Die HMS Warrior und die industrielle Revolution

Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte man in Europa und Amerika begonnen, mit Dampfmaschinen als Schiffsantrieb zu experimentieren. Und schon Anfang des 19. Jahrhunderts befuhren vor allem in Amerika Dampfboote und –schiffe die Küsten, Flüsse und Seen. Für die Anwendung auf dem offenen Meer oder gar für überseeische Schiffsverbindungen war die Dampfmaschinentechnologie aber noch nicht geeignet.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war man inzwischen dazu übergegangen, auf einigen hölzernen Linienschiffen Dampfmaschinen mit Schraubenantrieb als Hilfsmotor einzubauen. Und wenige kleinere Schiffe verfügten auch in Europa bereits über einen Ganzmetallrumpf und Dampfantrieb.

Für die Engländer war es jedoch ein Schock, als die Franzosen 1858 die dampfbetriebene, hochseetüchtige Fregatte, die La Gloire, auflegten, deren hölzerner Rumpf mit Eisenplatten gepanzert war. Damit drohte die aus meist ungepanzerten hölzernen Segelkriegsschiffen bestehende Royal Navy innerhalb kürzester Zeit ihre Vormachtstellung auf den Weltmeeren zu verlieren.

Brunel und Russel

Die Antwort der Briten in Form der 1860 vom Stapel gelaufenen HMS Warrior war revolutionär, was nicht zuletzt dem mit Konstruktion und Bau beauftragten John Scott Russel zu verdanken war.
Scott Russel, ein vielseitiger Wissenschaftler und Schiffbauer hatte, zusammen mit dem Ingenieur Isambard Kingdom Brunel an der Konstruktion der gewaltigen, 1857 fertiggestellten Great Eastern gearbeitet. Das 211 Meter lange Schiff mit sieben Masten, fünf Schornsteinen, einer Doppelhülle, Schrauben- und Schaufelradantrieb war das erste ganz aus Eisen gebaute Passagierschiff und seiner Zeit technologisch um rund ein halbes Jahrhundert voraus. Der Warrior kamen die hierbei gewonnenen Erfahrungen natürlich zugute.

Panzerschiff Warrior

Die Warrior war nicht nur das erste ozeantaugliche ganz aus Eisen gebaute Kriegsschiff, sie war auch mit den modernsten Geschützen ausgestattet. Neben 26 konventionellen Achtundsechzigpfündern (die Pfundzahl beschreibt das Gewicht der Granaten) trug sie zehn Einhundertzehnpfünder mit gezogenem Lauf und als Hinterlader konstruiert. Die Geschütze konnten Sprenggranaten verschießen, denen kein hölzernes Schiff standhalten konnte. Und ebenfalls völlig neuartig war der sogenannte Zitadellenpanzer von rund 12 Zentimetern Stärke, der zusätzlich zum gepanzerten Rumpf die Kanonen noch einmal extra schützte.

92 Wasserdichte Abteilungen und ein Doppelboden unter Maschinenanlage und Munitionskammer erhöhten zudem die Sicherheit des Schiffes und stellten ebenfalls eine technologische Innovation dar.

Museumsschiff

Die Warrior war größer als die La Gloire und mit 14,5 Knoten auch schneller, sie hatte bei ihrer Indienststellung faktisch keine Gegner, die ihr gewachsen waren.

Trotzdem währte ihre Dienstzeit nur recht kurz, denn nach bereits 10 Jahren war sie durch die technische Revolution jener Zeit, nicht nur im Schiffsbau, veraltet. Sie wurde 1875 zur Reserve verlegt und 1883 endgültig stillgelegt. Von da an diente sie als Lagerschiff und Depot und später als Kraftwerk für die Torpedoausbildungsschule in Vernon, dann als Öltank.

1979 begann ihre Restaurierung zum Museumsschiff und seit 1984 ist sie im Portsmouth Historic Dockyard zu besichtigen.

Batterieschiff

Das Konzept der Warrior war zweifellos wegweisend aber noch nicht ausgereift. Denn die Dampfmaschinen jener Zeit hatten noch einen geringen Wirkungsgrad, was die Reichweite des Schiffes deutlich einschränkte und dazu führte, dass die ersten Panzerschiffe noch mit einer Besegelung ausgestattet waren. Dies wiederum erlaubte nur die Aufstellung der Geschütze in einer Batterie, sodass ein Feuern nach vorn oder hinten kaum möglich war. Nach wie vor musste also in Linie gekämpft werden, um Breitseiten auf den Gegner abfeuern zu können.

USS Olympia

Erst mit einer Steigerung der Leistungsfähigkeit der Dampfmaschinen und dem Wegfall der Takelage, wurden schließlich über verschiedene Zwischenschritte Drehtürme an Deck installiert, mit denen in alle Richtungen gefeuert werden konnte. Auch hier gab es unter dem Druck des technologischen Wettlaufs der Seefahrtsnationen natürlich Fehlentwicklungen. So konnte beispielsweise die amerikanische USS Olympia zwar nach vorn und hinten feuern, bei einer Breitseite aller Geschütze allerdings drohte sie zu kentern, weil der Schwerpunkt durch die Geschütztürme gefährlich hoch lag.

Industrielle Revolution

Technische Neuerungen bei der Stahlherstellung, neue, festere Legierungen die gewaltige Entwicklung von Industrie, Transport- und Verkehrswesen ließen neue Konzepte und Erfindungen schnell wieder veralten.

So ist es kein Wunder, dass zwischen der Warrior und den ausgereiften Großkampfschiffen des ersten Weltkrieges gerade einmal fünfzig Jahre verstrichen waren.

Welche Ingenieurleistungen hinter den Anfängen dieser Entwicklung stecken, lässt sich vielleicht erfassen, wenn man bedenkt, dass beispielsweise die Größe von Brunells und Russels innovativer Great Eastern erst rund  fünfzig Jahre später wieder von Schiffen erreicht worden war.

 

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, industrielle Revolution, Schifffahrtsgeschichte

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