Wie der Krieg in den Norden des Deutschen Reiches kam

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Schlacht bei Lutter am Barenberge

Der große Krieg im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, später der Dreißigjährige genannt,  hätte 1622/23 schon zu Ende sein können. Der böhmische Aufstand war niedergeschlagen, die Truppen der katholischen Liga  unter ihrem Feldherren Tilly behaupteten siegreich das Feld, Kaiser Ferdinand II. war wieder Herr im eigenen Haus. Die protestantischen Mächte verfügten über keine nennenswerten Truppen. Was verhinderte dann einen Friedensschluss im Reich?

 

Ein großes Hindernis zu einem friedlichen Miteinander war sicherlich die rüde, ja im Rechtsverständnis vieler Protestanten illegale Vertreibung des Kurfürsten Friedrich V. aus seinen pfälzischen Stammlanden und die Achterklärung seitens des Kaisers gegen ihn. Die Übertragung der pfälzischen Kur auf den Führer der katholischen Liga und bayerischen Herzog Maximilian steigerten das Misstrauen gegen Ferdinand und dessen gegenreformatorische Bestrebungen. Und den reichen Landbesitz, den sich die Evangelischen nach katholischer Lesart widerrechtlich nach 1522 angeeignet, galt es zudem zu verteidigen.

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Der niedersächsische Kreis

Die Reichskreise wurden 1500 von Kaiser Maximilian zur besseren Verwaltung des Deutschen Reiches eingeführt. Die Zahl der mehrere Territorien zusammenfassenden Einheiten wurde 1515 auf zehn festgelegt.

Zum niedersächsischen Reichskreis gehörten unter anderem die Herzogtümer Holstein, Bremen, Sachsen-Lauenburg, Mecklenburg; die Fürstentümer Blankenburg, Calenberg, Lüneburg, Braunschweig Wolfenbüttel; die Hochstifte Halberstadt, Lübeck, Schwerin, Hildesheim und die Erzstifte Bremen und Magdeburg.

 

Auch die zwei schon mehrfach geschlagenen Söldnerführer Ernst von Mansfeld und Christian von Braunschweig – der „tolle Halberstädter“ –, die sich nach Holland und in den vorwiegend protestantischen Norden des Reiches zurückgezogen hatten, sorgten für Unruhe. Nicht nur, dass sie die Gegend systematisch plünderten, es bestand die Gefahr, dass die ligistische Armee ihrem Treiben nicht lange zusehen würde. Die Fürsten des niedersächsischen Kreises, selbst nur unzureichend mit Söldnern versehen, begannen sich nach potenten Verbündeten umzusehen. Und diese konnten  sie nur außerhalb des Reiches finden. Die Europäisierung des großen Krieges nahm hier die Form an, die ihm bis zum Friedensschluss 1648 die unselige Dynamik verlieh.

Niedersächsischer Kreis sucht Beschützer

Die nördlichen Niederlande, aber auch England verhielten sich zuerst zögerlich. Der englische König, Jakob I., vor allem deshalb, weil er glaubte mit dem habsburgischen Spanien ein Heiratsabkommen für seinen Sohn Karl schließen zu können. Die Niederlande brauchten ihre Ressourcen für den nach zwölfjährigem Waffensteilstand erneut aufflammenden Krieg gegen Spanien. Da brachte sich der Dänenkönig Christian IV. ins Spiel. Reich dank der stetig und ausgiebig fließenden Sundzölle, Protestant zudem und als Herzog von Holstein idealer weise Mitglied des niedersächsischen Kreises, erschien er als hervorragender Verteidiger gegen die katholischen Ansprüche.

Als 1623 Christian von Braunschweig Anstalten machte, gegen Böhmen zu ziehen, tauchte Tilly mit seiner Armee an der südlichen Grenze des niedersächsischen Kreises auf. Und nur die energische Warnung des Dänenkönigs brachte ihn zum Halten. Der tolle Halberstädter zog daraufhin mit seinen Truppen nach Westen ab, dies jedoch zu langsam. Tilly holte ihn nahe der Grenze Hollands ein und schlug Christian von Braunschweig am 6. August 1623 bei Stadtlohn vernichtend. Dieses erneute militärisch erfolgreiche Auftreten der katholischen Liga versetzte den Norden des Deutschen Reichs in zusätzliche Unruhe.

