Rezension: „Mittel der Macht“ über die verborgenen Botschaften keltischer Textilien

Unter dem Titel „Mittel der Macht“ präsentiert Dr. Johanna Bank-Burgess die faszinierende Welt der Textilarchäologie. Der Schwerpunkt des Buches liegt bei den Textilien der Kelten, deren nähere Kenntnis den einzigartigen Textilfunden aus dem frühkeltischen Grab von Eberdingen-Hochdorf und der noch weitgehend unbekannten Disziplin der Textilarchäologie zu verdanken ist.

Wem solche Begriffe wie Spinnrichtungsmuster, Leinwandbindung, fliegender Faden oder Brettchenweberei eher fremd sind, sollte vor Lektüre des Buches das Glossar durchlesen. Und wenn die Phantasie dann immer noch nicht ausreicht um sich die verschlungenen Wege von Zwirn, Faden und Garn vorzustellen, die am Ende das Erscheinungsbild eines Gewebes bestimmen, dann befindet sich der Leser auf dem besten Weg die Bedeutung von Textilien als Mittel der Macht in der keltischen Welt zu erfassen.

Die Grabkammer von Hochdorf ist eine textile Schatztruhe

Es sind die bislang einzigartigen Textilfunde aus dem frühkeltischen Grab von Eberdingen-Hochdorf, die der noch jungen Textilarchäologie geradezu einen Erkenntnisschub verpasst haben. Und das Erscheinen des zweisprachigen (deutsch, englisch) Buches „Mittel der Macht. Textilien bei den Kelten“ im Rahmen der großen Keltenausstellung 2012 in Stuttgart (Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst) zeigt, dass diese archäologische Disziplin beginnt, sich aus ihrer exotischen Ecke zu befreien.

Noch immer – so betont die Autorin – lässt sich aus den teils mikroskopisch kleinen Fetzen keine „keltische Bekleidung“ rekonstruieren. Das, was dem Besucher im Museum, in der Literatur oder im Bereich der Vergangenheitsdarsteller (Reenactment) als keltische Trachten begegnet, entbehrt weitestgehend wissenschaftlicher Grundlagen. Verglichen mit den Geheimnissen, die die Textilarchäologie den Stoffen des Hochdorf-Grabes entrissen hat, mutet die Frage nach dem Aussehen keltischer Kleidung jedoch schon beinahe langweilig an.

Die geheimnisvolle Sprache keltischer Textilien

Komplexe, einander überlagernde Muster, die sich dem Bertachter erst aus der Nähe offenbaren, rechts- und linksgedrehte Fäden, die für changierende Farben sorgen, unterschiedliche Webtechniken und anderes mehr machten aus den Stoffen, mit denen das gesamte Grab von Hochdorf ausgeschlagen und in die sämtliche Gegenstände des Grabinnern eingehüllt waren, zu Datenträgern deren Informationen derzeit nur zum Teil entschlüsselt sind. Aufwändigste Produktionstechniken, die zum Teil allerdings keinen Einfluss auf das äußere Erscheinungsbild der Textilien haben, machen aus vermeintlich einfachen Stoffen Tuche, deren Wert sich nur dem Fachmann erschließt. Mit dem fliegenden Faden während des Webvorgangs eingearbeitete von außen unsichtbare Muster scheinen geheime Botschaften zu beinhalten.  Das ganze Grab – so Johanna Banck-Burgess – ist eine Leistungsschau keltischer Textilkunst, das „Musterlager“ eines keltischen Zentrums der Textilindustrie.

Stoffe, bei den Kelten wertvoller als Gold?

