Rezension: Bilder erzählen Weltgeschichte

Die Geschichte hinter Gemälden eines Zeitraumes von 26.000 Jahren vermittelt Helge Hesse in seinem Buch „Bilder erzählen Weltgeschichte“. Dabei geht es ihm nicht nur um die historischen Ereignisse, sondern auch um die Hintergründe der 74 ausgewählten Kunstwerke selbst.

Ein Buch, das die Weltgeschichte anhand von aussagekräftigen Bildern darstellen will, kommt natürlich um die Malereien der Chauvet-Höhle nicht herum. Und so beginnt Hesses Reise durch die Geschichte vor rund 26.000 Jahren, als  – wie der Autor aus Kohleresten an der Wand und Fußspuren im Lehn des Bodens schließt – ein Junge mit einer Fackel durch die Chauvet-Höhle ging und die Gravuren und Zeichnungen bewunderte. Die Malereien der Chauvet-Höhle sind für den Autor unter anderem Anlass, dem Leser die Faszination steinzeitlicher Höhlenmalereien nahezubringen und über die Motive der künstlerischen Ambitionen des Homo Sapiens jener Zeit zu spekulieren.

Bilder von der Höhlenmalerei bis zur modernen Kunst

Auch bei der zweiten Station, der altägyptischen Kultur, liegt mit einem Ausschnitt aus der Wandmalerei der Grabkammer des Sennedjem – einem für die Errichtung der Gräber zuständigen Beamten – der Geschichte ein zeitgenössisches Bild zugrunde. Für den babylonischen Heiratsmarkt hingegen, für dessen Erklärung Herodot als Zeitzeuge (5. Jahrhundert v. Chr.) herangezogen wird, hat Hesse ein Bild aus dem Jahre 1875 ausgewählt. Kein schlechter Griff, denn als das Ölgemälde des britischen Historienmalers Edward Longsden Long 1875 erstmals ausgestellt wurde, war es einerseits ein Skandal im viktorianischen England, andererseits erzielte es – wie Hesse verrät – den höchsten Preis, der bis dato für das Bild eines lebenden Künstlers bezahlt wurde. Damit liefert das Gemälde aus seiner eigenen Geschichte heraus auch noch einen interessanten Kulturvergleich. Mit der künstlerischen Illustration zum Trojanischen Pferd wird es sogar noch moderner. Hier steht das impressionistische Werk von Lovis Corinth aus dem Jahre 1924 für die Geschichte des trojanischen Krieges und die archäologische Spurensuche. Und bei den Hintergründen der Katastrophe von Pompeji wird es künstlerisch schließlich sogar ganz abstrakt.

Hesse spannt den Bogen von der Historienmalerei zur politischen Kunst

Die Mehrzahl aller Bilder anhand derer dem Leser historische Ereignisse und ihre Hintergründe präsentiert werden, sind durchaus gegenständlicher Natur. Sie spiegeln aber – und das ist sicherlich auch eine der Intentionen des Autors bei der Wahl der Bilder – vor allem den Blick der frühneuzeitlichen bis neuzeitlichen Künstler und ihrer Zeit auf meist zurückliegende Epochen und Kulturen wieder. Eine gewisse politische Instrumentalisierung vergangener Ereignisse durch die Kunst gerade des patriotischen 19. Jahrhunderts wird dabei durchaus deutlich. Je mehr sich Hesse der heutigen Zeit nähert, desto enger rücken naturgemäß die Geschichten der Geschichte und der Bilder  zusammen. So beispielsweise das Bild des Militärmalers Olin Dows, der in einer Aquarellzeichnung das Treffen der Amerikaner mit den Russen in Torgau am 27. April 1945 festgehalten hatte. Oder das Ölbild von 1964, das in einer außergewöhnlichen Szene die Rassentrennung in Amerika dokumentiert.

„Bilder erzählen Weltgeschichte“ ist ein anregendes Buch

Zwischen dreieinhalb und vier Buchseiten (einschließlich jeweils ganzseitigem Bild) ist sicherlich nicht viel Raum, um die Hintergründe und Zusammenhänge eines historischen Ereignisses und zudem noch eine Bildbesprechung vor dem Leser auszubreiten. Hesse gelingt dieses Kunststück mit schwungvollem literarischem Pinselstrich. Dass er dabei nur sporadisch ein wenig in die Tiefe gehen kann – sowohl was die Welt- als auch die Kunstgeschichte betrifft – versteht sich dabei von selbst. Es sind auch überwiegend die bekannten, großen historisch prägenden Ereignisse, die Hesse im Buch „Bilder erzählen Weltgeschichte“ vorstellt. Aber gelegentlich schleicht sich dann doch der eine oder andere Aspekt oder eine historische Episode ein, die dem geschichtsinteressierten Leser nicht geläufig sind. Und immer dann, wenn der Autor ein Gemälde eher als Grundlage zur Behandlung eines Themas denn eines konkreten Ereignisses wählt – wie beispielsweise bei William Turners „Regen, Dampf, Geschwindigkeit“ von 1844 – wird Geschichte besonders lebendig.

Keine Frage, „Bilder erzählen Weltgeschichte“ ist anregend. Und wer sich mit den angerissenen Themen aber auch den Kunsthistorischen Hintergründen der jeweiligen Illustrationen intensiver befassen möchte, dem liefert Hesse im Anhang eine entsprechende Literaturauswahl.

Helge Hesse: Bilder erzählen Geschichte, dtv 2012. Gebunden 334 Seiten.

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