Die Architektur der Jäger und Sammler

Einer steinzeitlichen Rentierjägerbehausung nachempfundenes Zelt (gebaut im Rahmen eines Jugendprojektes von Wolfgang Schwerdt)

Jahrtausende bevor die Menschen sesshaft geworden waren, hatten sie mit ihren Hütten und Zelten bereits die architektonischen Grundlagen für die Errichtung fester Häuser geschaffen. Immerhin lassen sich anhand von archäologischen Funden Hütten- und Zeltunterkünfte bis etwa 11000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgen.

Sicherlich sind von Menschen geschaffene Behausungen wesentlich älter. Frühere Funde menschlicher Besiedelung fanden sich als Ansammlungen von Artefakten aber bislang überwiegend in freiem Gelände, in Höhlen oder unter Felsüberhängen. Dies förderte lange Zeit die Annahme, dass unsere Vorfahren in dieser Zeit vor allem primitive Höhlenbewohner waren.

Das überwiegend biologische Material, Holz, Gräser, Felle, das für den Hütten- und Zeltbau verwendet wurde, vergeht im Boden natürlich sehr schnell. Das bedeutet, dass von den Bauten unserer Vorfahren bestenfalls Pfostenlöcher und Steinsetzungen oder steinerne Feuerstellen zu finden sind, die lediglich auf den Grundriss und den Zweck der Behausungen schließen lassen. Die archäologischen Funde allein geben über die Konstruktion der Unterkünfte nur ganz selten Auskunft.

Ethnologie

Wenn sich trotz der mangelhaften archäologischen Quellenlage in Fachbüchern und Museen zahlreiche Rekonstruktionen von Steinzeitbehausungen finden, so liegt das daran, dass bei einigen Völkern und Kulturen noch bis vor relativ kurzer Zeit oder sogar bis heute ähnliche Zelte und Hütten zu finden waren oder sind. Die ethnologische Forschung ergänzt damit die archäologischen Lücken.

Die Samen im Norden Skandinaviens beispielsweise, die als Nachkommen der eiszeitlichen Rentierjäger gelten, verwenden noch heute die leicht transportierbaren Stangenzelte, bei denen Stangen kreisförmig angeordnet, an den Spitzen zusammengestellt und mit Fellen bespannt werden. Die archäologischen Funde zeigen eben diesen Grundriss und sie belegen, dass die Rentierjäger vor ca. 12000 Jahren die auf den Boden herabreichenden Felle mit Steinen beschwert haben.

Indianerhütten

Die Zelte der Rentierjäger, die vor etwa 14 000 Jahren auch Nordamerika erreicht haben, zeigen eine enge Verwandschaft zu den Tipis der nordamerikanischen Indianer. Hier kann man die vielen verschiedenen Möglichkeiten studieren, die das eigentlich einfache Konstruktionsprinzip aufweist. So gibt es den Drei- und den Vierstangentyp, der die Anzahl der für die Basis verwendeten Stangen bezeichnet. An diese Basis wurden in unterschiedlichen Reihenfolgen die anderen Stangen gelegt, sodass sich entweder ein ovaler oder ein runder Grundriss ergab. Manche Zelte waren symmetrisch gebaut, andere wiederum hatten eine steilere und eine flachere Seite.

Bei den eiszeitlichen Rentierjägern fand sich noch eine andere Variante. Mehrere hintereinander aufgestellte Drei- oder Vierbeine wurden miteinander verbunden, sodass sich ein längliches Zelt mit Dachfirst ergab. Man vermutet, dass in solchen Zelten mehrere Familien wohnten.

Kuppelbauten

Auch Kuppelbauten kannten unsere steinzeitlichen Vorfahren. Dabei wurden biegsame Baumstämme in die Erde gerammt und mit den Spitzen kuppelförmig miteinander verbunden. Die dadurch entstandenen Bögen konnten parallel zueinander aufgestellt und mit horizontalen Ästen und Zweigen verbunden sein, oder beispielsweise in Form von Kreuzgewölben angeordnet werden. Auch hier lässt sich über vergleichbare indianische Wigwams eine enorme Fülle von Konstruktionsmöglichkeiten und Grundrissen nachweisen. Und nicht zuletzt wurde bei größeren Behausungen dieser Art mit einer rechteckigen Skelettkonstruktion aus stabilen Baumstämmen begonnen, an die die bogenförmigen Aussenwände angebracht wurden.

Pfahlbauten und Grubenhäuser

Die Fülle der verschiedenen architektonischen Lösungen der steinzeitlichen Hüttenbauer aufzuführen, ist im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich. Die Konstruktionsweise hing aber immer in erster Linie vom in der jeweiligen Umgebung verfügbaren Material, dem vorhandenen Werkzeug und dem Zweck des Baus ab. So konnten die Wände der Hütten aus Fellen, aus Rinde oder aus Gräsern bestehen, Das Ganze konnte aber auch mit Erde oder Grassoden abgedeckt werden.

Und nicht zuletzt gibt es Beispiele für ebenerdige Konstruktionen, Pfahlbauten oder Grubenhäuser.
Vor diesem Hintergrund ist klar, dass die Archäologen bei der Rekonstruktion steinzeitlicher Behausungen hinsichtlich der Details des Überbaus oft nur spekulieren und letztendlich nur den damaligen Verhältnissen entsprechende plausible Modelle abliefern können.

Fest steht aber auch, dass die Architektur der Steinzeitmenschen sehr komplex war und hinsichtlich Statik und Konstruktionsprinzipien bereits die Grundlage für die Architektur von Holz- und Steinbauten der historischen Epochen bildete.


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Eingeordnet unter Archäologie, Ethnologie

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