. . . mit Kurs Nord – eine Buchbesprechung

Die Arktis-Expeditionen der k.u.k. Kriegsmarine von 1871-1892 und ihr Ausklang

023Nansen, Admunsen, Shackelton, Scott, das sind die Namen, Großbritannien und Norwegen die Nationen, die mit der Erkundung des Nordpols in erster Linie in Verbindung gebracht werden. Dass neben Deutschland auch Österreich-Ungarn Expeditionen in die Polarregion unternommen haben, ist hingegen ebenso aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, wie Carl Weyprecht oder Julius von Payer. In seinem Buch „ . . . mit Kurs Nord“ erinnert der Marinehistoriker Helmut W. Malnig an die Beiträge der österreichischen Arktisexpeditionen zur Polarforschung.

Die Österreichische Marine gehörte – ebenso wie die Deutsche – nicht gerade zu den alten Seemächten Europas. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Österreich damit begonnen, seine Kriegsmarine systematisch aufzubauen. Und nachdem die österreichische Mittelmeerflotte unter dem Kommando von Admiral Wilhelm von Tegetthoff  in der Schlacht von Lissa 1866 die als überlegen geltende italienische Flotte besiegte, begann sich die (ab 1867) österreichisch-ungarische Marine als anerkannte Seemacht zu etablieren. Ein Mittel, sich bereits Mitte des 18. Jahrhunderts maritime Anerkennung zu verschaffen und Flagge zu zeigen, waren Auslandsreisen, Expeditionen, Weltumsegelungen. Eine der spektakulärsten Reisen dieser Art war die „Novara-Expedition“ 1857 bis 1859, eine aufwändige Forschungsreise um die Welt. Trotz ihrer wissenschaftlichen Bedeutung sind hingegen die österreichischen Polaraktivitäten weitgehend in Vergessenheit geraten.

Die IsbjØrn-Expeditionen

Angeregt durch die vom Geographen August Petermann initiierten deutschen Arktisexpeditionen 1868-70 beschlossen der Arktisforscher Julius Payer, der Seeoffizier Carl Weyprecht und der Wissenschaftsförderer und Forschungsreisende Graf Hans von Wilczek auch für Österreich eine Arktisexpedition zu organisieren. Im Juni 1871 brachen Payer und Weyprecht mit einer Besatzung von 9 Mann im knapp 18 Meter langen Segelkutter IsbjØrn zu einer ersten Erkundungsreise auf. Während diese Reise noch vom Grafen von Wilczek finanziert wurde, gelang es Payer und Weyprecht nun durch Vorträge und Öffentlichkeitsarbeit Geld für die zweite, 1872 unternommene Vorbereitungsexpedition mit der IsbjØrn zu sammeln. Die eigentliche Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition fand 1872-1874 unter der Leitung von Carl Weyprecht  mit dem speziell für diese Aufgabe in Bremerhaven gebauten Forschungsschiff „Admiral Tegetthoff“ statt.

Mit der Tegetthoff-Expedition hat sich Österreich als kompetente Polarforschungsnation profiliert

Am 13. Juni 1872 war die ein Jahr zuvor auf Stapel gelegte eisenarmierte knapp 40 Meter lange Dreimastbark mit der 100 PS-Dampfmaschine mit dem Ziel in See gestochen, im Nordosten von Novaja Semlja Land zu suchen, die Nordostpassage zu erschließen und wenn möglich auch noch den Nordpol zu erreichen. Auch wenn das Schiff letztendlich aufgegeben werden und die Rückkehr der Mannschaft mit Schlitten und Booten durchgeführt werden musste, konnten sich die Ergebnisse der Expedition offensichtlich sehen lassen. Immerhin entdeckten die Österreicher mit dem Franz-Josef-Land ein bislang unbekanntes Archipel vulkanischen Ursprungs mit einer Ausdehnung von rund 16.100 km² und fanden heraus, dass der Nordpol per Schiff auch im arktischen Sommer nicht erreicht werden konnte. Das wohl wichtigste Ergebnis für Österreich war aber wohl die internationale Anerkennung im Kreise der polarforschenden Nationen, was sich auch in der Teilnahme an den internationalen Meteorologen- und Polarkonferenzen niederschlug.

Im Reigen der Großen: Österreichs Teilnahme am ersten internationalen Polar-Jahr

Und so konnte der inzwischen als erfahrener Arktisveteran geltende Carl Weyprecht 1879 initiativ an der Vorbereitung des 1. Internationalen Polarjahres 1882/83 mitwirken. Insgesamt 49 Forschungsstationen sollten arktisweit von den 11 Teilnehmerstaaten eingerichtet werden, darunter die Österreich-Ungarische auf der Insel Jan Mayen, zwischen Nordnorwegen, Grönland, Island und Spitzbergen gelegen. Das Transportschiff SMS Pola, diesmal von der Marine zur Verfügung gestellt, war im Vergleich zu seinen Vorgängern ein ganz anderes Kaliber. Mit seinen mehr als 60 Metern Länge und einer beinahe 1000 PS-Dampfmaschine hatte das Schiff ausreichend Ladekapazitäten, um die Umfangreiche Ausrüstung einschließlich der kompletten im Seearsenal des österreichischen Adriahafens Pola vorgefertigten Wohnanlage, Proviant für 2 Jahre und rund 200 Tonnen wissenschaftliches Material nach Jan Mayen zu transportieren. Nach Helmut W. Malnig war die Expedition neben dem politischen auch ein wissenschaftlicher Erfolg.

„. . . mit Kurs Nord“ ist ein Buch, das eine publizistische Lücke schließt

Eine gewisse patriotische Begeisterung ist dem Autor durchaus anzumerken, gelegentlich wünscht sich der Leser dabei allerdings, dass er nicht immer darauf gestoßen wird, welche Leistungen die Forscher und Mannschaften im Rahmen der Expeditionen vollbracht und welche internationale Anerkennung sie dafür erfahren haben. Respekt – so kann der Leser angesichts der dargestellten Fakten durchaus eigenständig erkennen – verdienen die systematisch geplanten und organisierten Unternehmungen der aufstrebenden österreichischen Seemacht in eine der unwirtlichsten Regionen unserer Erde durchaus. Im Grunde ist die patriotische Selbstbestätigung für den an der Geschichte der Seefahrt und der Polarforschung interessierten Leser nicht wirklich wichtig und daher eher ein wenig störend.

Inhaltlich besticht das Buch hingegen durch einen sehr systematischen Aufbau, tabellarische Überblicke über die Fahrten, vor allem aber die zahlreichen Illustrationen, darunter von Payer während der Tegetthoff-Expedition angefertigte. Am Ende liefert das Buch mit seinen Personenportraits, Schiffsdaten und Rissen, geografischen und historischen Beschreibungen oder den faksimilierten Plänen der Gebäude der Jan Mayen Station eine Fülle an Hintergrund- und Nebeninformationen, allerdings in jeweils recht knapper Form. Im Reigen der Publikationen zur Arktisforschung schließt „. . . mit Kurs Nord!“ zweifellos eine Lücke.

Helmut W. Malnig: . . . Mit Kurs Nord. Die Arktis-Expeditionen der k.u.k. Kriegsmarine von 1871 – 1892 und ihr Ausklang. Neuer Wissenschaftlicher Verlag 2012. Gebunden, 115 Seiten. ISBN 978-3-7083-0815-9

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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