Die Waffenschmiede des Archimedes

„Störe meine Kreise nicht“, soll Archimedes der Legende nach dem römischen Soldaten zugerufen haben, der, mit dem Auftrag, den Wissenschaftler gefangen zu nehmen, die geometrischen Figuren zertrampelte, die das griechische Genie in den Sand gemalt hatte. Der offensichtlich recht einfach gestrickte Soldat dürfte sich von der entschlossenen Ansprache des 78- jährigen in seinem Leben bedroht gefühlt und wohl in vermeidlicher Notwehr zum finalen Schwertstreich angesetzt haben.

Möglicherweise aber war der Soldat aber auch schlichtweg sauer über die zahlreichen Opfer, die das geniale Gehirn des Mathematikers unter den römischen Belagerern von Syrakus zu verantworten hatte. Immerhin zwei Jahre dauerte die Belagerung der mit den Karthagern verbündeten Stadt auf Sizilien, die 214 vor unserer Zeitrechnung im Rahmen des 218 begonnenen Zweiten Punischen Krieges mit einem mächtigen militärischen Aufgebot – darunter einer Flotte von rund 130 Schiffen – begann. Bereits in der Antike war das Belagerungsgeschäft vor allem eine technische Angelegenheit. Und insbesondere bei der Belagerung von Syrakus nahm der Hightech-Krieg geradezu legendäre Formen an. So soll Archimedes – mittelalterlichen Geschichtsschreibern zufolge – Brennspiegel konstruiert haben, mit deren Hilfe das gesammelte Sonnenlicht – als Brennstrahl auf die Schiffe gerichtet – diese in Flammen aufgehen lassen konnte.

Archimedische Abwehrstrategie

Tatsächlich hatte der Wissenschaftler, der uns heute vor allem durch seine ebenfalls legendären Badewannenexperimente zu Wasserverdrängung und Auftrieb, seine coolen physikalischen Sprüche und nicht zuletzt durch seine Schraube bekannt ist, auch waffentechnisch einiges zu bieten. Zunächst wurden die Stadtmauern mit Schießscharten in unterschiedlicher Höhe versehen, durch die vor allem Torsionsgeschütze** unterschiedlichster Größe den Gegner unter Beschuss nehmen konnten. Immerhin deckten die schweren Geschütze einen Bereich zwischen knapp 60 bis zu mehr als 350 Metern ab und konnten damit weitgehend verhindern, dass sich die feindliche Flotte den Mauern auf Angriffsdistanz nähern konnte. Mit den tiefer aufgestellten leichten Geschützen konnten schließlich die Landungsboote bekämpft werden, die sich in die 60 Meter Distanz hineingekämpft hatten.

Krieg der Kampfsterne

Die maritime römische Belagerungstechnik konnte sich aber ebenfalls sehen lassen. Mit sechzig Quinquiremen* als Rückendeckung schickten die Römer mächtige schwimmende Belagerungsmaschinen ins Gefecht. Acht Schiffe wurden paarweise zusammengebunden und mit einer extra zum Zweck des Mauersturms entwickelten Leiter ausgestattet. Diese als sambucae bezeichneten, ausziehbaren Leitern waren mit einer Schutzhülle ausgestattet und konnten jeder Mauerhöhe angepasst werden. An der Mauer angekommen wurden die an Deck zwischen den Masten der zusammengebundenen Schiffe liegenden Leitern mit über die Mastspitzen geführten Seilen hochgezogen und gegen die Mauern gelegt. Die Soldaten stürmten unter den über Deck angebrachten Schutzdächern hervor, die Leitern hinauf. Auf mehrere Stockwerke ausfahrbare Belagerungstürme mit Rammen, die ebenfalls Teil der schwimmenden Angriffsfestungen waren, sorgten mit ihren Bogenschützen dafür, dass sich den Angreifern möglichst wenige Verteidiger auf den Mauern in den Weg stellten.

