Die Trajanssäule in Rom – Dokumentation eines Krieges in Farbe

TrajansäuleEines der ersten Bücher des im April 2012 gegründeten Nünnerich-Asmus-Verlages befasst sich mit der farblichen Wiedergabe des Reliefs auf der Trajanssäule in Rom. Dem Leser wird dabei im wahrsten Sinne des Wortes der Verlauf der Dakerkriege aus der Sicht der Sieger vor Augen geführt. Die Trajanssäule als zeitgenössisches Dokument ist weit mehr als eine dekorative Bilderstele. Erst die Farbe und die Erläuterungen des Autors lassen die Botschaft des mehr als 200 Meter langen Frieses im Detail verstehbar werden.

Nach einer Einführung in die komplexen Grundlagen der Farbgebung antiker Skulpturen und Friese widmet sich Ritchie Pogorzelski der Geschichte der Säule und den Besonderheiten der Architektur und ihrer Umgebung um schließlich auf die inhaltliche und formale Konzeption und Funktion des Reliefbandes einzugehen. Bereits in diesen ersten beiden Kapiteln wird folgendes deutlich:

Das Reliefband ist kein Ergebnis freier künstlerischer Interpretation historischer Ereignisse. Bis ins Detail folgt die Darstellung der Dakerkriege festgelegten historischen und politischen Aussagen, also einem propagandistischen Programm. Das gilt auch für die Anordnung der Bilder und Szenen auf der Säule, die weder eine exakte chronologische Abfolge darstellen, noch eine einzige Leserichtung vorsehen. So folgen viele Inhalte auch einer vertikalen Anordnung, etwa die drei Donauüberquerungen, die die drei Feldzüge symbolisieren.

Ohne Farbe liefert das Relief nur wenig Informationen

Aber erst die Farbgebung liefert detaillierte Informationen über die propagandistische Botschaft des Reliefs und über sachliche Einzelheiten, die eine wahre Fundgrube für den Historiker, aber auch für den zeitgenössischen römischen Betrachter darstellen. Denn viele Details sind im Relief nicht ausgearbeitet, sondern aufgemalt. Zudem hat die Farbe – beispielsweise der Kleidung – sowohl Symbolcharakter als auch eine zentrale Bedeutung für den sozialen Status der jeweiligen Person.

Bevor sich der Leser vom Autor wie von einem Fremdenführer auf die illustrierte Reise in die Vergangenheit entführen lässt, liefert der Student der Provinzialrömischen Archäologie eine Darstellung des historischen Hintergrundes und eine Übersicht des ersten Dakerkrieges auf der Basis der Überlieferungen des Cassius Dio. Mit dem Bild „Die Ripa“ (römischer Grenzfluss) beginnt dann der Einstieg in den Feldzug des ersten Krieges im Jahre 101 nach Christus.

Es beginnt an der Grenze des Römischen Reiches

Friedlich ist es am Donauufer und der Betrachter kann sich in Ruhe mit dem römischen Grenzsicherungssystem auseinandersetzen. Auf den von Palisaden umgebenen Wachtürmen lassen sich brennende Fackeln erkennen, Teil des Signalsystems. Holzstapel und Heuhaufen symbolisieren Versorgungs- und Befestigungsmaterial und die Uniformen der Wachen zeichnen diese als Angehörige der Hilfstruppen (Auxillare) aus. Der Blick gleitet zur nächsten Szene, einem Hafen an der Donau in dem Versorgungsgüter für die Grenzbefestigungen ausgeladen werden. Unter dem Schutz des in der dritten Szene dargestellten Flussgottes beginnt mit dem Überschreiten der Donau bei Viminacium in der vierten Szene der Feldzug. Zwei Pontonbrücken bieten der römischen Armee einen schnellen Übergang. Ein prächtiges Bild mit detaillierten Uniformen und Rüstungen, Feldzeichen und Marschgepäck, aus dem der Kenner herauslesen kann, um welche militärischen Einheiten es sich handelte, welche Ränge vertreten waren und vieles mehr.

