31 v. Chr. – Antonius, Kleopatra und der Fall Ägyptens

009Der 2. September des Jahres 31 vor unserer Zeitrechnung markiert das endgültige Ende der ägyptischen Supermacht unter seiner legendären Königin Kleopatra. Die Vorstellung vom Untergang des Ägyptischen Reiches als Resultat einer Liebestragödie, an der sich die Literatur und viele Historiker bis heute genüsslich abarbeiten, ist allerdings ein Ergebnis erfolgreicher antiker Propagandaschlachten, wie die Autoren von „31 v. Chr.“ aufzeigen.

Im unterhaltsamen Stil, der englischsprachige Sachbücher oft auszeichnet, stecken die Autoren in ihrer Einführung den Rahmen dessen ab, was den Leser in den folgenden Kapiteln erwartet: Ein Blick hinter die römisch-orientalischen Kulissen, die von den Protagonisten und ihren PR-Stäben in einer historisch nahezu einzigartigen Auseinandersetzung zweier Weltmächte aufgebaut wurden. Liebe, so die Erkenntnis mag zwar im Spiel jedoch ganz sicher nicht die treibende Kraft bei der politischen Partnerschaft zwischen Antonius und Kleopatra gewesen sein. Zu dieser Erkenntnis jedenfalls kommen der Journalist David Stuttard und Sam Moorhead, zuständig für eisenzeitliche und römische Münzen am British Museum.

Unter den Königinnen kommt Kleopatra erst an zweiter Stelle

Als Einstieg in die antike Szenerie stellen die Autoren die „Afrikanische Königin“ in jenem Jahr vor, in dem das Ägypten der Ptolemäer im Strudel der Machtkämpfe römischer Feldherren unterging. Prachtvoll entfaltet sich die Königin vor dem geistigen Auge der Leser in all ihren Facetten, ihrer Geschichte ihrer Kultur anhand zeitgenössischer Schilderungen. Schnell wird dem Leser klar, dass mit der Afrikanischen Königin gar nicht Kleopatra, sondern die in jener Zeit wohl eindrucksvollste Großstadt der Antike, Alexandria gemeint ist. Kleopatra, ihre Abstammung, ihre bemerkenswerte Persönlichkeit und Karriere kommen erst an zweiter Stelle. Und unter der Kapitelüberschrift „Eine markante Frau“ tritt sie im Buch auf den Plan, als sie in einer langen schmalen Leinentasche in den Palast von Alexandria geschmuggelt, vor Cäsar tritt, um mit seiner Hilfe ihre Machtansprüche gegen ihre Ptolemäische Verwandtschaft durchzusetzen.

Ein Buch wie ein Theaterstück

Dramatische Auftritte mit jeder Menge Symbolik waren damals fester Bestandteil jeglicher Machtpolitik, Diplomatie aber auch militärischer Operationen. Da kämpften nicht nur römische Generäle und ägyptische Feldherren, mehr oder weniger geniale Führungspersönlichkeiten mit ihren Legionen und Propagandastäben gegeneinander. Ob Augustus als Dyonisus, Kleopatra als Isis oder Octavian als Apoll, sie gaben sich auch als Götter oder wenigstens als göttlich aus und verliehen damit ihrer Gier nach Macht, Herrschaft und Reichtum einen mythischen Glanz. Mehr und mehr entwickelt sich das historische Geschehen vor dem Hintergrund der persönlichen Charakterzüge, politischen und kulturellen Sachzwänge der Handelnden in einer dramaturgisch fesselnden Art und Weise.  Dass David Stuttard auch Film-, Fernseh- und Theaterregisseur ist, schlägt sich in erfreulicher Weise im Aufbau und Konzept des Buches nieder. So spannend und unterhaltsam das Buch auch ist, die fachliche Kompetenz, die wissenschaftliche Herangehensweise an das Thema stehen außer Frage.

Antonius und Kleopatra waren nicht wie Romeo und Julia

Die Geschichte von Kleopatra und Antonius und dem Fall Ägyptens endet – wie könnte es anders sein – in Alexandria. Mit dem Sieg des italischen Rom über das orientalisch-ägyptische Rom bei Actium 31 vor Chr. und dem Tod des nach Alexandria geflohenen Paares begann die nun uneingeschränkte Herrschaft Oktavians, der vor allem als „göttlicher Augustus“ und Konstrukteur des Pax Romana in die Geschichte eingegangen ist. Es ist tatsächlich eine Geschichte, die mit Liebe und Leidenschaft zu tun hat, aber eben ganz anders als es die Historiker und Literaten bis heute so gerne darstellen. Kleopatra und Antonius waren ebenso wenig wie Cäsar und Kleopatra Liebespaare vom Schlage Romeo und Julias. Es darf als Verdienst der Autoren gewertet werden, dass die Entmythologisierung und die Befreiung dieser historisch außerordentlich bedeutsamen Zeit vom antiken romantisch-propagandistischen Ballast noch fesselnder ist, als die üblichen Mythen, die mit Kleopatra verbunden sind.

Bemerkenswerte Aspekte

Bemerkenswert und erfreulich auch die Literaturhinweise. 31 v. Chr. ist – wie der Leser schon vermutet haben dürfte – die deutsche Übersetzung eines englischsprachigen Buches. Statt wie meist üblich die in der Regel fremdsprachige Bibliografie der Originalausgabe zu übernehmen, hat Theiss seinen Lesern hier neben englischsprachigen eine Reihe deutschsprachiger Bücher auch aus anderen Verlagen zum Vertiefen des Themas angeboten. Und auch der Hinweis, dass „Übersetzungen der meisten zitierten antiken Autoren im Buchhandel  . . . oder auch (immer mehr) im Internet“ erhältlich sind, verdient eine positive Erwähnung.

Nicht ganz so positiv der ein wenig zu sparsame Einsatz des Lektorats. Niemand erwartet wirklich ein fehlerfreies Buch. Wenn sich aber gelegentlich ein falscher Artikel einschleicht oder ein Wort fehlt, das dazu führt, dass der Leser unweigerlich glaubt, ihm sei etwas entgangen oder er habe etwas nicht verstanden und er dadurch unnötigerweise aus dem Lesefluss gerissen wird, ist das schon ein wenig schade. Und gerade solche Fehler sollten wegen ihrer Auffälligkeit einem Lektorat nicht unbedingt entgehen, selbst wenn es – wie in diesem Buch – nur wenige sind. Der eine oder andere stilistische Übersetzungsholperer lässt sich hingegen problemlos wegstecken.

David Stuttard, Sam Moorhead, 31 v. Chr. Antonius, Kleopatra und der Fall Ägyptens. Theiss Verlag 2012. Gebunden 184 Seiten. ISBN: 978-3-8062-2705-5

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