Die Galeonen Elisabeth I.

Im 16. Jahrhundert waren es vor allem die Portugiesen und Spanier, die die gerade neuentdeckte Welt unter sich aufteilten und gewaltige Reichtümer aus Übersee heranschafften. Für das verhältnismäßig arme England gab es nur eine Möglichkeit, an den Reichtümern zu partizipieren: Kaperei, das heißt Staatspiraterie. John Hawkins, Francis Drake und Walter Raleigh waren die wohl bekanntesten Piraten ihrer Majestät Elisabeth I. Ihre Erfahrungen mit den überlegenen Gegnern, den gewaltigen spanischen Karacken mit ihren hohen Aufbauten und der schweren Bewaffnung führten zu einer Neuentwicklung der Seekriegsstrategie. So wurde unter der letzten Vertreterin der Tudordynastie, Elisabeth I, auch ein für die neue und revolutionäre englische Seekriegsstrategie maßgeschneiderter Schiffstyp entwickelt.

Landkrieg zur See auf Burgen aus Holz

Noch das berühmte Tudorschiff, die Mary Rose, war ganz auf das Prinzip des Landkrieges zur See ausgerichtet gewesen. Es ging vor allem darum, das gegnerische Schiff zu entern und mit überlegener Kriegsmannschaft zu erobern. Die Geschütze dienten dabei zur Dezimierung der gegnerischen Mannschaft im Nahgefecht, kurz vor dem Entern und wurden in der Regel kaum mehr als einmal abgefeuert.

Wichtiger waren die hohen Vorder- und Achterkastelle, von denen aus die gegnerische Mannschaft beschossen werden konnte und die wie Burgen gleichzeitig Schutz vor den Enterversuchen des Feindes boten.

Piraten werden zu Admiralen

Der Bau und die Ausrüstung solcher Schiffe war teuer, viel zu teuer für das arme England. Und solche Schiffe waren wegen ihrer Schwerfälligkeit auch völlig ungeeignet für die Nadelstichtaktik der englischen Staatspiraten, die mit ihren verhältnismäßig kleinen Schiffen sehr erfolgreich waren, wie ihre Erhebung in den Adelsstand und Ernennung zu Flottenadmiralen der neu aufgebauten englischen Flotte dokumentiert.

Neue Seekriegsstrategie als Konstruktionsgrundlage für die Galeone

Nicht nur in Zusammenhang mit dem Expansionswillen der „Merchant Adventurers of England“, einem Zusammenschluss von priviliegierten Kaufleuten, gegenüber dem spanischen Hegemonialanspruch, sondern auch mit dem Anspruch Habsburgs auf den englischen Thron und die damit verbundenen Invasionsabsichten des Spanischen Königs Philipp II veränderte sich die Bedrohungslage gravierend. In das neue Flottenbauprogramm flossen nicht nur die Erfahrungen Hawkins und seiner Anhänger, sondern auch die Ideen genialer Schiffbaumeister wie Mathew Baker und Richard Chapman ein. Das Konzept der elisabethanischen Idealgaleone, das in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts entwickelt wurde, lässt sich folgendermaßen beschreiben:

Reduzierung der Aufbauten: drastische Reduzierung der Aufbauten. Durch die damit verbundene Gewichtsersparnis und die Verlagerung des Schwerpunktes konnten mehr Geschütze aufgestellt werden. Zudem wurde der Windwiderstand verringert, was zu einer deutlichen Verbesserung der Manövrierfähigkeit führte.

Extremes Längen-Breiten-Verhältnis: schlankerer Rumpf. Die damals gültigen Proportionsregeln schrieben für verschiedene Schiffstypen unterschiedliche Längen- Breiten- Verhältnisse vor. Reine Handelsschiffe sollten etwa zweimal so lang wie breit sein. Für Handelsschiffe, die auch für militärische Zwecke verwendet wurden, war das Verhältnis 2,5 zu 1 die Regel und für Kriegsschiffe war ein Längen- Breiten- Verhältnis von 3 zu 1 festgelegt.

Chapman und vor allem Baker brachen mit diesen Traditionen und führten das Verhältnis von 4 zu 1, in einem Fall sogar 5 zu 1 in den Kriegsschiffsbau ein. Mit der damit verbundenen Reduktion des Wasserwiderstandes, die auch durch eine überarbeitete Rumpfform erreicht wurde, waren die Schiffe schneller, wendiger und kursstabiler.

Leichte Geschütze mit großer Reichweite und schnellerer Schussfolge: die englischen Schiffe wurden schließlich mit leichten aber weitreichenden Geschützen, den Culverinen ausgestattet. Diese Geschütze, gelagert auf speziellen vierrädrigen Schiffslafetten konnten deutlich schneller geladen werden, als die schweren, meist noch auf Feldlafetten montierten Geschützrohre der Spanier. Damit war englischerseits der Nahkampf und die Entertaktik von vornherein ausgeschlossen, die Distanztaktik, die sich insbesondere nach dem Sieg der Engländer über die Armada in allen Flotten durchzusetzen begann, war geboren.

