Kassel: Der mühsame und wechselvolle Aufstieg einer Stadt

Ein Buch zum 1100 jährigen Stadtjubiläum

Ein wahres Schwergewicht hat Jörg Adrian Huber mit seinem Buch „Stadtgeschichte Kassel“ zum 1100jährigen Jubiläum, das die Nordhessische „Hauptstadt“ 2013 feiert, vorgelegt. Bemerkenswert sind dabei nicht nur Größe und Gewicht, sondern auch der Inhalt, der neben seinen vielfältigen Aspekten durch eine beiliegende DVD mit historischen Bild- und Tondokumenten besticht.

Wie das Jubiläumsdatum schon andeutet, wird der Beginn der Stadtgeschichte Kassels auf das Jahr 913 festgelegt, jenem Jahr, als Chassala erstmals urkundlich erwähnt wurde. Der Ort schlug sich in den Dokumenten allerdings als Ort der Urkundenausstellung nieder. Chassala war eine Reisestation, ein sogenannter Königshof, in dem König Konrad I. am 18. Februar 913 zwei Verfügungen hinsichtlich des Klosters Hersfeld und des Frauenstifts Meschede ausfertigen ließ. Bis etwa um 1200 das bescheidene Ackerstädtchen mit dem Königshof erstmals Stadtrechte erhielt, hatte so ziemlich jeder Ort im Umkreis größere Chancen, zum zentralen Ort des Hessengaus zu werden. Lange Zeit galt diesbezüglich Kaufungen – heute bei Kassel – als Favorit, und auch der heutige Kasseler Stadtteil Wolfsanger fand als „Wulvisanger“ bereits rund 100 Jahre vor der ersten Erwähnung Kassels urkundliche Aufmerksamkeit.

Der zähe Aufstieg der Stadt an der Fulda

Der zähe Aufstieg der Fuldastadt zur Hauptstadt des Hessischen Kurfürstentums war weniger einer besonders vorteilhaften geographischen Lage, sondern vielmehr Zufällen und politisch-strategischem Kalkül der Landesherren zu verdanken. Denn in der Mitte Deutschlands ging es turbulent zu, als sich die Landgrafschaft Hessen in der Auseinandersetzung mit Thüringen, dem Mainzer Erzbischof und anderen adeligen Geschlechtern herausbildete. Und Kassel war immer mittendrin, anfangs stets im Schatten der Wartburg als Thüringer Machtzentrale, dann Marburgs, dem repräsentativen Verwaltungssitz von Sophie, der thüringischen Stammmutter der hessischen Fürstendynastie. Und auch, als Kassel schließlich im 14. Jahrhundert den Wettbewerb um die Position des politischen und militärischen Machtzentrums zunächst „gewonnen“ hatte, war kaum abzusehen, dass es auf Dauer so bleiben würde.

1943 legten britische Bomber die Stadt in Schutt und Asche

Feuersbrünste, Pest, der dreißigjährige Krieg und andere Ereignisse stellten die Rolle Kassels als Hessisches Machtzentrum immer wieder in Frage. Aber ebenso wie landgräfliche Dynastie, die immerhin rund 600 Jahre Bestand hatte, konnte sich die Residenzstadt immer wieder von ihren Rückschlägen erholen und schließlich zum wirtschaftlich florierenden Verwaltungssitz des preußischen Kurhessen, zur innovativen Industriestadt des Kaiserreiches, aber auch zu einer braunen Zentrale und Rüstungsstandort des dritten Reiches werden. Am 22. Oktober 1943 machten britische Bomberflotten die „Stadt der Reichskriegertage“ dem Erdboden gleich. 3000 Flugzeuge der Royal Air Force luden 418.000 Spreng- und Brandbomben über der Stadt mit ihren 225.000 Einwohnern ab. „Insgesamt registrierten die Behörden 5830 Tote, 11.600 Verwundete und 150.000 Obdachlose – das waren ¾ der Bevölkerung.“ Schreibt Jörg Adrian Huber in Kapitel 15 „Kassel im Zweiten Weltkrieg.“

