Die Schätze der Kamigata

Ausstellungskatalog: Japanische Farbholzschnitte aus Osaka. 1780 – 1880

coverimageDie bunten japanischen Holzschnitte mit den grimmig dreinblickenden Samurai, den exotischen Landschaften oder Szenen aus dem höfischen und städtischen Leben vergangener Zeiten haben seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Eingang in europäische Sammlungen gefunden. Die im Rahmen des Ausstellungskataloges „Schätze der Kamigata“ präsentierten Arbeiten japanischer Holzschnittkünstler aus Osaka liefern dem Betrachter allerdings ganz außergewöhnliche Einblicke in  die japanische Kultur und Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die Holzschnitte, die ihren Weg nach Europa gefunden und unsere Vorstellung von japanischer Bildkunst prägen, stammen überwiegend aus Edo, dem heutigen Tokyo. Die Drucke der Kamigata – also der Region um die alte Kaiserstadt Kyoto und dem Wirtschaftszentrum Osaka – wurden hingegen erst in den letzten Jahren „regelrecht entdeckt“. So jedenfalls formuliert es der Direktor des Nationalmuseums für Geschichte und Kunst in Luxemburg, Michael Polfer, in seinem Vorwort. Tatsächlich zeichnen sich die Arbeiten aus Osaka durch eine ganze Reihe von Besonderheiten gegenüber den Edo-Werken aus.

Der bürgerliche Kulturbetrieb in Osaka des 18. und 19. Jahrhunderts

Zunächst einmal handelt es sich bei den Werken der Künstlergruppe aus Osaka – im Gegensatz zu den Edo-Holzschnitten – um keine Massenware. Kleine, oft hochwertig ausgeführte Auflagen prägen die Holzschnittkunst der Kamigata, deren Motive überwiegend Portraits der Schauspieler des Kabuki-Theaters wiedergeben. Im Gegensatz zum bereits seit dem 14. Jahrhundert bekannten höfischen No-Theater und der dazugehörigen Malerei, waren das Kabuki und der Mehrfarbendruck, wie der Autor Hendrick Lühl betont, „zutiefst  bürgerliche Erscheinungen“. Nach dem Ende des japanischen Bürgerkrieges und der Befriedung des Landes entstand ab 1600 ein zunehmend wohlhabendes Bürgertum aus den drei Ständen Bauern, Handwerker und Händler. Das von der Schreintänzerin Okuni als Wanderschauspiel ins Leben gerufene Volkstheater entwickelte sich gegen 1700 zu einer gut organisierten und perfektionierten Form des Theaters heraus. Mit der Eröffnung immer neuer Theaterhäuser bildete sich schließlich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine komplexe urbane Unterhaltungsindustrie heraus.

Farbholzschnitt im Dienste der Unterhaltungsindustrie

Während die berühmten Schauspielerdynastien Osakas wie die Arashi, Asao, Bando, Kataoka; Nakayama oder Swamura das stark formalisierte  Volkstheater sowohl in der Art der Aufführung, den Ausdrucksformen oder den Bühneneffekten weiterentwickelten, wurde der Farbholzschnitt zum Marketinginstrument. Veranstaltungsprogramme, Sammelbilder mit Schauspielerportraits und Szenenbildern, Plakate und Reklametafeln wurden angefertigt, regelrechte Fanclubs unterstützen einzelne Schauspieler oder –dynastien und förderten die Finanzierung der Herstellung von Portraits ihrer Bühnenhelden, legten Sammelalben an. Die mehr als 290 Holzschnittkünstler aus Osaka breiten mit den 584 Werken, die in Ausstellung und Buch präsentiert werden, die ganze Vielfalt der Kabuki-Kultur vor den Augen des Lesers aus. Und da sich die Theaterstücke meist mit der – wenn auch idealisierten – japanischen Vergangenheit befassen, begegnen ihm bei den Bildbeschreibungen auch die schillernden Figuren und Geschichten der japanischen Kultur aus der dem Europäer wohl noch am besten bekannten Samuraizeit.

Japanische Farbholzschnittmeister zwischen Kreativität und Zensur

Die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Zeit der Entstehung der Farbholzschnitte ist ein anderer Aspekt, den die aufwändig produzierten Kunstwerke bei näherer Betrachtung preisgeben. Wie in Europa auch arbeiteten  hier Verleger, Künstler, Formschneider und Drucker eng zusammen. Den höchsten gesellschaftlichen Stellenwert hatte dabei der Verleger. Dessen Siegel/Namenskartusche steht meist gut sichtbar neben dem des Künstlers und gibt den japanischen Farbholzschnitten eine für den Europäer besonders exotische Note. Obwohl das Druckstockschneiden und der Druckvorgang nicht nur handwerklich außerordentlich anspruchsvolle Tätigkeiten darstellten, wurden diese beiden Berufsgruppen ganz selten überhaupt erwähnt. Dafür prangte auf den Kunstwerken in der Regel noch ein weiteres Siegel: das der Zensurbehörde. Denn die künstlerische Freiheit war durch staatliche Vorgaben eingeschränkt, die beispielsweise „ab dem siebten Monat des Jahres 1842 das Verbot jeglicher Schauspielerdarstellung auf Holzschnitten überwachte“. Dass es sie trotzdem gab, liegt an dem Osaka-Verleger Kawaoto, der Ende 1846 begann, die Toleranz der Zensurbehörden mit der Publikation individuell erkennbarer Schauspielergesichter auszutesten.

„Schätze der Kamigata“ führt den Leser in eine fremde Welt

„Schätze der Kamigata“ ist weniger ein Begleitbuch zur Ausstellung mit umfangreichem Essayteil und Kataloganhang – wie heute meist üblich -, sondern eher ein klassischer, nach inhaltlichen Schwerpunkten gegliederter Ausstellungskatalog mit mehr oder weniger umfangreichen Bilderläuterungen und einführenden Kapitelaufsätzen. Offenbar erfüllen die Exponate neben der faszinierenden Ästhetik ihre Hauptaufgabe, nämlich die Information des Betrachters, hervorragend, auch wenn dieser einem anderen Kulturkreis angehört. Auf jeden Fall zeigt bereits die erste sorgfältige Durchsicht des Buches wie viel Information in diesem Katalog steckt. Jeder weitere Blick hinein – und der fällt beileibe nicht schwer – eröffnet dem Leser immer wieder neue spannende Einsichten in eine zum Teil auch für Fachleute noch fremde Welt. Immerhin, so betont Michel Polfer in seinem Vorwort, werden in der Ausstellung (und damit auch im Buch) „erstmalig in Europa Werke von zahlreichen Künstlern öffentlich gezeigt, von denen ca. 50 Künstler selbst der japanischen Fachliteratur bislang unbekannt waren.

Hendrick Lühl: Schätze der Kamigata. Japanische Farbholzschnitte aus Osaka 1780-1880. Nünnerich-Asmus Verlag 2012

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Die Ausstellung „Schätze der Kamigata“ wird vom 16.11.2012 bis 17.03.2013 im Luxemburger Musée national d’histoire et d’art gezeigt. Die Farbholzschnitte der Kamigata, der Region um Kyoto, der alten Kaiserstadt, und Osaka sind kostbare und in der übrigen Welt kaum bekannte Werke japanischen Kunstschaffens zwischen 1780 und 1880.
Von September 2013 bis Januar 2014 wird die Ausstellung im Muzeum Sztuki i Techniki Japonskiej Manggha in Krakau zu sehen sein.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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