Religion vor Politik: Das Restitutionsedikt und die Folgen

Das 1629 von Ferdinand II. in eigener Machtvollkommenheit erlassene Restitutionsedikt gilt als einer der schwersten Fehler des Kaisers. Es sollte als Grundlage für die Rückgabe aller seit 1552 von Protestanten in Besitz genommenen Bistümer und Klöster dienen. Dabei ging es um viel Land und viel Geld – entsprechend groß war das Entsetzen bei den Lutheranern und Calvinisten.

Der Kaiser und seine katholischen Verbündeten glaubten sich 1629  dem endgültigen Sieg über die Protestanten im Deutschen Reich nahe. König Christian IV. von Dänemark war geschlagen, die Söldnerführer Ernst von Mansfeld und Christian von Braunschweig tot, ihre Heere aufgelöst. Die Armeen Ferdinand II. unter Wallenstein hatten Norddeutschland zusammen mit dem Heer der katholischen Liga im Würgegriff.

Da war es an der Zeit, fanden die katholischen Fürsten, die Äbte sowie die religiösen Ratgeber des Kaisers, der heiligen Mutter Kirche jetzt das zurück zu holen, was die Ketzer ihr in der Zeit nach dem Passauer Vertrag von 1552 an Land und Seelen entwendet hatten. Eine Restitution musste her. Den Wunsch, diesen ehemals katholischen Besitz zurückzubekommen, hegten sie schon lange. Allein es fehlte ihnen, bis auf wenige Ausnahmen, schlicht die Macht, das Ansinnen durchzusetzen. Und den Rechtsweg hatten die Protestanten durch ihre Blockadepolitik im Reichstag und am Reichsgericht verlegt.

Es ging um viel Land und viel Geld

Es ging um viel Land, Geld und Macht. Die stattlichen Erzbistümer Magdeburg und Bremen, zwölf norddeutsche Bistümer und über 500 Abteien, Klöster, Stifte und Kirchen. All dies sollte, so wollte es die katholische Partei, zurückgegeben werden. Durch den protestantischen Teil des Reiches ging ein Aufschrei. Viele sahen sich und ihre Sache dem Untergang geweiht.

Am 6. März 1629 publizierte der Kaiser in eigener Machtvollkommenheit das Restitutionsedikt. Das Vorgehen hatte etwas Autoritäres an sich. Und es fußte nur auf der Gewalt des wallensteinschen Heeres. Denn eigentlich hätten die Stände hier ein Wörtchen mitzureden gehabt. Neben der gewaltigen Umverteilung von Land und Leuten, bestätigte Ferdinand II. in diesem Werk nochmals, dass im Reich weiterhin nur Katholiken und die Anhänger der Augsburgischen Konfession zu dulden seien. Die Calvinisten sollten rechtlos bleiben. Wahrlich kein Schritt in Richtung Frieden.

Der strenggläubige Ferdinand wollte seiner Kirche ihr Recht verschaffen

Ferdinand II. stand dem Drängen auf ein solches Edikt zu Anfang sogar skeptisch gegenüber. Konnte die Rückgabe der Bistümer und Abteien nicht zu neuen Unruhen führen? Würde es eventuell die Macht Maximilians von Bayern stärken?  Aber mit den zunehmenden Erfolgen der wallensteinschen Armee wuchs seine Bereitschaft, den Ketzern das Entwendete wieder abzunehmen. Und das war dem strenggläubigen Kaiser wichtig.

Schließlich sprang neben dem guten Gewissen, seiner Kirche wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, auch einiges für seine Dynastie heraus. Sein zu dieser Zeit erst zwölfjähriger Sohn Leopold Wilhelm konnte – im vollen Widerspruch zum katholischen Kirchenrecht – mit einigen zusätzlichen schönen Pfründen rechnen. Ferdinand schwebte Magdeburg, Halberstadt und Bremen vor.

Die katholischen Fürsten im Reich beeilten sich, mit fortschreitenden Siegen der kaiserlichen und ligistischen Waffen, auch ihre Ansprüche beim Ferdinand anzumelden. Er möge doch bei der Vergabe der zurück gewonnenen Bistümer und Stifter Jene bedenken, die ihm immer standhaft zur Seite geblieben seien.

