„Des Kaisers letzte Kleider“ – die Haute Couture des Mittelalters

Grabung im Speyerer Dom im August 1900. Historisches Museum der Pfalz Speyer

Grabung im Speyerer Dom im August 1900. Historisches Museum der Pfalz Speyer

Als im August 1900 die Kaiser- und Königsgräber im Dom zu Speyer von einer Kommission des Bayerischen Staates geöffnet wurden, war das ein Spektakel von größtem öffentlichen Interesse. Schließlich fanden sich hier die Überreste der mächtigsten mittelalterlichen Herrscher, angefangen von den legendären Salierkaisern, über die Staufer bis zu den Hohenzollern. Kein Wunder, dass die Grabung nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen ausgiebig fotografisch dokumentiert wurde.

Den Forschern enthüllten sich mit der Öffnung der Grablegen neben den sterblichen Überresten der mächtigen Persönlichkeiten, in Form von Kleidungsresten und Grabbeigaben auch gewaltige historische Schätze. Gut 900 Jahre alte Herrschergewänder aus feinen Stoffen und prächtig bestickter Seide, Schuhe aus Textil und Leder und nicht zuletzt natürlich auch Insignien des Königs- und Kaisertums. Dass 900 Jahre alte Textilien selbst bei optisch guter Erhaltung auch bei geringer Belastung zu zerfallen drohen, versteht sich von selbst. Und so ist es kein Wunder, dass die sorgfältig eingesammelten und nach dem Kenntnisstand von 1900 aufbewahrten textilen Fragmente der mittelalterlichen Herrscher- Haute Couture 2009 mit Beginn des Speyerer „Programm zur Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut“ (KUR) zu 90% in einem erbärmlichen Zustand vorgefunden wurden.

Rettung der organischen Funde aus den Speyerer Kaiser- und Königsgräbern

Das KUR – Programm zur Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut ist eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes und der Kulturstiftung der Länder zur Förderung beispielhafter Konservierungs- und Restaurierungsprojekte in Museen, Archiven und Bibliotheken. Dabei sollen wissenschaftliche Grundlagen und innovative Lösungen für die Konservierung und Restaurierung gelegt werden.

Mit dem Projekt “Des Kaisers letzte Kleider, Rettung der organischen Funde aus den Kaiser- und Königsgräbern im Dom zu Speyer“ erfüllten die Leute vom Historischen Museum der Pfalz noch ein weiteres Förderkriterium – die Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Instituten. So arbeitete das Museum als Projektträger eng mit dem Deutschen Textilmuseum Krefeld und dem Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften der Fachhochschule Köln zusammen.

Historische Dokumentation der Öffnung der Speyerer Grablegen

Der einmalige Bestand an Grabtextilien ist die eine, die Grabungsdokumentation von 1900 eine andere und die Aufbewahrungsmedien, die mit ihrem Inhalt seit 1900 teilweise nahezu unberührt in den Archiven des Museums schlummern eine dritte restauratorische Herausforderung. Zwar ist die Konservierung und Restaurierung der Grabtextilien das wichtigste Anliegen des Projekts, ohne die wissenschaftliche Aufarbeitung und Digitalisierung beispielsweise der Fotonegativplatten aus dem Jahr 1900 würde allerdings eine wichtige Grundlage allein für die richtige Zuordnung der unzähligen Textilfragmente fehlen. Die Restauration nur noch in Teilen vorhandener fragiler Textilien setzt natürlich eine Vorstellung vom späteren Ganzen voraus. In diesem Zusammenhang kommt heute der virtuellen Rekonstruktion im High-Tech-Labor eine nicht zu unterschätzende Rolle zu. Vieles, so natürlich auch die digitale Überarbeitung und optische Verbesserung der historischen Glasnegative, spielt sich auch in der Archäologie inzwischen am Computer ab. Trotzdem sind die beinahe schon klassischen Technologien wie beispielsweise das Raster-Elektronen-Mikroskop zur zerstörungsfreien Bestimmung von Strukturen oder Farben aus den Restaurationslabors nicht wegzudenken.

Schätze aus der Gruft

Besonders ergiebig bei der Bergung herrschaftlicher Textilien war übrigens das Grab des Stauferkönigs Philipp von Schwaben. Hier fand sich ein 1960 restaurierter Mantel, dessen Fragmente auf einer Rekonstruktion aus ockerfarbenem Baumwollgewebe montiert und bis 2010 auf einer Figurine präsentiert und anschließend textiltechnologisch neu untersucht wurde. Oder der geheimnisvolle Gürtel mit seidenem, aufwendig gemustertem und mit Schnüren versehenem Brettchengewebe dessen ursprüngliche Trageweise und Funktion (noch?) nicht ermittelt werden konnte. Und dann sind da noch die Schuhfragmente der kurz vor seiner Kaiserkrönung 1208 von Otto VIII. von Wittelsbach ermordet und nach „Zwischenstation“ im Bamberger Dom 1213 in den Dom zu Speyer umgebettet wurde.

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die „Beinlinge“ Heinrich II. und – für ganz spezielle Zielgruppen – die Schuhfragmente Heinrich IV. und Kaiser Konrads II. Gemahlin Gisela. Für Fachleute und interessierte Laien hat das Historische Museum der Pfalz 2010 einen gleichnamigen Begleitband zur Ausstellung „Des Kaisers letzte Kleider“ im Verlag Edition Minerva herausgegeben, der neben den ersten Ergebnissen des Kur-Projektes die schriftliche und fotografische Dokumentation der Graböffnung von 1900, die Restaurierungsgeschichte der Grabtextilien und einen Einblick in moderne Dokumentations- und Untersuchungstechniken beinhaltet.

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Archäologie

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