Die Dakerkriege, eine Geschichte in 53 Bildern mit 158 Szenen

Angeführt von einem ranghohen Offizier, gefolgt von der Kaiserlichen berittenen Einheit steuern die Prätorianer und Legionäre auf die steinerne Tribüne zu, auf der sich Trajan mit seinen Offizieren berät und möglicherweise auch die Truppenabnahme vornimmt. Zwei parallel stattfindende Ereignisse (Bild 4, Szene 7 und 8) schließen sich an: Das Trankopfer und der rituelle Zug um das wahrscheinlich gerade errichtete Lager. Im Mittelpunkt beider Aktionen steht der Kaiser als oberster Priester, diesmal nicht im kaiserlichen Purpur, sondern im sakralen Weiß mit über den Kopf gezogener Toga. Inzwischen sind wir bei Bild 4 und Szene 7 und 8 angekommen. Aber allein die Darstellung des ersten Dakerkrieges umfasst 30 Bilder mit insgesamt 84 Einzelszenen, beim Zweiten sind es 23 Bilder mit 74 Szenen, alle sorgfältig vom Autor koloriert und im Buch präsentiert. Die farbliche Rekonstruktion kann naturgemäß nur eine Annäherung an die Realität sein. Vergleiche zur Farbgebung bei anderen Darstellungen wie Wandmalereien, Mosaiken, Farbrestanalysen von diversen römischen Reliefs, natürlich der Trajanssäule selbst und nicht zuletzt die historischen Überlieferungen bilden das Informationspuzzle, das die Grundlage für Ritchie Pogorzelskis eindrucksvolle Arbeit liefert.

Da erwacht die Geschichte zum Leben

Bis zum ersten Trankopfer und rituellen Umzug hat der Betrachter gerade einmal sieben Szenen hinter sich und dennoch ist bereits eine Menge passiert. Ohne die Erläuterungen des Autors wären dem Leser allerdings eine Menge Information und Hintergründe entgangen. Denn um das zu erfassen, was sich da auf den Bildern der Trajanssäule abspielt ist eine ganz bestimmte – und für uns heute ungewohnte – Art der Betrachtung erforderlich. Aber mit jedem Bild, mit jeder weiteren Szene und den dazugehörigen Erklärungen wird der Blick ein wenig geschulter, das Verstehen geht schneller und das eine oder andere mal ertappt sich der Leser dabei, den Interpretationen des Autors voller Neugierde mental vorauszueilen. Da werden Lager gebaut, Schlachten geschlagen, Gefangene gemacht, selbstverständlich die notwendigen Opferrituale durchgeführt, Vormärsche, Angriffe und Rückzüge, Flussüberquerungen und Seefahrten unternommen. Taktiken und Strategien, der Einsatz verschiedener Truppenteile und am Ende des Zweiten Dakerkrieges natürlich die völlige Unterwerfung, die Vernichtung des Gegners, all das spielt sich vor dem immer geschulteren Auge des Betrachters wie ein dynamischer antiker Actionfilm ab.

„Die Trajanssäule in Rom“ ist ein wichtiges Werk zum Verständnis der Polychromie antiker Plastik

Das marmorweiße Relief, das der heutige Besucher Roms voller Ehrfurcht bewundert, hat demgegenüber nicht einmal die Aussagekraft eines Schwarzweiß-Stummfilmes. Auf die zeitgenössischen Römer, die solche Bilder problemlos lesen konnten, dürfte der Blockbuster der Antike noch spannender gewesen sein als für uns heute. Immerhin konnte so mancher Veteran der Dakerkriege voller Stolz auf die dort gezeigte Standarte seiner Einheit im Einsatz zeigen und sagen: „schaut, dort war ich dabei.“

„Die Trajanssäule in Rom. Dokumentation des Krieges in Farbe“ darf zu recht für sich in Anspruch nehmen, neben dem Buch „Bunte Götter“ eines der wichtigsten Werke und Projekte mit Bezug auf die Vielfarbigkeit antiker Plastik zu sein. Und es ist weit mehr als nur eine Ergänzung zur bisherigen Literatur des verhältnismäßig jungen archäologischen Themas.

Ritchie Pogorzelski: Die Trajanssäule in Rom. Dokumentation eines Krieges in Farbe.  Nünnerich-Asmus Verlag 2012. Gebunden 148 Seiten.

Lesen Sie zum Thema Polychromie antiker Plastik auch folgende GeschiMag-Artikel:

Vinzenz Brinkmann: Bunte Götter (Buchbesprechung)

Die Farben der Antike

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2 Antike, Archäologie, Rezension

Eine Antwort zu “Die Trajanssäule in Rom – Dokumentation eines Krieges in Farbe

  1. Ritchie Pogorzelski erweckt aus wissenschaftlicher Evidenz und einer am Wahrscheinlichen oder zumindest Möglichen orientierten Phantasie ein herausragendes Werk der römischen Kaiserrepräsentation zu neuem Leben. Seine sorgfältig erarbeiteten Bilder katapultieren den Betrachter zurück in die trajanische Zeit und lassen ihn zum römischen Zeitgenossen werden. Pogorzelski ist insoweit wie der Autor eines historischen Romans, der seine Leser ja auch in eine aus Wissen und Phantasie wiederbelebte Epoche eintauchen lässt. Nur ist seine Methode nicht literarisch, sondern graphisch. Sie holt die Klassische Archäologie aus dem Olymp und stellt sie auf das Forum. (Enno E. Dreßler, ANNO DOMINI IX., Norderstedt 2010)

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