Mithras, Kult und Mysterium

005Den Ursprung, die Entwicklung und Ausgestaltung des Römischen Mithras-Kultes analysiert der emeritierte Professor für Alte Geschichte, Prof. Dr. Manfred Clauss in seinem Buch „Mithras. Kult und Mysterium“. Dabei macht er einen klaren Unterschied zwischen dem persisch-hellenistischen Gott Mitra und Mithras, dem Gott des römischen Mysterienkultes.

Mit dieser Unterscheidung räumt er mit einem der wissenschaftlichen Mythen aus den Anfängen der Mithras-Forschung auf, die die Ursprünge und Tradition des römischen Kultes in Persien verorten und als Vorstufe des Christentums interpretieren. Die Aufmerksamkeit, die Wissenschaftler und Laien dem Mithraskult heute entgegenbringen hat sicherlich mehrere Ursachen, seine tatsächliche zeitgenössische Bedeutung gehört möglicherweise nicht dazu. Denn der Mithraismus war nur einer der Mysterienkulte, die die römische Kaiserzeit prägten. Zudem war er im Gegensatz zu anderen Kulten recht unspektakulär, denn die Zeremonien fanden üblicherweise nicht öffentlich statt.

Die archäologische Basis des Mithras-Kultes

Aber ein Mysterienkult, dessen geheime Rituale weitgehend im Verborgenen kleiner höhlenartiger Tempel oder gar echten Höhlen praktiziert werden, macht natürlich neugierig. Und während wir über die dahintersteckende Theologie und die praktizierten Rituale des Mithraskultes keine verlässlichen historischen Informationen haben, liefert die Archäologie ein recht umfassendes und vielseitiges Bild über seine Verbreitung, Mitglieder und Ausstattung. Immerhin ist der Kult bislang an rund 500 Orten des römischen Reiches in Form von mehr als 1000 Inschriften, 700 Stiertötungsreliefs, über 500 weiteren Reliefs, von Kultgeschirr und anderen in den Heiligtümern gefundenen Gegenständen nachgewiesen. Manfred Clauss hat in seiner Jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Thema die soziale Zusammensetzung von immerhin fast 550 kleinen und kleinsten Kultgemeinschaften auf dem Gebiet des Römischen Imperiums analysiert.

Mithrasgemeinschaften waren juristische Personen

Auf den ersten Blick erscheint erstaunlich, dass wir über den konkreten Glauben nichts, über die konkreten Anhänger der Kultgemeinschaften jedoch sehr viel wissen. Aber auch wenn Mysterien selbst und die Riten, die zur Offenbarung der Mysterien führen, ja Geheimnisse der jeweiligen Kultgemeinschaft sind, so wurde die Mitgliedschaft eines Kultes durchaus öffentlich zur Schau gestellt. Anlass gab es genug. So beispielsweise die Stiftung eines Tempels oder von Kultgegenständen – als Einlösung eines Gelübdes gegenüber Mithras – deren Inschriften die großzügigen Spender verraten. Zudem wurden solche Kultgemeinschaften wie juristische Personen behandelt, verwaltet und damit auch entsprechend dokumentiert.

Der Mithraskult war keine Widerstandsbewegung innerhalb des römischen Militärs

Manfred Clauss zeichnet ein detailliertes und umfassendes Bild dessen, was die Archäologie und die historischen Quellen an verlässlichen Informationen hergeben. Und das ist tatsächlich eine ganze Menge. Sicherlich ist dabei vieles für jene Leser, die sich bereits seriös mit dem römischen Mithras-Kult befasst haben, bekannt, etwa die Motive, die mit dem Kult verbunden sind, wie beispielsweise das Stiertötungsmotiv, die Fackelträger (Dadophoren), die Legenden von der Felsgeburt oder dem Wasserwunder. Auch die Tatsache, dass sich die Mitglieder der Kultgemeinschaften vor allem aus Soldaten und Verwaltungsbeamten rekrutierten, gehört inzwischen zum Standardwissen über den Mithraskult. Mit ebenfalls gängigen Spekulationen – etwa die Entstehung des Kultes aus einer Widerstandsbewegung innerhalb der römischen Armee – räumt Clauss aber auf.

Zwischen Mithraskult und Christentum gab es keine theologischen Gemeinsamkeiten

Und so präsentiert sich der Mithraskult in diesem Buch als eine recht greifbare, nachvollziehbare und realistische Angelegenheit, die bei wissenschaftlich sachlicher, aber gut verständlicher Sprache viele spannende Aspekte offenbart. Da ist zunächst die Tatsache, dass es d e n Mithraskult ebenso wenig gab, wie d a s Christentum. Da ist zum anderen die Erkenntnis, dass der Mithraskult und das Christentum trotz formaler Gemeinsamkeiten wie beispielsweise das „Abendmahl“ und die Formulierung eines allmächtigen Gottes, zwei völlig verschiedene Dinge waren. Für Anhänger des Mithraskultes (wie übrigens auch der anderen Mysterienkulte) gab es keinen Ausschließlichkeitsanspruch und damit auch keinen Missionierungsgrund. Und während die Mithrasmysten (in die Geheimnisse des Kults Eingeweihte) gleichzeitig auch Mysten anderer Kulte sein konnten, waren  für die Christen bereits die formalen Gemeinsamkeiten Teufelswerk, weshalb der Mithraskult bekämpft und lächerlich gemacht werden musste. Blutrünstige Rituale und lächerliche Initiationsriten – wie das alberne „Flügelschlagen“ mit den Armen – wurde den Mithrasanhängern im Rahmen christlicher Propaganda nachgesagt. Auch diesbezüglich liefert Clauss interessante archäologische Befunde, aber auch eine Einordnung in römische Kulterfahrungen.

Mysterienkult als antike Medienshow

Für diese Kulterfahrungen, also die rituelle Gotteserkenntnis hatten die Priester ein ganzes Repertoire an Showeffekten. Das beginnt mit dem Ort, der Höhle und ihrer Einrichtung, bei der Beleuchtungseffekte eine ebenso große Rolle spielten, wie bei den Motivplatten. Da erstrahlten beispielsweise die entsprechend ausgehöhlten Symbole der Gestirne oder der göttliche Sonnenkranz im geheimnisvollen Lichte versteckter Kerzen oder Fackeln. Mit Bedacht angeordnete Bilder und Motive erzählen Geschichten, deren theologischer Inhalt uns ebenso verborgen bleibt, wie die konkreten Rituale, die zur göttlichen Offenbarung führten. Am Ende, so stellt Clauss fest, bleiben naturgemäß mehr Fragen, als Antworten gegeben werden konnten. Aber gerade weil Clauss in seinem Buch auf religiöse Einlassungen und glaubensgefärbte Interpretationen verzichtet, lohnt es sich „Mithras. Kult und Mysterium“ zu lesen. Allein deshalb, weil sich im Rahmen der Lektüre ein Verständnis dafür entwickelt, um was es sich bei den Mysterienkulten – abseits aller esoterischen Spekulationen – tatsächlich gehandelt hat.

Manfred Clauss: Mithras. Kult und Mysterium. Philipp von Zabern, 2012. Gebunden, 191 Seiten.

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