Rezension: Wittstock 1636 – ihre letzte Schlacht

Der Zufall brachte es an den Tag: Bei Wittstock in Brandenburg wurde 2007 ein Massengrab von Söldnern gefunden, die am 4. Oktober 1636 in der Schlacht zwischen der schwedischen und der sächsisch-kaiserlichen Armee ums Leben gekommen waren. Dieser Fund eröffnete Forschern aus zahlreichen Disziplinen neuartige Einblicke in das Leben und Sterben der einfachen Krieger im 17. Jahrhundert. Der Begleitband zur Ausstellung „1636“ stellt die Ergebnisse vor.

Als am 4. Oktober 1636 das etwa 20.000 Mann starke schwedische Heer unter Johann Banér bei Wittstock auf die rund 22.000 Söldner der sächsisch-kaiserlichen Armee – kommandiert vom sächsischen Kurfürsten Johann Georg und dem kaiserlichen General Melchior von Hatzfeld – trafen, endete die Auseinandersetzung mit einem Sieg der Schweden. Das Treffen in Brandenburg gehörte zu den blutigsten des Dreißigjährigen Krieges. Insgesamt soll es, so die Schätzungen, etwa 9000 Todesopfer gegeben haben, davon rund 1000 auf schwedischer Seite. Die nordische Macht war damit zurück im Kampf um die Vorherrschaft im Deutschen Reich. Der große Krieg konnte noch zwölf Jahre weitergehen.

Das zufällig entdeckte Massengrab südlich von Wittstock mit 88 komplett erhaltenen Skeletten und zahlreiche weitere Knochenfunde wurden von Experten eindeutig als aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges klassifiziert. Eine umfangreiche und fachübergreifende Untersuchung des Grabes, brachte eine Fülle neuer Erkenntnisse über Herkunft, Ernährung, Krankheiten und Verletzungen sowie über die Todesursache der dort bestatteten Söldner.

„Individuum 71“ macht Leben und Leiden der Söldner sichtbar

Eindrucksvoll wird das Leben und Leiden der Soldaten des 17. Jahrhunderts am von den Forschern so bezeichneten „Individuum 71“ rekonstruiert. An dem 21 bis 24 Jahre alten Schotten – dem im wahrsten Sinne des Wortes wieder ein Gesicht gegeben wurde – können deutlich Mangelernährung und schwere Krankheiten in der Kindheit nachgewiesen werden. Symptome, die typisch für die einfache Bevölkerung im damaligen Europa waren. Der bei Wittstock durch mehrere schwere Verwundungen – so einem Treffer aus einer Reiterpistole, ein den Schädel stark verletzender Hieb mit einer Hellebarde und ein Dolchstich in die Kehle – getötete Schotte, zeigte schon in jungen Jahren schwere Degenerationserscheinungen an Hüft- und Schultergelenken. Wie auch bei anderen Opfern der Schlacht, zeigt sich bei „Individuum 71“ exemplarisch die leidvolle Lebensgeschichte eines Mannes, der sein Heil in den Söldnerheeren des Dreißigjährigen Krieges suchte – und den Tod fand.

Über das Leben der Söldner in den damaligen Armeen gibt der Begleitband „1636“ gute Einblicke: Von der Anwerbung über den „Berufsalltag“, die Bewaffnung, die Gefechtstaktik sowie das Lagerleben mit seinen hygienischen Herausforderungen. Die völlig unzureichende medizinische Versorgung wird ebenfalls thematisiert: So waren offene Wunden oder Schussverletzungen, wenn sie nicht eher zufällig sofort und fachgerecht behandelt wurden, meist ein sicheres Todesurteil.

Schotten hatten einen wesentlichen Anteil am schwedischen Sieg

Ein eigenes Kapitell widmet der Berichtsband den schottischen Soldaten, die bei Wittstock als sogenannte „Weser-Armee“ unter Alexander Leslie auf schwedischer Seite kämpften. Deren wesentlicher Beitrag am Sieg über die Sächsisch-Kaiserlichen wurde von Banér heruntergespielt und in den offiziellen schwedischen Protokollen ignoriert. Das „Individuum 71“gehörte wahrscheinlich zu einer der Brigaden, die in der für die schwedische Seite brenzligen Situation das Blatt wenden half und dabei fast völlig aufgerieben wurde.

Der Ort der Schlacht konnte deutlich genauer bestimmt werden

Auch über den genauen Ort der Schlacht bietet der Band einen aufschlussreichen Abschnitt. Hier zeigt sich, dass die Forschungsergebnisse der letzten 100 Jahre kein eindeutig zuordenbares Areal ergaben. Aufwendige Untersuchungen, so die Abtastung des Geländes mit Laser-Scannern, archäologische Begehungen und genaue Kartierung der Fundstücke (insbesondere Pistolen-, Gewehr- oder Geschützkugeln), führten zu einer deutlich präziseren Eingrenzung der Aufmarsch- und Kampfzonen südlich von Wittstock.

Insgesamt bietet der von Sabine Eickhoff und Franz Schopper herausgegebene Band einen hervorragenden, von einem spezifischen Ereignis ausgehenden Einblick in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Gerade die Fokussierung auf die Nicht-Prominenten dieser Periode macht den Reiz aus. Allerdings sind die Qualitätsunterschiede der einzelnen Beiträge zu groß. Eine strengere redaktionelle Bearbeitung hätte dem Buch gut getan und dem Leser einen Dienst erwiesen.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten werden bis September 2012 im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg, von Oktober 2012 bis März 2013 in der Archäologischen Staatssammlung München und von April bis August 2013 im Militärhistorischen Museum in Dresden ausgestellt.

Sabine Eickhoff/ Franz Schopper (Hrsg.): 1636. Ihre letzte Schlacht. Leben im Dreißigjährigen Krieg. Theiss Verlag. 2012. 207 Seiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Archäologie, Dreißigjähriger Krieg, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.