Die großen Fürsprecher und Einflüsterer am Kaiserhof waren der päpstliche Nuntius Carlo Carafa und  – natürlich – Ferdinands jesuitischer Beichtvater Wilhelm Lamormaini. Gerade Carafa sah in seiner Mission in Wien vor allem das Ziel, Deutschland wieder zum katholischen Glauben zurückzuführen. Ferdinand, stets um das Seelenheil seiner Untertanen besorgt, ließ hier Religion vor Politik gehen.

Das Restitutionsedikt war ein großer Fehler

Das Edikt wird als größter Fehler des Kaisers bezeichnet. Dies nicht nur aus heutiger Sicht und vom verheerenden Ergebnis her. Auch wichtige Zeitgenossen äußerten erhebliche Bedenken gegen die Restitution. So der Präsident des Wiener Hofkriegsrates Raimbald Collalto und der Feldmarschall Gottfried Heinrich Pappenheim. Auch Wallenstein zählte zu den Gegnern. Und dies aus gutem Grund. Durch die Verbitterung der Protestanten bereitete das Restitutionsedikt den Boden zum Umschwung in der europäischen und Reichspolitik zu Ungunsten Habsburgs. Zwei weitere schwere Fehler des Kaisers folgten: Wenige Monate später die rechtswidrige Belehung Wallensteins mit dem Herzogtum Mecklenburg und 1630 dessen Entlassung als Generalissimus, durch die sich Ferdinand seiner schlagkräftige Armee beraubte.

Wie schnell sich das mit Gewalt zurückgedrehte Rad wieder nach vorne bewegte, zeigten gerade die nächsten Jahre. Mit dem Schweden Gustav Adolf, unterstützt von Frankreich, erschien auf dem deutschen Kriegsschauplatz ein weit machtvollerer als die bisherigen Gegner, mit zunächst katastrophalen Ergebnissen für die katholische Seite. An eine Rückgabe der Bistümer und Klöster war nicht mehr zu denken. Im Jahr 1635 willigte der Kaiser ein, das unheilvolle Edikt im Prager Frieden auf vierzig Jahre auszusetzen. Was nichts anderes bedeutete, als das es ad acta gelegt wurde. Im Westfälischen Frieden 1648 verzichtete die katholische Seite dann endgültig auf ihre ehemaligen Pfründe.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Dreißigjähriger Krieg

Eine Antwort zu “Religion vor Politik: Das Restitutionsedikt und die Folgen

  1. Gleichgültig „auf welcher Seite“, es war in der Geschichte von Völkern noch nie von besonderem Vorteil, wenn religiöse Fundamentalisten, die nichts ausser ihrer Religion und deren Gesetzen anzuerkennen bereit waren, an vorderster Stelle eines Staatsgebildes standen. Ferdinand II – ein katholischer Fundamentalist par excellence bildet da keine Ausnahme. Die von ihm betriebene Konfrontationspolitik wider alle Rechtsnomen provozierte die Protestanten in Böhmen, im ganzen Reich und darüber hinaus und führte geradewegs in die größte Zvilisatorische Katastrophe Europas vor den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert; den 30jährigen Krieg. Das Ergebnis war ein bis in seine Grundfesten zerrüttetes Reich, das in den folgenden Jarhunderten immer wieder von Kriegen heimgesucht wurde (u. a. spanischer Erbfolgekrieg, 1. u. 2. schlesischer Krieg, Siebenjähriger Krieg, Revolutionskrieg u. Napoleonische Kriege, Preussisch-Österrreichischer Krieg) und erst nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 wirklich zur Ruhe kam. Kaum ein Ausdruck passt auf diesen Habsburger Kaiser mehr zu als der des Fundamentalisten, der seinen Willen gegen jede politische Vernunft und die Rechtsnomen des Reiches sowie die von seinen Vorvätern geschlossenen Verträge durchzusetzen suchte. Dies notfalls mit brutalster Gewalt, die ihn – nach heutigen Maßstäben gemessen – als Angeklagten vor das Den Haager Strafgericht für Kriegsverbrecher geführt hätten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s