Aspekte der experimentellen Archäologie

Experimentelle Archäologie bedeutet, historische Gegenstände möglichst originalgetreu nachzubilden, um damit Versuche zu unternehmen, die wissenschaftliche Fragestellungen beantworten können. Oft genug aber sollen bereits durch das Herstellen der Nachbildung selbst bestimmte Fragestellungen beispielsweise nach handwerklichen Techniken beantwortet werden.

So klar die Definition der experimentellen Archäologie auf den ersten Blick scheint, so komplex und umstritten ist das, was sich unter diesem Begriff der Öffentlichkeit präsentiert. Und auch innerhalb der Wissenschaft gibt es immer wieder Auseinandersetzungen um die richtige Vorgehensweise bei archäologischen Experimenten. Denn vieles, was auch von Museen im Rahmen der Museumspädagogik werbewirksam als archäologisches Experiment verkauft wird, hat damit nichts zu tun. Denn Archäologie ist Wissenschaft und experimentelle Archäologie ist wissenschaftliches Experiment. Im Idealfall basiert das Experiment also auf gesicherten Informationen wie beispielsweise Funden, schriftlichen Quellen und gegebenenfalls ethnologischen Vergleichen. Die für die Rekonstruktion eines Gegenstandes verwendeten Materialen sollten ebenso dem Original entsprechen, wie die benutzten Werkzeuge und Handwerkstechniken. Und nicht zuletzt sollte das gesamte Experiment wissenschaftlich dokumentiert und jederzeit wiederholbar und damit überprüfbar sein.

Abstriche am wissenschaftlichen Ideal

Die Voraussetzungen sind natürlich nicht in jedem Falle einzuhalten. Sei es, dass die Quellenlage nicht der Idealvorstellung entspricht, sei es, dass die beim Original verwendeten Materialen heute schlichtweg nicht mehr beschaffbar sind, sei es aber auch, dass ein Experiment auf Idealniveau nicht immer finanzierbar ist. Letztendlich gibt es auch gesetzliche Einschränkungen wie Brandschutzbestimmungen. So muss das Reet auf einer steinzeitlichen Dachkonstruktion beispielsweise mit Draht befestigt werden.

Das Spektrum der Experimente reicht vom Herstellen und Anwenden von Steinzeitwerkzeug über das Wiederaufrichten antiker Tempel, den Nachbau römischer Kastelle mit funktionierenden Heizanlagen und Katapultgeschützen bis hin zu Rekonstruktionen und Betrieb historischer Schiffe als Modell oder Originalnachbau. Das Niveau archäologischer Experimente hängt dabei auch von der Erfahrung der Archäologen selbst ab.

Fragestellung und Zielsetzung sind entscheidend für das Experiment

Natürlich sollte jeder Versuch so authentisch wie möglich durchgeführt werden. Neben den objektiven Einschränkungen spielt aber für die Genauigkeit des Nachbildungsprozesses (Techniken, Werkzeuge) auch die Fragestellung, die das Experiment beantworten soll, eine Rolle. So kann es im Einzelfall durchaus akzeptabel sein, etwa beim Bau einer Rekonstruktion auch moderne Maschinen und Geräte zu verwenden. Ja selbst der Einsatz moderner Materialien muss der Wissenschaftlichkeit des Experimentes nicht immer Abbruch tun. Es kommt eben auf die Fragestellung, die Zielsetzung des Experimentes an.

Rekonstruktion oder Experiment

Nicht immer sind archäologische Rekonstruktionen auch archäologische Experimente. Es geht bei Rekonstruktionen auch darum, Ausstellungsstücke zu erhalten, mit deren Hilfe man einem breiten Publikum auf pädagogische und gleichzeitig unterhaltsame Weise die Geschichte nahe bringen kann. Über Filmrechte, Eintrittspreise oder Vermietungen beispielsweise von Schiffsrekonstruktionen (etwa der schwedischen Göteborg), werden Einnahmen für Museen oder Vereine generiert. Studenten und Wissenschaftler finden durch Rekonstruktionsprojekte praktische Ausbildungsmöglichkeiten, um den Standard von Dokumentation und Forschung im Bereich experimenteller Archäologie zu heben.

Bei der unterschiedlichen Interessenlage ist es kein Wunder, dass Grundlagen und Ziele der experimentellen Archäologie immer noch kontrovers diskutiert werden. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass unter diesem Begriff nicht nur streng wissenschaftliche Projekte, sondern immer wieder auch museumspädagogische Spielereien bis hin zum folkloristischen Medienspektakel laufen. Die Übergänge sind dabei fließend, wie der Archäologe Dr. Timm Weski in einem Rundbrief der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie formuliert: „manches Vorhaben, das ursprünglich als Wissenschaft begann, endete nach mehreren Jahren auf der Stufe einer Volkstanzgruppe.“

Lesen Sie auch: Die Schwierigkeit der archäologischen Rekonstruktion

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