Beatus: Ein Drachenbändiger der christlichen Mythen

Um 1511 wurde vom Baseler Franziskaner Daniel Agricola eine Geschichte zusammengeschrieben, die vom ersten Apostel der Schweiz, den heiligen Beatus handelt. Nach der Legende wurde dieser von Petrus direkt beauftragt, die Schweiz zu bekehren. Während diese Version das Wirken des Heiligen aus Britannien ins erste nachchristliche Jahrhundert verlegt und Beatus um 112 mit 90 Jahren in seiner Höhle sterben lässt, beglückt er die Schweizer in einer anderen Fassung erst im 3. Jahrhundert als Schutzheiliger.

Historisch gesehen hatten sich im 6. Jahrhundert irische Mönche nach Europa aufgemacht, um vor allem in der Schweiz und den angrenzenden Landstrichen zu missionieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Legenden um den heiligen Beatus auf diese Christianisierungskampagne beziehen.

Nach der Legende jedenfalls hauste in den Höhlen der Karstregion am Thuner See ein fürchterlicher Drache, der, wie könnte es anders sein, das Land terrorisierte. Und so war es sicher kein Zufall, dass sich Beatus und sein Begleiter Justus gerade diese Gegend aussuchten, um ihr Missionswerk zu beginnen. Wild entschlossen ruderte Beatus mit seinem Begleiter über den See, drang ganz allein in die Höhle ein und erschreckte das feuerspeiende und augenblitzende Ungeheuer durch das Emporhalten des Kreuzes und die Anrufung der Dreifaltigkeit dermaßen, dass es ohnmächtig vom Felssims am Höhleneingang kippte und in den See stürzte. Der kochte einmal kräftig auf und um den Drachen war es geschehen.

Im Kampf der Konfessionen

Beatus und Justus richteten sich nun in der freigewordenen Behausung ein und – so sagt die Legende – wirkten als Wohltäter des Landes. Als Beatus nach der Sage schließlich im Jahre 112 starb, bestattete ihn sein Begleiter vor dem Eingang der Höhle, die seit dem 13. Jahrhundert zum Wallfahrtsort geworden war. Immerhin, so heißt es, seien Kranke, die das Grab besuchten, von ihren Leiden befreit worden. 1439 habe er nach einem Bittgottesdienst sogar die Pest gebannt und so avancierte der heilige Drachenbezwinger im 15. Jahrhundert zum angesehensten Kantonsheiligen. 1528 war es dann mit der offiziellen Wunderwirkung des irischen Missionars vorbei. Bern war zur Reformation übergetreten, der Beatuskult wurde verboten, das Drachenloch zugemauert. Und da es der im 17. Jahrhundert so rührige Drachentöterkollege St. Georg nicht geschafft hatte, hier der Gegenreformation zum Sieg zu verhelfen, wurde die Höhle erst im 18. Jahrhundert – allerdings nun vor allem als Naturwunder – wiederentdeckt. Ab da gehörte ein Besuch der St. Beatus-Höhlen, beziehungsweise der vermeintlichen Grabstätte zum Reiseprogramm berühmter Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Richard Wagner oder Lord Byron.

Die Drachenhöhle als Pilgerherberge

Seit 1904 ist das ca. 400.000 Jahre alte und immer noch wachsende Höhlensystem, das seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich erforscht wird, öffentlich zugänglich. Und während die Einen im Höhlenmuseum oder bei Führungen über die Entstehung von Stalagmiten und Stalaktiten und das Werden und Vergehen von Karsthöhlen informiert werden, können die anderen bei ihrer Wanderung auf einem Teil des historischen Jakobsweges noch die Ruinen der einstigen Pilgerherberge nahe dem Höhleneingang bewundern.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter

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