Rezension: Wie lebte es sich in Deutschland um 1900?

9783806227253-bEs war ein widersprüchliches Land, das wilhelminische Kaiserreich um 1900. Auf der einen Seite die militärische Stärke, der wirtschaftliche Erfolg, andererseits eine schroffe Klassengesellschaft und ein Staat, der sich in Großmachtfantasien erging. Die Autoren Epkenhans und von Seggern zeichnen ein facettenreiches Bild dieses „unfertigen“ Deutschen Reiches, das 1918 so sang- und klanglos unterging.

 Angefangen von der Reichsgründung im Versailler Spiegelsaal am 18. Januar 1871, die auf der Niederlage des „Erbfeindes“ Frankreich folgte, schuf Otto von Bismarck einen Obrigkeitsstaat mit der Maxime Einheit vor Freiheit. Zwar besaß das neue deutsche Kaiserreich mit Wilhelm I. eine starke Integrationsfigur, und mit dem Kanzler Bismarck einen Lenker, der Deutschland als  „saturiertem“ Staat in der Außenpolitik einen friedfertigen Kurs verordnete. In der Innenpolitik ging der Kanzler dagegen mit aller Härte gegen die „Reichsfeinde“, Katholiken und Sozialdemokraten, vor. Die Autoren widmen dieser wenig rumreichen Etappe der Gründungsgeschichte des Deutschen Reichs ein eigenes Kapitel, wie auch dem großen katholischen Widersacher Bismarcks, Ludwig Windthorst.

Der Reserveoffizier als Maß aller Dinge

Dann unter Wilhelm II., der nach nur 99 Tagen von seinem totkranken Vater Friedrich III. die Regentschaft übernahm, der Griff nach der Weltmacht. Gesteigertes Anspruchsdenken („Ein Platz an der Sonne“), gepaart mit einer unglücklichen Außenpolitik, bescherte dem immer noch jungen Staat eine „Welt voller Feinde“. Die unselige Flottenpolitik, von Alfred von Tirpitz vorangetrieben, bewirkte ein Übriges. Eine Folge war die weitere Militarisierung der deutschen Gesellschaft, die den Reserveoffizier zum Maß aller Dinge erhob. Am Ende dann mit dem Ersten Weltkrieg „der Sprung ins Dunkle“.

Erste Ansätze einer Freizeitgesellschaft

Neben der Militarisierung des Deutschen Reichs stand der facettenreiche „Aufbruch in die Moderne“, wie Epkenhans/von Seegern schreiben. Da gab es den Drang in die Metropolen, allen voran nach Berlin, dem Versuchslabor der Moderne. Aus einem wirtschaftlichen Nachzügler wurde eine führende ökonomische Macht. Die deutsche Stahl-, Chemie- und Elektroindustrie war Weltspitze. Erste Ansätze einer „Freizeitgesellschaft“ bildeten sich heraus und die Gleichstellung der Frau wurde von Helene Lange forciert.

Der Adel verteidigte seine Privilegien

Gleichzeitig verteidigte der Adel erfolgreich seine Privilegien, schuf sich der Mittelstand seine bürgerliche Behaglichkeit, während die Landbevölkerung wie zu alten Zeiten unter ärmlichsten Bedingungen lebte. Den Industriearbeitern und ihren Familien – häufig den schlechten Bedingungen auf dem Land entflohen – ging es meist auch nicht besser. Elende Wohnverhältnisse, lange Arbeitszeiten und ein Lohn, der hinten und vorne nicht reichte, bestimmten das Leben des Proletariats. Hilfe versprachen die Sozialdemokraten. Die Autoren stellen hier den „Arbeiterkaiser“ August Bebel und seine Ziele vor. Aber auch der Staat begann Vorsorge zu organisieren: der Beginn des Sozialstaates.

Epkenhans und von Seegern halten mit dem vorliegenden Buch das Versprechen, das der Titel gibt. Das Leben im Kaiserreich, dieser zu spät gekommenen Nation, wird in vielen, scheinbar nur schwer zusammen passenden Facetten geschildert. Die Sprache ist dabei immer verständlich, die Bebilderung gelungen. Zusammen mit den Zitaten von Zeitzeugen erhält der Leser ein authentisches, spannendes Bild der Epoche.

Michael Epkenhans/Andreas von Seggern: Leben im Kaiserreich. Deutschland um 1900. Theiss Verlag,  2012. 176 Seiten.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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