Boote und Schiffe der Bronzezeit

Als 1952 an der Südseite der Chepospyramide ein verstecktes Grab geöffnet wurde, fand man Teile eines Bootes. 1955 begann man das Boot, das wie ein Bausatz zerlegt dem Grab beigegeben worden war, zu heben. Nach der Konservierung und dem Zusammenbau der 1224 Einzelteile war schließlich ein etwa 4600 Jahre altes 43,4 m langes und 5,9 m breites Schiff von etwa 40 Tonnen Wasserverdrängung entstanden.

Die Planken waren auf Stoss aneinandergesetzt, miteinander verzapft und mit Stricken, die durch vorgebohrte Löcher geführt wurden, zusammengebunden. Nägel standen damals nicht zur Verfügung.

Technik aus der Späten Steinzeit

Wenn im 3. Jahrtausend v.u.Z. bereits richtige seetüchtige Schiffe in der Technik des Planken-Zusammennähens gebaut werden konnten, dann muss die Konstruktionsweise selbst deutlich älter sein. Tatsächlich fanden sich bereits aus prädynastischer Zeit, also der Stein-Kupferzeit, die in das 5. vorchristliche Jahrtausend zurückreicht, Modelle und Abbildungen von einfacheren Plankenbooten, die nur genäht sein konnten.

Nordeuropas Plankenboote

1921 wurde vom dänischen Nationalmuseum das sogenannte Hjortspringboot ausgegraben und später rekonstruiert. Dieses genähte Plankenboot mit Doppelsteven, 15,3 m Länge und ca. 50 cm Breite stammt aus dem 4. Jahrhundert v.u.Z.. Es ähnelte in seinem Aussehen erstaunlicherweise vielen der teilweise auf das 8. vorchristliche Jahrhundert datierten skandinavischen Felsritzzeichnungen, die bislang als Darstellungen von Fellbooten angesehen wurden.

Die Funde genähter Plankenboote mit bis zu 15 m Länge, die seit etwa 1940 an den Flussmündungen Ost- und Südenglands (z.B. North Ferriby, Dover) gefunden wurden, konnten auf bis zu 1300 Jahre v.u.Z. datiert werden. Auch hier darf angenommen werden, dass das Konstruktionsprinzip deutlich älter ist.

Die arabische Welt

Die ersten genähten Plankenboote der arabischen Welt lassen sich in Mesopotamien auf das 3. vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgen. Dieses Konstruktionsprinzip war so erfolgreich, dass noch Marco Polo zum Ende des 13. Jahrhunderts über zusammengenähte arabische Handelsschiffe vom persischen Golf berichten konnte. Und bis ins 16. Jahrhundert waren die arabischen Dhauen, die den indischen Ozean überquerten und bis nach China segelten, ohne die Verwendung von Nägeln gebaut worden.

Ozeanien und Polynesien

Die enorm leistungsfähigen ozeanischen und polynesischen Kanus, Ausleger- und Doppelrumpfboote, mit denen der pazifische Raum besiedelt worden war, waren ausschließlich zusammengenäht und zusammengebunden. Und daran änderte sich beim traditionellen Bootsbau dieser Region bis zum Anfang des 20. Jahrhundert nichts. Auch wenn man über die Anfänge des ozeanischen und polynesischen Bootsbaus nichts weiß, so darf man doch annehmen, dass auch hier die Tradition genähter Plankenboote sehr alt ist. Denn auch die indische Schifffahrt und der damit verbundene Einsatz genähter Plankenboote lässt sich mit Einflüssen auf Indonesien bis in das 3. vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgen.

Einfaches Prinzip, zahllose Variationen

Die Zahl der regionalen und kulturellen Unterschiede bei den genähten Plankenbooten ist enorm. Das beginnt bereits beim Nähen selbst. Kreuzstich, Schrägstich, Schlingen und andere mehr seien hier nur genannt. Man kann die Nähte in den Planken versenken, sodass sie auf der Aussenhaut nicht zu sehen sind. Man kann die Planken einfach durchbohren, sodass die Nähte auch außen sichtbar werden.
Man kann die Planken auf Stoß aufeinandersetzen (kraweel), man kann sie aber auch überlappen lassen (klinker). Und man kann die überlappenden Planken von außen oder von innen ansetzen.
Genähte Plankenboote wurden in der Regel in der sogenannten Schalenbauweise hergestellt. Die Aussenhaut wurde aus Planken aneinandergesetzt und später mit stabilisierenden Spanten oder Teilspanten versehen. Dies erlaubte eine große Formenvielfalt ohne vorher Berechnungen anstellen zu müssen. So ähnelten beispielsweise die bronzezeitlichen ägyptischen Schiffe den Schilfbooten dieser Zeit. Das hatte übrigens dazu geführt, dass vor dem Fund des Cheopsschiffes angenommen wurde, dass die ägyptischen Schiffsabbildungen überwiegend Schilfboote darstellen.

Einbaum als Grundlage

Wie sowohl europäische Funde als auch ceylonesische und polynesische Kanus zeigen, konnten genähte Plankenboote auch dadurch entstehen, dass einem Einbaum Planken zur Erweiterung oder Erhöhung aufgesetzt wurden. Je größer diese Boote wurden, desto mehr entwickelte sich der ursprüngliche Einbaum zum Kiel.

Letztendlich aber hing die spezifische Konstruktion und Form der Boote in den verschiedenen Regionen und Kulturen sehr stark von den jeweiligen Umweltbedingungen, zum Beispiel der Art und Verfügbarkeit des Holzes, und dem Einsatzzweck (Handel, Transport, Krieg) der Fahrzeuge ab.

Der Beitrag ist dem E-Book Kulturgeschichtliche Aspekte zur frühen bis mittelalterlichen Schifffahrt entnommen.
Lesen Sie zu diesem Thema bei GeschiMag auch: Die Bronzezeitliche Schifffahrt in der Levante

 


Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 1 Frühzeit, Archäologie, Schifffahrtsgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s