Dass die Grundlage aus der die Gesellschaft im mittleren Neckarraum zu Zeiten des „Hochdorffürsten“ ihre wirtschaftliche Macht entwickelte, das Textilhandwerk war, ergibt sich aus archäobotanischen und archäobiologischen Untersuchungen des Umfeldes. So sind hier nicht nur eine für die arbeitsintensive Textilproduktion notwendige hohe Bevölkerungsdichte, sondern auch der Anbau von Lein, die Haltung von Kleinviehherden aus Schafen und Ziegen sowie eine hohe Zahl von als Webgruben identifizierten Kuhlen nachgewiesen. Warum die Grabkammer des Keltenfürsten und das Interieur samt Leichnam unter Tüchern versteckt wurde, darüber kann bestenfalls spekuliert werden. Die Frage, ob es sich bei den Textilien um Alltagsstoffe oder speziell für die Bestattung angefertigte Ware handelt, muss – wie vieles andere – ebenfalls offen bleiben.

Der Mythos von keltischen Seidenimporten

Dass allerdings aufwändig gearbeitete, wertvolle Textilien auch im täglichen Leben keltischer Kulturen ihren Platz hatten, zeigen Funde aus dem östlichen Hallstattkreis, die sich in Salzbergwerken erhalten haben. Auch diese Textilien finden in dem Buch ihren Niederschlag. Mit voreiligen Schlussfolgerungen hält sich die Textilarchäologin wohlweislich zurück. Vielleicht auch deshalb, weil die junge archäologische Querschnittsdisziplin bereits so manchen Irrtum aufgedeckt hat. So  hatte sich beispielsweise in den 70er und 80er Jahren die feste Überzeugung in der Archäologie entwickelt, dass sich in keltischen Fürstensitzen Reste von Seidenstoffen aus Südimporten gefunden hätten. Aminosäureanalysen haben inzwischen ergeben, dass es sich bei der vermeintlichen Seide um feinste Wolltuche aus heimischer Produktion handelt. Dennoch ist der archäologische Mythos von mediterranen Seidenimporten ist noch immer weit verbreitet, obwohl es – wie Bank-Burges betont – nach dem heutigen Forschungsstand keine nachweisbaren Seidenfunde in der europäischen Vorgeschichte gibt, weder in der Bronze- noch in der Eisenzeit.

Die Textilarchäologie eröffnet neue Perspektiven auf die „Kleider der Macht“

Ohne die Entwicklungen in der Archäologie und ihren technischen Bergungs- und Analysemethoden hätte auch die Textilarchäologie nicht die gewaltigen Fortschritte machen können, die zu den im Buch dargestellten faszinierenden Erkenntnissen führen. Immerhin lassen sich heute Textilien auf Material, Farben, Webtechnik, Muster und vieles andere mehr untersuchen, die noch vor wenigen Jahren gar nicht als Artefakte, sondern eher als störende, modrige Erdschichten identifiziert und beseitigt worden wären. Selbst kleinste Stoffreste, beispielsweise eingelagert im Rost eines eisernen Wandhakens sind heute gewissen Analysen zugänglich.

Dass die Archäologie der Textilien ihre Existenzberechtigung und ihre Aufmerksamkeit nicht nur aus dem spektakulären Fund von Hochdorf ableiten muss, zeigt sich auch an ihrer Rolle bei Ausstellung „Des Kaisers letzte Kleider“ 2011 in Speyer, die die ersten Ergebnisse eines 2009 begonnenen großen Forschungs- und Konservierungsprojektes präsentierte. Als man die Kaiser- und Königsgräber im Dom zu Speyer im August 1900 öffnete, wurden nicht nur die Körper der Verstorbenen, sondern auch ihre prächtigen Gewänder geborgen, die im Rahmen des Projektes mit modernsten Methoden konserviert, restauriert und analysiert werden sollen.

Ein spezielles Thema für eine breitere Leserschaf

Das Salier-Projekt zeigt, dass mit der Textilarchäologie in den nächsten Jahren immer stärker zu rechnen sein wird. Vor diesem Hintergrund ist „Mittel der Macht“ ein sehr schöner, gut zu lesender und anschaulich illustrierter, wenn auch durchaus anspruchsvoller Einstieg in das textilarchäologische Feld. Für Archäologie- und Keltenfans ein echter Gewinn.

Johanna Banck-Burgess: Mittel der Macht. Textilien bei den Kelten. Theiss 2012. Gebunden, 176 Seiten, deutsch-englisch. ISBN 978-3-8062-2709-3

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