und durch eine Hütte geschützten Feuerstelle – bis zu 50 Personen und drei Pferden Platz bot. Der Hinweis auf die im Südamerika jener Zeit nicht vorkommenden Pferde spricht dafür, dass auch die Spanier die Vorteile der seegängigen Riesenflöße zu schätzen wussten. Das Geheimnis der verblüffenden Manövrierfähigkeit der „Inkaschiffe“, die selbst ein Kreuzen gegen den Wind erlaubte, ist in dem ausgeklügelten System von variabel einsetzbaren Steckschwertern (Guara) begründet, die zwischen den Stämmen durchgeschoben wurden. Der Saft des gegenüber anderen Hölzern um ein Drittel  leichteren, frischgeschlagenen Balsabaumes verhinderte übrigens, dass sich das Floß mit Seewasser vollsog, aufquoll, die Hanfverbindungen sprengte und zudem schwerer wurde. Wie seetüchtig die indianischen Küsten- und Hochseefrachter waren, wird deutlich, wenn man weiß, dass zur Fracht oft auch das wertvolle Salz gehörte.

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Aus: Jorge Juan und Antonio de Ulloa: Voyage de l’Amérique meridionale, Amsterdam 1752

Forschung nach Art der Konquistadoren

Das Floß, dem Pizarros Expedition begegnete, war bei den Europäern auf großes Interesse gestoßen. Und das bedeutete, dass die Spanier das Fahrzeug kaperten und  von den 20 Männern und Frauen, die sich an Bord befanden, erst einmal 11 über Bord warfen. Zwei Männer und drei Frauen verschleppten die Konqistadoren auf ihre Schiffe, um sie für spätere Reisen zu Dolmetschern auszubilden. Die übrigen vier überließ man mitsamt dem Floß ihrem Schicksal. Die leistungsfähigen Hochseeflöße der indigenen Bevölkerung waren noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil der peruanisch-ecuadorianischen Küstenschifffahrt. Und so ist es kein Wunder, dass nicht nur die spanischen Konquistadoren, sondern  auch Forschungsreisende des 18. und 19. Jahrhunderts immer wieder die ungewöhnlichen Wassergefährte beschrieben. So beispielsweise die spanischen Seeoffiziere Jorge Juan und Antonio de Ulloa, die solch ein Gefährt 1752 und die umfangreiche Küstenschifffahrt zwischen der ecuadorianischen Küstenstadt Guayaquil und verschiedenen peruanischen Häfen ausführlich in „Voyage de l’Amérique meridionale“ beschrieben. Oder Alexander von Humboldt, der 1810 notierte, dass die Flöße über eine Bambushütte mit mehreren Räumen verfügten.

Wo Balsa draufsteht, ist nicht immer Balsaholz drin

Wenn von Balsa-Flößen die Rede ist, sind damit übrigens – auch in den historischen Quellen – nicht immer die südamerikanischen Hochseefrachter aus Balsaholz gemeint. Balsa ist der spanische Begriff für Floß, egal aus welchem Holz und welcher Konstruktion. Um Verwechselungen zu vermeiden empfiehlt sich daher die Verwendung Balsaholz-Floß und bei alten Berichten in denen Balsas vorkommen ein genaueres Hinschauen, um herauszufinden, was tatsächlich mit diesem Begriff im Einzelfall gemeint ist. So wird in den Quellen oft auch die brasilianische Jangada, ein vergleichsweise kleines – aber ebenfalls interessantes und aus Balsaholz gebautes – Fischerfloß als Balsa bezeichnet, obwohl dieses mit den mächtigen Lastflößen der peruanischen Küste auch kulturell und historisch nichts gemeinsam hat.

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Keine Frage, die Balsaholzflöße der südamerikanischen Westküste sind einzigartig in der Welt. Als leistungsfähige Wasserfahrzeuge waren Flöße jedoch bei allen Kulturen bekannt. Es gibt kaum ein Gewässer auf der Welt, wo die Menschen nicht versucht hätten, über die Koppelung von Schwimmkörpern für ihre Zwecke geeignete Wasserfahrzeuge herzustellen. Denn Flöße können nicht nur aus zusammengebundenen Baumstämmen bestehen. Jeder Schwimmkörper eignet sich für die Konstruktion dieser Gefährte, deren Tradition weit in die Steinzeit zurückreicht. Lesen sie dazu den GesichiMag-Artikel Flöße auf Flüssen, Seen und Meeren.

 

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Schifffahrtsgeschichte

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