England und Frankreich wollten Protestanten unterstützen

Die Sondierungen nach Bündnispartnern, vor allem mit Christian IV. wurden intensiviert. Hilfreich war zudem eine radikale Änderung der politischen Wetterlage in Europa. Der englische König hatte inzwischen – stark beleidigt –  die Sinnlosigkeit seiner Avancen in Richtung Spanien eingesehen und sich dem protestantischem Lager zugewandt. Ausdruck dieses Kurswandels war insbesondere die Versorgung des Söldnerführers Ernst von Mansfeld mit reichlichen Geldmitteln und englischen Söldnern. Und auch Frankreich geriet im Veltlin mit den Spaniern aneinander. Beide, wie jetzt auch die Holländer, waren zu einer Unterstützung einer antihabsburgischen Militäraktion bereit.

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Der dänisch-schwedische Konflikt

Bei den Konflikten zwischen Dänemark und Schweden ging es im Wesentlichen um die Beherrschung der Ostsee.

1611: Christian IV. von Dänemark eröffnet Krieg gegen Schweden unter Karl IX und Gustav Adolf. Der „Kalmarkrieg“ bringt Dänemark auf den Höhepunkt seiner Macht.

1613: Friede von Knäred. Schweden muss hohe Reparationen zahlen.

1623: Krieg zwischen beiden Staaten droht. Wird auf diplomatischem Weg verhindert (Vereinbarung von Sjöaryd). Dänemarks Vorherrschaft schwindet.

1643: Der schwedische Heerführer Lennart Torstensson überfällt Dänemark.

1644: Eroberung Jütlands, Seeschlachten auf der Kolberger Heide (knapper Sieg Dänemarks) und bei Femarn (Sieg der vereinigten schwedischen-niederländischen Flotte).

1645: Friede von Brömsebro. Erhebliche Gebietsabtretungen Dänemarks und Befreiung schwedischer Schiffe vom Sundzoll.

 

Um die Situation weiter zu komplizieren, war auch der schwedischen König Gustav Adolf, zu einer Intervention ins Reich bereit. Allerdings waren seine Forderungen an die Allianzpartner deutlich höher als die des Dänen, sodass Christian IV. letztlich den Zuschlag erhielt. Mit einer in Sjöaryd getroffenen Vereinbarung zwischen den beiden Ostseerivalen Dänemark und Schweden, gelang es Christian IV. sich von dieser Seite den Rücken frei zu halten, wenn auch zu einem hohen Preis.

Christian IV. hatte erhebliche Interessen im niedersächsischen Kreis

Christian IV., der selbst erhebliche Interessen im Norden des Deutschen Reiches  hatte – so versorgte er seine Familie gerne mit ehemals katholischen Stiften -, ließ sich Anfang 1625 zum Kreisobersten in Niedersachsen und damit zum militärischen Chef wählen. Trotz der Bedrohung durch die Armee der Liga und die kaiserlichen Ansprüche auf ehemals katholischen Besitz, waren nicht alle im Norden glücklich über die Entwicklung. Konnte dies nicht als Provokation aufgefasst werden und die Gegner erst ins Land locken? Eine Befürchtung, die sich nur all zu bald als richtig erweisen sollte.

Im Juni 1625 marschierte Christian IV. bereits mit einem etwa 20.000 Mann starken Heer über die Elbe Richtung Hameln.  Die Antwort der Liga ließ nicht lange auf sich warten: Tilly rückte ihm mit seiner etwa gleichstarken Truppe entgegen. Zu echten Kriegshandlungen kam es jedoch noch nicht – beide Seiten spielten auf Zeit. Dann erschien im Spätherbst 1625 eine zweite Armee im Norden des Deutschen Reiches, das frisch aufgestellte kaiserliche Heer unter der Führung des Generals Albrecht von Wallenstein. Dieser hatte dem Reichsoberhaupt innerhalb von nur wenigen Monaten eine staatliche Armee von 40.000 Mann aufgestellt und war vom böhmischen Eger aus gen Norden aufgebrochen. Sehr zur Überraschung des forschen Dänenkönigs, der jetzt klar im Nachteil war.

Frankreich zog sich aus der Koalition zurück

Damit nicht genug, zog sich Frankreich, wegen erneut aufflammender Hugenottenaufstände, aus der Christian IV. unterstützenden Allianz zurück. Und der jetzt amtierende englische König Karl I. musste feststellen, dass sein Parlament ihm nicht die benötigten Mittel zur Finanzierung der gegen Habsburg gerichteten Koalition bewilligte,  da es nach dem Debakel der englisch-holländischen Flotte bei Cadiz kein Interesse an weiteren königlichen Abenteuern hatte. Dennoch der Däne verfügte erst einmal über genügend eigene Mittel und fasste wieder Mut. Zumal sich Tilly bei der Belagerung von Nienburg, nordwestlich von Hannover, festbiss und dabei von der Bevölkerung hart attackiert wurde.

