Rezension: Die wirkliche Mittelerde

Vor dem Hintergrund des „Hobbit“ und des „Herrn der Ringe“ von J.R.R. Tolkien begibt sich Arnulf Krause auf die Spuren der wahren Mittelerde. Dabei führt der Autor des Buches „Die wirkliche Mittelerde“ den Leser zu den mittelalterlichen Wurzeln von Tolkiens Mythologie.

Wahre Tolkienfans wissen natürlich um die Entstehungsgeschichte seines „Herrn der Ringe“ und des „kleinen Hobbits“ und sie kennen nicht zuletzt die Bedeutung des „Silmarillion“, das als mythologische Grundlage der literarischen Mittelerde des englischen Sprachwissenschaftlers dient. Tolkiens Mittelerde ist eine komplexe, von ihm bis ins Detail ausgefeilte archaische Welt mit eigenen Völkern, Sprachen, Geschichten und Geschichte, beginnend mit der Schöpfung des Universums.

J.R.R. Tolkien, der Professor und seine Welt

Arnulf Krause zeichnet zunächst ein Bild des kauzigen Oxford-Professors und seines Werkes, denn das ist letztendlich sein Ansatzpunkt, um den Leser in die wirkliche Mittelerde, die reale Welt Nordwesteuropas vor rund 1500 Jahren zu entführen. Und um Tolkiens Geschichten richtig einordnen zu können, ist es eben nicht nur wichtig, zu erfahren, dass eine seiner zentralen wissenschaftlichen Arbeiten in der Auseinandersetzung mit dem mittelalterlichen Epos Beowulf bestand. Denn Tolkien, so der Bonner Professor für Germanistik Arnulf Krause in seinem Buch, fand die Grundlagen für seine mythologische Schöpfung eben nicht nur in dem altenglischen Epos.

Die mythologische und die reale Mittelerde war eine Welt des Umbruchs

Bei seiner Reise zu den Quellen von Tolkiens Mittelerde streift Arnulf Krause durch die mittelalterliche Literatur der britischen Inseln und Skandinaviens. Selbstverständlich sind dabei auch die Edda und die literarischen Relikte inselkeltischer Kultur Gegenstand der Betrachtungen. Immer wieder interessant sind die Querverbindungen zwischen den literarischen Traditionen Skandinaviens, Britanniens und Tolkiens Gesamtepos. Letzteres tritt allerdings im Laufe des Buches immer weiter in den Hintergrund und dient vor allem als Lieferant von Motiven und Ansatzpunkten bei der Entwicklung der Vorstellungswelt der Menschen der wirklichen Mittelerde. Es ist vor allem die Welt des frühen Mittelalters, jenes Zeitalters, das auch in Wirklichkeit geprägt war von gravierenden Veränderungen, dem Untergang des Weströmischen Reiches, der Völkerwanderung, der Christianisierung und der Entstehung neuer sozialer Konzepte.

Die Mittelerde war die Welt der Menschen in einem Universum von Göttern, Ungeheuern und Magie

Mittelerde ist aber nicht nur ein klar umrissenes Zeitalter, sie ist geprägt von alten archaischen Strukturen und Vorstellungen, die bis zurück in die Bronzezeit reichen und sich gleichzeitig in der von christlicher Moral geprägten hochmittelalterlichen Dichtung wiederfinden. Und so beginnt die Reise zur wirklichen Mittelerde im Besuch der Burg Midgard, dem Zentrum der germanischen Welt der Menschen, der er zunächst sprachwissenschaftlich auf den Grund geht. Aber über diesen Weg dringt der Autor immer tiefer ein in das Universum von Menschen, Göttern und Helden, Fabelwesen und magischen Orten und Gegenständen, die sowohl in Tolkiens als auch der historischen Mythenwelt ein untrennbares Geflecht bilden.

Die Herren der Ringe hat es wirklich gegeben

Da finden natürlich der Drache Smaug, das Auge Saurons, das Abenteuer Frodos in dem unheimlichen Hügelgrab, mächtige Schwerter, Elben und Trolle, Gollum, die Reiter von Rohan, Theoden und die prächtigen Königshallen, Gandalf und selbstverständlich auch die mächtigen Ringe und ihre Herren ihre mythologische und reale Entsprechung in der mittelalterlichen Welt. Und nicht nur dort. Denn auch die Menschen vor rund 1500 Jahren hatten beispielsweise mit Hortfunden oder mächtigen Hügelgräbern die Relikte aus vergangenen Zeitaltern vor Augen, deren Bedeutung und Ursprünge verloren gegangen und damit den Erklärungsmustern von Mythen und Sagen zugänglich waren. Den umfassenden Streifzug durch die Mythologie und Literatur zur Mittelerde ergänzt Arnulf Krause durch Informationen zur Archäologie kontinentalkeltischer und angelsächsischer Hügelgräber und historische Quellen.

Tolkiens Entscheidungsschlacht: ein Ragnarök auf katholisch

Das Buch endet – wie es sich bei dem Thema gehört – mit Ragnarök, der germanisch-skandinavischen Weltuntergangsvorstellung, der den Beginn eines neuen Zeitalters einläutet. Aus der tolkienschen Entsprechung des Ragnarök – die Entscheidungsschlacht zwischen den Heeren der Valar und der Elben gegen die Streitmacht des dunklen Feindes Morgoth – gehen die „Guten“ gegen das „Böse“ allerdings siegreich hervor. Für den bekennenden Katholiken Tolkien offensichtlich der einzig mögliche Ausgang seiner Mittelerde-Mythologie, die sich vor allem hier sichtlich vom mythologischen Konzept der vorchristlichen Mittelerde unterscheidet.

Bei dem Buch „Die wirkliche Mittelerde“ sollten Leser, die sich bereits intensiver mit germanischer und keltischer Mythologie und deren Quellen befasst haben, keine Offenbarungen zu neuen Quellen, verschollenen Manuskripten oder gänzlich unbekannten Stories und Figuren erwarten. Vielen aber wird die Lektüre durchaus einen neuen und dennoch seriösen Blick auf vermeintlich Vertrautes eröffnen. Und das ist mehr als manch andere Buch zu mythologischen Themen zu leisten vermag.

Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter. Theiss 2012. Gebunden mit Schutzumschlag, 229 Seiten.

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