Mit Greifzange und Abrissbirne

Archimedes, der von sich behauptet haben soll, mit seinen Hebelgesetzen die Welt aus ihren Angeln heben zu können, gab sich zunächst mit den römischen Schiffen zufrieden. Er hatte mächtige, mit Gegengewichten ausbalancierte Hebel entwickelt, an deren Ende gewaltige Zangen angebracht waren. Weit ausgreifend über die Mauer geschwungen, konnte Bug oder Heck des angreifenden Schiffes erfasst und so weit angehoben werden, dass es entweder zerbrach, oder beim Aufprall auf die Wasseroberfläche schwer beschädigt wurde. Die Folge waren verheerende Schäden an Mannschaft und Waffensystemen. Und dann war da noch die 300 kg Abrissbirne. Ebenfalls an einem langen Hebel über die Mauer gehievt, wurde das Blei- oder Steingewicht mittels Seilen Horizontal über die Decks der feindlichen Schiffe und Angriffsfestungen geschwungen. Wenn das Gewicht ausgelöst wurde, krachte es mit großem Zerstörungspotential auf oder durch das Deck. Dann wurde es wieder herausgezogen und der Vorgang wiederholt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die mächtigste Angriffsplattform zum Wrack zerschlagen war.

Logistik: das Geheimnis des Erfolgs

Wie bei Belagerungen so üblich, spielen neben den technologischen auch logistische Fragen eine große Rolle. Die Versorgung der römischen Belagerer stellte dabei kein wirkliches Problem dar. Während Hannibal nahezu ungehindert die römischen Landstriche verheeren konnte, beherrschten die Römer mit ihren Flotten schon längst die wesentlichen Versorgungswege des Mittelmeeres. Das Korn zur Versorgung der Römer und ihrer Alliierten kam aus dem „neutralen“ Ägypten und ab Anfang 212 auch aus dem von den Römern eroberten und befriedeten Sardinien. Korn für die Belagerten karthagischen Parteigänger kam hingegen ebenso wenig an, wie Entsatztruppen. Ein Teil der karthagischen Flotte, die der Römischen ohnehin zahlenmäßig längst unterlegen war und sich kaum noch auf eine kriegerische Auseinandersetzung einließ, war ausgerechnet im Hafen von Syrakus eingeschlossen. Und so war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Syrakus fallen würde. 212 v.Chr. fiel – aufgrund von Verrat, wie es heißt – ein Teil der Stadt, jener Teil, in dem Archimedes seine Kreise zog und unter dem Schwerthieb des römischen Soldaten sein Leben aushauchte. Es dauerte noch weitere acht Monate, bis auch die Zitadelle der wehrhaften Stadt von den Römern eingenommen werden konnte.

Mit dem Ende des Zweiten Punischen Krieges im Jahre 201 vor Christus hatte sich Rom zur unangefochtenen Seemacht der antiken Welt emporgeschwungen. Bis zu seinem Untergang sollte das auf dieser Basis entstehende Imperium die maritime Vormachtstellung nicht wieder abgeben.

*Quinquiremen, sogenannte Fünfruderer, deren genaue Riemenanordnung und Besetzung unbekannt ist, hatten – ähnlich den Triremen – eine Länge von 39 bis 45 Metern, waren mit ihren Oberdecks, die rund 3 Meter über dem Wasser lagen und einer Breite von etwa 8 Metern jedoch deutlich größer als die leichten Dreiruderer. Sie konnten daher schwere Geschütze tragen, die in der Lage waren, gegnerische Schiffe zu beschädigen, vor allem aber unter deren Mannschaften erhebliche Verluste zu verursachen. Die Besatzungen der Quinquiremen bestanden aus 270 bis 280 Ruderern, sowie Seeleuten, Bogenschützen, Schleuderern und Speerträgern, insgesamt etwa 350 Mann.

**Wenn beispielsweise Seile unter großem Kraftaufwand und Einsatz von Hebeln ineinander verdreht werden, speichern diese die hierfür aufgewandte Energie. Torsionsgeschütze nutzen diese Energie durch plötzliche Entspannung der Knebel um Geschosse zu verschleudern. Die als Onager (Wildesel) bezeichnete römische Geschossschleuder ist ein Beispiel für ein Torsionsgeschütz.

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Eingeordnet unter 2 Antike, Schifffahrtsgeschichte

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