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Der niederländisch-spanische Konflikt

1566: Aufstand mehrer nördlicher Provinzen – Kernländer Holland und Seeland – des ehemaligen Burgund gegen die spanische Krone, unter anderem wegen deren gegenreformatorischen Bestrebungen.

1607: Erster Seesieg der Niederländer gegen Spanien vor Gibraltar.

1609: Zwölfjähriger Waffenstillstand.

1621: Erneuter Ausbruch des Krieges. Belagerung und Eroberung von Breda durch Spanien.

September 1628: Kaperung der spanischen Silberflotte durch Piet Heyn. Beginn der Gegenoffensive der Niederlande: Einnahme von s’Hertogenboschs und Maastrichts.

1639: Holländer vernichten spanische Flotte vor Dover. Die „spanische Straße“, zur Versorgung der südlichen Niederlande, kann nicht mehr aufrecht erhalten werden.

1648: Friede mit Spanien. Anerkennung der Vereinigten Niederlande.

 

Das erste Treffen zwischen Tilly und Wallenstein am 13. Oktober 1625 in Hemmendorf bei Hameln brachte erstmal keine Wende Richtung einer offensiven Strategie der Katholiken. Beide Feldherren waren der Auffassung, dass wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit keine weiteren Maßnahmen gegen die Dänen und Mansfeld mehr eingeleitet werden sollten. Die Armeen gingen getrennt in ihre Winterquartiere, wobei Wallenstein die deutlich besseren für sich beanspruchte und erhielt. Überraschend kam es im Winter zu Friedensverhandlungen zwischen dem niedersächsischem Kreis und dem Kaiser. Parallel schmiedete Christian IV. in Den Haag weiter an einem Offensivbündnis gegen den Kaiser. Trotz deutlich geringerer Unterstützung als erwartet, – nur Holland und England boten Mittel an – entschloss sich der Dänenkönig für den kriegerischen Weg.

Wallenstein besiegt Ernst von Mansfeld

Dessauer Brücke

Schlacht an der Dessauer Brücke

Auch Anfang 1626 blieben die beiden katholischen Heere getrennt, obwohl Wallenstein eine Vereinigung wünschte, um so mit einem Schlag den Krieg zu beenden. Stattdessen übernahm die protestantische Seite die Initiative. Zahlreiche Vorstöße führten jedoch nur zu Scharmützeln ohne strategische Resultate. Erst als Ernst von Mansfeld sich auf den Weg nach Schlesien machte, um den in Den Haag vereinbarten Schlag gegen die kaiserlichen Erblande zu führen, kam es an der Dessauer Brücke über die Elbe zur Schlacht mit Wallensteins Truppen. Mansfeld wurde geschlagen, versuchte aber dennoch mit einem neuformiertem Heer nach Süd-Osten vorzustoßen, um zusammen mit dem Fürst von Siebenbürgen,  Bethlen Gabor, das Herzland der Habsburger anzugreifen. Wallenstein vereitelte dies. Erst Mitte des Jahres 1627 erschien des Kaisers Generalissimus wieder im Norden des Deutschen Reiches.

Tilly schlägt Christian IV.

Tilly

Tilly, General der Liga

Tilly hatte am 27. August 1626 Christian IV. bei Lutter am Barenberge eine schlimme Niederlage beigebracht, bei der rund 4000 der dänischen Söldner den Tod fanden und etwa die gleiche Zahl gefangengenommen wurde. Für den König der Anfang vom Ende. Dem Ansturm der beiden katholischen Armeen konnte der Däne 1627 nichts Wesentliches mehr entgegensetzen. Ganz Jütland wird von den Kaiserlichen erobert und Christian IV. muss auf seine Inseln fliehen. Hierher kann ihm Wallenstein allerdings mangels einer Flotte nicht folgen – ein Manko, das er, vor allem als Herzog von Mecklenburg, zu beheben versuchen wird.

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Eingeordnet unter Krieg im Norden Europas zu Lande und zu Wasser zur Zeit des 30 jährigen Krieges, Schwerpunkthemen

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