Ozeaniens Mumien – von Schrumpfköpfen und Leichentrocknung

AhneguiMumien erwartet man vor allem im alten Ägypten. Tatsächlich ist die Konservierung oder Teilkonservierung Verstorbener aber weltweit verbreitet. Neben den ägyptischen Mumien dürften wohl die ozeanischen Schrumpfköpfe am Bekanntesten sein.

Immerhin werden diese nicht nur gerne in den Völkerkundemuseen dieser Welt ausgestellt, sondern haben oft auch eine enge Beziehung zum Kannibalismus. Noch bis ins 19. Jahrhundert  aßen beispielsweise die Maori auf Neuseeland Teile ihrer ermordeten Gegner, um deren Kraft aufzunehmen. Und auch das Köpfe sammeln und zur Schau stellen war fester Beststandteil der Maori-Kultur. Vor allem die Ahnenverehrung führte in Ozeanien von Neuseeland, Mikro- und Melanesien bis nach Polynesien zu den verschiedensten Formen der Konservierung Verstorbener.

Mumifizierte Schrumpfköpfe und Kopfjagd für die Europäer

Dabei waren es nicht nur die Köpfe der Feinde, die die Maori stolz präsentierten. Auch die prächtig tätowierten Köpfe ihrer Häuptlinge wurden nach ihren Ableben sorgfältig präpariert und ausgestellt. Mit fäulnishemmenden Kräutern, die das Austrocknen förderten, wurde der Schädel ausgestopft und vermutlich auch über Öfen getrocknet, so dass ein klassischer neuseeländischer Schrumpfkopf entstand. Die konservierten Maoriköpfe spielten eine wichtige kulturelle Rolle in der voreuropäischen Kultur Neuseelands. Da ging es um Kommunikation mit den Ahnen, um identitätsstiftende kultische Verrichtungen und nicht zuletzt um Propaganda gegenüber anderen Clans. Die Sammelwut der europäischen Entdecker führte schließlich aber zu einer Massenproduktion von Schrumpfköpfen. Die Europäer zahlten gute Preise und die Maori lieferten. Zunächst die traditionellen Köpfe ihrer eigenen Häuptlinge, dann die nachträglich mit Tätowierungen veredelten Köpfe verstorbener Sklaven, also Fälschungen und schließlich ging man sogar gezielt auf Kopfjagd, um den steigenden Bedarf der zahlungskräftigen Händler und Museen zu befriedigen.

Mumifizieren durch Räuchern, Kräuter und Feuertrocknung

Aus Mikronesien und Melanesien sind zwar ebenfalls Kopftrophäen bekannt, über Körpermumifizierungen ist jedoch kaum etwas überliefert. Dennoch darf man in diesem gewaltigen und kulturell außerordentlich vielfältigen Gebiet mit Sicherheit von Körpermumifizierungen ausgehen, zumal eine auf den Torres-Strait-Inseln aufgefundene männliche Mumie interessante Einblicke in die melanesiche Mumifizierungstechnik eröffnet. Zwar gehören diese Inseln heute zu Australien, die Ureinwohner stammen jedoch von den Melanesiern ab. Auch der auf eine Art Sprossenwand aufgehängte Mann war getrocknet worden. Planzliches und erdiges Material in der Bauchhöhle sowie Punktierungen und Einschnitte in Haut und Gelenke, um die Zersetzungsflüssigkeiten abfließen zu lassen, weisen darauf hin.

Räuchern, Trocknen über Feuer, Ausstopfen mit Moosen und Kräutern gehörte auch zu den Konservierungstechniken auf Papua-Neuguinea. Und natürlich ist auch hier der Schädelkult bekannt, allerdings in anderer Form als bei den neuseeländischen Maori.

Mumifizierungstechniken wie in Ägypten

Der gewaltige polynesische Raum kennt ebenfalls die rituelle Mumifizierung, auch wenn es hierzu nur wenige Berichte gibt. Lufttrockung und Einbalsamierung ist hier überliefert, wobei im Einzelfall sogar aus Ägypten bekannte Techniken, wie beispielsweise die Entfernung des Gehirns durch die Nase, zum Einsatz gekommen waren. Und wenn man den Gesamtraum betrachtet, darf natürlich auch der australische Kontinent nicht unberücksichtigt bleiben. Dort hatte der deutsche Wissenschaftler Hermann Klaatsch sorgfältig mumifizierte verstorbene Familien- beziehungsweise Gruppenmitglieder der Aborigines sogar schriftlich und fotografisch dokumentiert. Klaatsch war es sogar gelungen, während seines Forschungsaufenthaltes 1904 bis 1907 in Australien eine der markanten Mumien von den Aborigines käuflich zu erwerben.

Mumien nicht für die Ewigkeit gedacht

Mumifizierung war in Australien und Ozeanien nicht als dauerhafte Konservierung gedacht. Der konservierte Leichnam diente vielmehr ganz verschiedenen kultischen und rituellen Zwecken, je nach den jeweiligen Jenseitsvorstellungen der einzelnen Kulturen. Insofern war auch der Umgang mit den Mumien recht unterschiedlich. Während die Einen an speziellen Orten in der Natur aufbewahrt wurden, nahmen die Körper der Verstorbenen bei anderen Kulturgruppen beispielsweise weiterhin am täglichen Leben ihrer Familie teil. Allen Mumien war jedoch gemeinsam, dass sie nach einem gewissen Zeitraum, oft handelte es sich dabei um Jahre, unter großer Anteilnahme schließlich endgültig bestattet wurden.

Literaturhinweis: Alfred Wieczorek, Michael Tellenbach, Wilfried Rosendahl: Mumien der Traum vom ewigen Leben. Philipp von Zabern 2007.

 

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