Jörg Adrian Huber erzählt von Grafen, Krieg und starken Frauen

Bis 1866, als Kassel preußische Provinzhauptstadt wird, stehen dem Autor die hessischen Landgrafen als inhaltlicher Leitfaden zur Verfügung. Tatsächlich waren es deren Entscheidungen und Fehlentscheidungen, die die Entwicklung des Landes und damit ihrer Residenzstadt im komplizierten deutschen und internationalen Machtgefüge maßgeblich mitprägten. Und so ziehen sich Namen wie Heinrich der Eiserne, Herman der Gelehrte, Ludwig der Friedfertige, Philipp der Großmütige oder Moritz der Gelehrte durch Hubers Stadtgeschichte des landgräflichen Kassel. Und immer wieder stehen starke Frauen hinter den Geschicken des Landes und ihrer Grafen. Sei es die Kaiserin Kunigunde die Heilige Elisabeth oder Sophie von Thüringen. Zum Verständnis für den Leser sehr hilfreich sind dabei nicht nur die vergleichenden Zeittafeln mit Daten aus der Welt- und Stadtgeschichte. Farbig unterlegte Hintergrundartikel zu historischen Ereignissen, wie dem Siebenjährigen Krieg, Persönlichkeiten wie dem Komponisten Heinrich Schütz oder Aspekte zur Stadtentwicklung, zum mittel- oder neuzeitlichen Leben, zu Wissenschaft, Technologie oder Architektur helfen dem Leser, die Fülle an historischen Informationen und Ereignissen in Gesamtzusammenhänge einzuordnen. Empfehlenswert ist dabei auch, neben der Lektüre des Buches, die beigelegte DVD zu nutzen.

Dezente Werbung für eine rosige Jubiläumsstadt

Mit den Symbol „Ohr“ und „Auge“ weist der Autor in den Texten auf passendes audiovisuelles Material hin. Das sich der Leser – mit einer Ausnahme – nicht entgehen lassen sollte. Vor allem die Beiträge aus dem Archiv des Hessischen Rundfunk mit Zeitzeugenberichten aus der Vorkriegs- und Nazizeit beeindrucken nicht nur wegen ihrer zeitlichen Nähe. Und während bereits das Buch mit eindrucksvollen Illustrationen ausgestattet ist, bringen die Videos beispielsweise zu König Lustik, Napoleon III. auf Wilhelmshöhe oder die Brüder Murhard zusätzliches Leben in die Geschichte. Ob sich der an der Stadtgeschichte ernsthaft interessierte Leser unbedingt den Werbefilm „Kassel vor dem Jubiläum“ antut, muss er natürlich selbst entscheiden. Auch ab dem vorletzten Kapitel „Nach der Wiedervereinigung 1991-2010“ wird ein gewisser Übergang zum Entstehungshintergrund des ansonsten hervorragenden Buches deutlich. Je mehr sich der Leser auf den letzten 35 Seiten der Gegenwart nähert, desto strahlender wird sie, desto weiser die politischen Entscheidungen, desto mehr präsentiert sie sich im Buch als Stadt des Aufschwungs, der Documenta sowieso, der Kultur und selbstverständlich des Eishockeyvereins Kassel Huskies.

„Stadtgeschichte Kassel“ ist ein Geschichtsbuch mit Geschichte

Und so hat auch das Buch selbst seine Geschichte. In einer Pressemitteilung der Stadt Kassel vom 14. November 2008 heißt es: „Wenn Kassel im Jahr 2013 seinen 1.100sten Stadtgeburtstag feiern wird, blickt es auf eine wechselvolle Geschichte mit zahlreichen Glanz- und Höhepunkten, aber auch mit großen Rückschlägen zurück. Der Michael Imhof Verlag aus dem hessischen Petersberg wird mit Unterstützung der Stadt Kassel und einer namhaften Förderung der Wintershall Holding AG eine Stadtchronik herausgeben, die im Herbst 2011 in einer Erstauflage von 4.000 Stück vorliegen soll.“

Immerhin dauerte es bis Oktober 2012, bis das prächtige Buch zur Stadtgeschichte mit einer Startauflage von 6.000 Stück der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Und das Warten hat sich zweifellos gelohnt. Denn das Schwergewicht mit seinen knapp 450 Seiten und der DVD ist weit mehr als eine lokalpatriotische Stadtchronik wie sie sich in vielen Tourismusinformationen findet. Es ist ein Geschichtswerk von überregionalem Interesse, modern und multimedial konzipiert und spiegelt gleichzeitig die Jahrzehnte lange journalistische Erfahrung und Arbeit seines Autors als Spezialist für Geschichte und Zeitgeschichte Hessens beim Hessischen Rundfunk wieder.

Jörg Adrian Huber: Stadtgeschichte Kassel. Michael Imhof Verlag 2012. Gebunden 445 Seiten.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s