Vom Feldherrn zur See zum Schiffskapitän

Mit der grundlegenden Veränderung der Seegefechtstechnik veränderte sich auch die Seemannschaft. Die Kapitäne und Offiziere mussten nun vor allem Schiffsführer werden und Segelmanöver beherrschen und die Mannschaften mussten Seemann-Kanoniere werden, denn Seesoldaten wurden als Offensivwaffe in der Seeschlacht nicht mehr gebraucht. So betrug der Anteil der Seeleute an der Gesamtbesatzung der englischen Schiffe in der Armadaschlacht im Durchschnitt 66 bis 76 Prozent, bei den Spaniern waren es gerade einmal 20 bis 33 Prozent.

Die reale elisabethanische Galeone ein Kompromiss

Ein großer Teil der Schiffe, die den Kampf gegen die spanische Armada bestritten haben, entsprachen mit Sicherheit nicht dem von den Schiffsbaumeistern entworfenen Idealbild der elisabethanischen Galeone. Denn viele der Schiffe waren keine Neubauten, sondern Umbauten vorhandener traditioneller Galeonen.

Die bekanntesten Armadaschiffe wie beispielsweise die Ark Royal oder die Revenge entsprachen, obwohl Neubauten, nicht ganz dem Idealbild des neuen Kriegsschiffes. Die kleineren, schnellen und modernen 250 bis 400 Tonnen Galeonen Bull und Tiger jedoch ließen mit beinahe durchgehendem Oberdeck schon erahnen, wie die Kriegsschiffe der folgenden Jahrhunderte aussehen würden.

Bruch mit Schiffbautraditionen

Während die Schiffbaumeister dieser Zeit die Schiffe vor allem nach gewissen Faustregeln und Erfahrungswerten konstruierten, hatte Baker die Galeone von Grund auf unter Berücksichtigung von Geometrie, Mathematik und Konstruktionszeichnungen neu entworfen, eine besondere Leistung, wenn man bedenkt, dass zu seiner Zeit von 45 englischen Schiffsbauern zur 14 in der Lage waren, mit Namen zu unterzeichnen.

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Schifffahrtsgeschichte, Zeitalter der Entdeckungen

2 Antworten zu “Die Galeonen Elisabeth I.

  1. „So wurde unter der letzten Vertreterin der Tudordynastie, Elisabeth I, auch ein für die neue und revolutionäre englische Seekriegsstrategie maßgeschneiderter Schiffstyp entwickelt….“ Nicht nur das! Anders als von Historikern vermutet und als gesichert angesehen wurde ein einheitliches, genormtes Geschützwesen nicht erst in der ersten Hälfe des 17. Jahrhunderts sondern bereits zur Zeit Elisabeths I. in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts entwickelt. Anhand zweier 2008/9 aus einem Wrack einer bei Alderney gesunkenen englischen Pinasse (Kriegsschiff, kleiner als eine Galeone), geborgenen und vom jahrhundertelangen Bewuchs befreiten Geschütze konnte der englische Marinehistoriker Mensun Bound stichhaltig beweisen, dass englische Geschützgießer bereits zur Zeit der Armada (1588) in der Lage waren, Geschütze mit einheitlicher Dimension (Länge, Breite, Mündungsdurchmesser, Gewicht Bohrung) und Geschützkuglen einheitlichen Typs herzustellen. Es handelt sich dabei um die ersten nach vorindustriellen Maßstäben gefertigten Technologisch war England den europäischen Konkurrenzmächten zur See (Spanien, Frankreich, Portugal und sogar den Niederlanden gut 50 Jahre voraus. maßgeschneiderten Geschütze. Diese wurden in großer Stückzahl in der königlichen Gießerei in Woolwich gegossen und auf nahezu allen dementsprechend tragfähigen Schiffen – vor allem aber den Galeonen des neuen Typs – installiert. Der Vorteil dieses einheitlichen Artilleriesystems äußerte sich bei Seegefechten wie folgt:
    1. Die Mannschaften waren in der Lage, in der Hitze des Gefechts in der erforderlichen Geschwindigkeit neue Geschützkugeln aus dem Magazin zu beschaffen, um die Geschütze nachzuladen.
    2. Dies ermöglichte eine erhöhte Feuerfrequenz und machte erst das Abfeuern massierter, auf einen Punkt gerichteter Salven möglich.
    3. Das Abfeuern massierter, auf gezielte Punkte gerichteter Salven machte die Bekämpfung der auf en Enterkampf spezialisierten mit Landsoldaten vollgestopften spanischen Galeonen und Galeassen möglich und setzte die englischen Mannschaften in die Lage, selbst diesen „Riesenschiffen“ mit einer Tonnage bis zu 1.200 Tonnen empfindliche Schäden zuzufügen. Der originalgetreue Nachguss eines solchen Geschützes brachte unter kontrollierten Bedingungen beim Beschuss eines aus Holz nachgebauten Segments einer zeitgenössischen Bordwand erstaunliche Ergebnisse hinsichtlich Reichweite, Treffgenauigkeit und Durchschlagskraft. Die durch Messstangen und eine Spezialkamera festgestellte gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit ergab etwas über 300 Meter/Sek; das entspricht in etwa 1.800 km/h. Eine weitere archäoligische Sensation war der Fund einer elisabethanischen Muskete, die in der Zeit Elisabeths eingeführt, die für ihre Durchschlagskraft so gefürchteten englischen Langbögen noch weit übertraf. Auch diese Waffe wurde originalgetreu rekonstruiert und erwies sich bei Schießversuchen durch einen renommierten Waffenexperten sogar einer im zweiten Weltkrieg gängigen Armeepistole hinsichtlich der Durchschlagskraft überlegen.

