Gesichtsrekonstruktion einer skythischen Amazone aus dem Altai

649705_de_koprrekonsMit der Schädelrekonstruktion der Kriegerin aus dem Altai-Gebirge bestätigt das Historische Museum Pfalz die europäische Herkunft der skythischen Amazone.

Seit 1990 ist das Gräberfeld von Ak-Alacha im Hochland des Altai-Gebirges eine archäologische Fundgrube. Zu den spektakulärsten Funden gehörte die Bestattung einer etwa 2500 Jahre alten bewaffneten Reiterkriegerin, deren Ausstattung durch den konservierenden Dauerfrost erhalten geblieben war. Die etwa 16jährige Frau, die zusammen mit einem Mann und neun Pferden unter dem sogenannten Kurgan – einem Grabhügel – bestattet war, gilt derzeit als östlichster Beleg für skythische Reiterkriegerinnen.
Amazonen, geheimnisvolle Kriegerinnen

Was bereits seit längerem vermutet, wurde 2010 durch die Gesichtsrekonstruktion am Historischen Museum der Pfalz Speyer bestätigt. Der Präparator, Marcel Nyffenegger, hatte nämlich anlässlich der Ausstellung „Amazonen, geheimnisvolle Kriegerinnen“ den beschädigten Schädel der jungen Kriegerlady in seine Werkstatt bekommen und auf dieser Basis mit viel Technik und Fingerspitzengefühl ihr wahrscheinliches Gesicht modelliert. Schritt für Schritt konnten die Besucher der Ausstellung per Video die aufwändige Rekonstruktion nachvollziehen und das Ausgangsmaterial sowie das Ergebnis ganz real bewundern.

Das Gesicht der Amazone

Es versteht sich von selbst, dass der fragile Originalschädel nicht als Träger der Modelliermasse zur Verfügung stand. Eine Replik auf der Basis exakter Analyse und Vermessung und einem 3D- Scan wurde von den Wissenschaftlern des Museums und der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Aalen erstellt. Allein dieser digitale Rekonstruktionsvorgang des deformierten Schädels dauerte 5 Tage.

Dann begann der schweizer Restaurator Schicht um Schicht Muskel- und Gewebeschichten aufzumodellieren. Immerhin zwei Monate dauerte die mühevolle Kleinarbeit, die nicht nur Wissen um Muskel- und Gewebestärken und  Anatomie, sondern auch viel Erfahrung voraussetzt. „Der Schädel“, erklärte Nyffenegger auf einer Pressekonferenz anlässlich der Ausstellung, „gibt Ansätze, Form und Dicke der Muskeln vor und zeigt, an welchen Stellen die Haut direkt auf dem Knochen zu liegen kam.“ Tatsächlich aber erreicht man mit einer sogenannten Weichteilrekonstruktion, die sich allein am – in diesem Fall auch noch unvollständigen – Knochenaufbau orientiert, eine Genauigkeit von etwa 75 Prozent des einstigen Aussehens. Über Mimik, Augenfarbe, Haare und Haut sagt der Schädelknochen naturgemäß nichts aus. Diese Aspekte bleiben letztendlich Interpretation des erfahrenen Präparators.

Amazone mit Tattoo

Dessen ungeachtet ist der europide Typ der jungen Skythin aus den asiatischen Steppen durch die Rekonstruktion und andere Indizien unbestritten. Und natürlich hat es sich Nyffenegger nicht nehmen lassen der Kriegerin die fehlenden „kosmetischen Attribute“ wie Augen- und Hautfarbe, Haare und sogar ein Tattoo zu verpassen. Auch wenn bei der Skythin mangels erhaltener Haut keine Tätowierung zu finden war, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch sie, wie ihre männlichen und weiblichen Kollegen aus den Gräbern dieser Region, als Tierbilder gestaltete Tätowierungen trug.

Skythen von Europa bis Sibirien

Bevor der Präparator die mehr als 100.000 Strähnchen für Augenbrauen, Wimpern und Kopfhaar einsetzen konnte, musste das Plastilin-Modell in Silikon abgeformt und als formstabiler Gummikopf gegossen werden.

Abgesehen von der Tatsache, dass die faszinierende Amazonen-Ausstellung mit der Darstellung dieser Rekonstruktion um eine Attraktion reicher war, der wissenschaftliche Wert kann sich ebenfalls sehen lassen. Immerhin spricht die eindeutige Identifikation der skythischen Eisdame als europid für die weite Verbreitung der skythischen Völker in der Eisenzeit und zum anderen für ihre nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten gerichteten Wanderbewegungen bis weit nach Sibirien und ins Altai-gebirge.

Foto: die Skythische Amazone, Gesichtsrekonstruktion, Peter Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz

 

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Ethnologie

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