Die kaiserliche Ostseeflotte Wallensteins

Wie der Feldherr einen Seekrieg plante

WismarBildTextMit dem Titel „General des Balitischen und Ozeanischen Meeres und darauf habenden Armada“ hatte der Kriegsunternehmer und kaiserliche Generalissimus Albrecht von Wallenstein Anfang 1628 von Kaiser Ferdinand II. zusätzlich den offiziellen Rang des Oberkommandierenden der im Aufbau befindlichen kaiserlichen Ostseeflotte erhalten. Die war nach dem Landsieg über den dänischen König Christian IV. nach Ansicht Wallensteins notwendig, um die mecklenburgische Ostseeküste vor Einfällen der Seemächte Dänemark und Schweden zu schützen.

Der Dänische König war zwar zu Lande geschlagen, hatte sich jedoch auf seine Inseln zurückziehen können. Unerreichbar für die habsburgische/ligistische Landmacht. Seine Flotte, die in jener Zeit immerhin zu den stärksten des Ostseeraumes gehörte, schützte ihn. Und während die Kaiserlichen Ende 1627 – abgesehen von einigen Städten – nun die Küsten von der Emsmündung bis zur Oder beherrschten, drohte ihnen von Seeseite mit der dänischen und schwedischen Flotte vor allem aus der Ostsee ständige Invasionsgefahr.

Für Wallenstein war klar, eine starke Küstenverteidigung und eine Flotte mussten her, denn ohne Flotte war der Dänenkönig auf seinen Inseln nicht endgültig zu bezwingen. Und trotz des schwedisch-polnischen Konflikts, war es nur eine Frage der Zeit, bis Gustav Adolf seinen Verbündeten und Gläubigern auf protestantischer Seite zu Hilfe kommen würde.

Wie kommt ein Feldherr an eine Flotte?

Doch eine Flotte aus dem Boden zu stampfen war schon eine etwas andere Aufgabe, als ein Söldnerheer zu rekrutieren. Da mussten nicht nur Schiffe beschafft oder gebaut und ausgerüstet, sondern auch bemannt und von möglichst erfahrenen Offizieren und Admiralen befehligt werden. Ein geeigneter Flottenstützpunkt war mit Wismar schnell gefunden und auch die Befestigung der in kaiserlicher Hand befindlichen Hafenstädte der Ostsee war schnell organisiert.

Aber die Schiffbaunation, das Land, bei dem die führenden Seefahrernationen ihre Schiffe bestellten oder Schiffszimmerleute für das eigene Schiffsbauprogramm rekrutierten, waren ausgerechnet die protestantischen Niederlande. Nach holländischen Plänen waren die Schiffe Schwedens entstanden, englische Schiffbaumeister hatten in den Niederlanden gelernt und auch die Hansestädte hatten nach dem Auslaufen ihres mittelalterlichen Erfolgsmodells Kogge ganz auf die Schiffe der niederländischen Nachbarn gesetzt.

Von den Hansen, allen voran Lübeck, war allerdings für die Kaiserlichen keine Unterstützung zu erwarten. Die waren vorsorglich so neutral, dass sie sich sogar ihr ansonsten so einträgliches Geschäft mit der Vermietung ihrer Schiffe verkniffen. England und Frankreich fielen ebenfalls als Bezugsquelle aus, da sie mehr oder weniger offen die Feinde Habsburgs unterstützten. Und selbst, wenn der Anfang 1628 zum „General des Balitischen und Ozeanischen Meeres und darauf habenden Armada“ ernannte Wallenstein gewollt hätte, die Schiffe der spanischen Freunde wären wohl kaum in der Lage gewesen, an den Dänen vorbei durch den Belt in die Ostsee zu segeln. Abgesehen davon hatten die Spanier genug mit der Sicherung ihrer weltweiten Seewege gegenüber holländischer, portugiesischer, französischer und englischer Konkurrenz zu tun. Und als im Herbst 1628 die Holländer die spanische Silberflotte kaperten, forderte der spanische König – wie immer vergeblich – sogar das Eingreifen Wallensteins in den Niederlanden.

Die kaiserliche Ostseeflotte als Machtfaktor ohne Macht

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Im Vordergrund die König David, in der Schlacht von Oliwa 1627

Bereits 1627 hatte Wallenstein bei dem polnischen König um Schiffe nachgefragt, Anfang 1629 kamen – nach dem schwedisch-polnischen Waffenstillstand immerhin neun Schiffe nach Wismar und ergänzten die bis dahin vorhandenen zwei großen und drei kleinere Einheiten.  Zur polnischen „Lieferung“ gehörten auch Schiffe wie „Meermann“ (ca. 200 Tonnen, 17 Kanonen), „König David“ (ca. 400 Tonnen, 40 Kanonen) oder die schwedische Prise „Tigern“ (ca. 320 Tonnen, 22 Kanonen). Die hatten 1627 auf der Reede vor Danzig eine schwedische Blockadeflotte besiegt und dabei die „Tigern“ geentert. Fünf weitere Schiffe, so wird berichtet, lagen in Wismar zudem auf Kiel.