    Wer mehr erfahren will und diese Versuche optisch verfolgen will, der kann es sich über http://www.Google/Videos/Die Kanonen der Königin Elisabeth das Video in voller Länge ansehen! Es ist sehenswert!

  2. Ergänzung/ Korrektur!
    Diese neuen englischen Galeonen waren sozusagen die direkten „Vorfahren“ der „PRINCE ROYAL“ (1617), „SOVEREIGN OF THE SEAS“ (1637), „NASEBY/ ROYAL CHARLES“ (1653/54), VICTORY (1737/1744 – Balchen-VICTORY) und Nelsons VICTORY (1765) sowie der legendären Slade-74ern (Typschiff H.M.S. BELLONA, 1758 ff.).

    “So wurde unter der letzten Vertreterin der Tudordynastie, Elisabeth I, auch ein für die neue und revolutionäre englische Seekriegsstrategie maßgeschneiderter Schiffstyp entwickelt….” Nicht nur das! Anders als von Historikern vermutet und als gesichert angesehen wurde ein einheitliches, genormtes Geschützwesen nicht erst in der ersten Hälfe des 17. Jahrhunderts sondern bereits zur Zeit Elisabeths I. in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts entwickelt. Anhand zweier 2008/9 aus einem Wrack einer bei Alderney gesunkenen englischen Pinasse (Kriegsschiff, kleiner als eine Galeone), geborgenen und vom jahrhundertelangen Bewuchs befreiten Geschütze konnte der englische Marinehistoriker Mensun Bound stichhaltig beweisen, dass englische Geschützgießer bereits zur Zeit der Armada (1588) in der Lage waren, Geschütze mit einheitlicher Dimension (Länge, Breite, Mündungsdurchmesser, Gewicht Bohrung) und Geschützkuglen einheitlichen Typs herzustellen. Es handelt sich dabei um die ersten nach vorindustriellen Maßstäben gefertigten maßgeschneiderten Geschütze. Technologisch war England den europäischen Konkurrenzmächten zur See (Spanien, Frankreich, Portugal und sogar den Niederlanden gut 50 Jahre voraus. Diese wurden in großer Stückzahl in der königlichen Gießerei in Woolwich gegossen und auf nahezu allen dementsprechend tragfähigen Schiffen – vor allem aber den Galeonen des neuen Typs – installiert. Der Vorteil dieses einheitlichen Artilleriesystems äußerte sich bei Seegefechten wie folgt:
    1. Die Mannschaften waren in der Lage, in der Hitze des Gefechts in der erforderlichen Geschwindigkeit neue Geschützkugeln aus dem Magazin zu beschaffen, um die Geschütze nachzuladen.
    2. Dies ermöglichte eine erhöhte Feuerfrequenz und machte erst das Abfeuern massierter, auf einen Punkt gerichteter Salven möglich.
    3. Das Abfeuern massierter, auf gezielte Punkte gerichteter Salven machte die Bekämpfung der auf en Enterkampf spezialisierten mit Landsoldaten vollgestopften spanischen Galeonen und Galeassen möglich und setzte die englischen Mannschaften in die Lage, selbst diesen “Riesenschiffen” mit einer Tonnage bis zu 1.200 Tonnen empfindliche Schäden zuzufügen. Der originalgetreue Nachguss eines solchen Geschützes brachte unter kontrollierten Bedingungen beim Beschuss eines aus Holz nachgebauten Segments einer zeitgenössischen Bordwand erstaunliche Ergebnisse hinsichtlich Reichweite, Treffgenauigkeit und Durchschlagskraft. Die durch Messstangen und eine Spezialkamera festgestellte gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit ergab etwas über 300 Meter/Sek; das entspricht in etwa 1.800 km/h. Eine weitere archäoligische Sensation war der Fund einer elisabethanischen Muskete, die in der Zeit Elisabeths eingeführt, die für ihre Durchschlagskraft so gefürchteten englischen Langbögen noch weit übertraf. Auch diese Waffe wurde originalgetreu rekonstruiert und erwies sich bei Schießversuchen durch einen renommierten Waffenexperten sogar einer im zweiten Weltkrieg gängigen Armeepistole hinsichtlich der Durchschlagskraft überlegen.

    Wer mehr erfahren will und diese Versuche optisch verfolgen will, der kann es sich über http://www.Google/Videos/Die Kanonen der Königin Elisabeth das Video in voller Länge ansehen! Es ist sehenswert!

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