Wirklich bedrohlich war die kaiserliche Ostseeflotte Wallensteins für Schweden – das die kaiserlichen Ambitionen vor seiner baltischen Haustür als Herausforderung begreifen musste – faktisch zu keiner Zeit. Die Schweden nahmen die Versuche der Kaiserlichen dennoch ernst. Sie blockierten Wismar mit einer Flotte unter der Leitung von Erik Ryning selbst im Winter. Solange bis die Stadt von der Landseite erobert wurde. Gegenüber den von den Schweden bei ihrer Blockade 1629 gesichteten 12 kaiserlichen Schiffen, sechs Galeeren und zwei vor der Fertigstellung befindlichen Schiffen umfasste die schwedische Flotte insgesamt 59 Einheiten – rund ein Dutzend davon waren zur Blockade abgestellt. Aber das Zahlenverhältnis sagt natürlich nichts über die Kampfkraft aus. Mit gut geschulten Mannschaften und fähigen Offizieren hätte Wallensteins Marine die Schiffe der schwedischen Blockadeflotte sicherlich überwinden und tatsächlich ein beachtlicher Faktor im Machtgefüge des baltischen Raumes darstellen können.

Aber Wallensteins Flotte fehlten nicht nur Männer und Offiziere. Der Ersatz des von Wallenstein ursprünglich gegen die spanischen Interessen eingesetzten Admirals Graf Philipp von Mansfeld durch den spanischen Protegé Gabriel de Roy als Generalkommissar der kaiserlichen Flotte, führte neben der Verlagerung politischer Prioritäten des Kaisers offensichtlich zu einer zusätzlichen Schwächung der maritimen Schlagkraft in der Ostsee.

Seekrieg zu Anfang des 17. Jahrhunderts war auch eine Glückssache

Dabei hatte das Beispiel der spanischen Armada, die im Jahre 1588 – in Verbindung mit verheerenden Stürmen – von der zahlenmäßig unterlegenen englischen Flotte vernichtend geschlagen wurde, gezeigt, dass für einen Sieg mehr notwendig war, als über möglichst viele Schiffe zu verfügen. Und von der Disziplin, dem Drill, der professionellen Seemanschaft und der Ausbildung der Offiziere die erst die komplizierten taktischen Formationen der Flotten der großen Seefahrtnationen des 18. Jahrhunderts möglich machten, waren die Marinen zur Zeit der kaiserlichen Ostseeflotte noch weit entfernt.

Allein die Seeschlacht von Oliwa auf der Reede vor Danzig 1627 glich wohl eher einer wilden maritimen Prügelei, denn einer ordentlichen Seeschlacht. Da beschossen sich polnische Schiffe im Eifer des Gefechtes oder versuchten sich gegenseitig zu entern, nahmen ein schwedisches Schiff, das sich längst ergeben hatte nicht in Besitz, sodass es fliehen und dabei mit seinem Heckfeuer noch den polnischen Admiral töten konnte, während einige Schiffe gar nicht in die Kämpfe eingriffen. Widrige Winde, Untiefen, Nebel und andere Wettereinflüsse machten maritime Operationen zudem zu einem Vabanque-Spiel. Die Unfähigkeit von Offizieren, die ihre Posten Beziehungen verdankten – wie beim Kapitän und Admiral des schwedischen Flaggschiffes Kronan – reduzierten die militärische Wirkung der imposanten Kriegsmaschinerien oft erheblich. Ein falscher Wendebefehl des Admiral Lorentz Creutz war es, der das stolze 128-Kanonen Schiff Karls XI. 1676 auf den Grund der Ostsee schickte. Und die Wasa, das Flaggschiff Gustaf II. Adolf schaffte es bei ihrer Jungfernfahrt 1628 aufgrund von Konstruktionsmängeln und anderer Faktoren nicht einmal bis in die Ostsee, bevor es – von einer Windbö zur Seite gedrückt – durch die geöffneten unteren Kanonenpforten voll Wasser lief und buchstäblich mit wehenden Fahnen auf den Grund vor dem Stockholmer Hafen sank.

Die kaiserliche Ostseeflotte, ein Machtfaktor, mit dem Schweden rechnen musste

Keine Frage, die 1629 noch bescheidene kaiserliche Flotte hatte Potenzial. Immerhin, das Flaggschiff, die „König David“, gehörte mit ihren 40 Kanonen und 400 Tonnen durchaus zu den größeren ihrer Zeit. Selbst die Wasa das seinerzeit größte Schiff im Ostseeraum – das speziell für den Einsatz im schwedisch-polnischen Krieg gebaut worden war, verfügte gerade einmal über 64 Kanonen. Darunter waren allerdings 48 Geschütze, die 24-Pfund-Kugeln verschossen. Die Bestückung der „König David“ war 1629 ihrer Zeit entsprechend dagegen recht bunt gewürfelt, ein Gemisch aus Schiffs- und Feldgeschützen, unterschiedlichster Kaliber mit und ohne Lafetten. Möglicherweise jedoch hatte Graf von Mansfeld, die „König Davis“ nachträglich auch mit moderneren Geschützen ausgestattet. Denn er hatte zur Flottengründung nicht nur zunächst Handelsschiffe angekauft und zu Kriegsschiffen umgerüstet, sondern in Wismar auch eine Gießerei aufgebaut.

Unter Mansfelds Nachfolger, de Roy ging es mit der kaiserlichen Flotte ständig bergab, Mangel an Mannschaften, kaum noch einsatzfähige Schiffe, Krankheit und fehlender Nachschub, vor allem jedoch die Entlassung Wallensteins im August 1630 durch Ferdinand II. besiegelte das Ende des maritimen Programms. Den Schlusspunkt setzte1632, nach monatelanger Belagerung, die Einnahme de Flottenstützpunktes Wismar durch die Schweden.

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Eingeordnet unter Krieg im Norden Europas zu Lande und zu Wasser zur Zeit des 30 jährigen Krieges, Schwerpunkthemen

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