Erich Ludendorff – Diktator im Ersten Weltkrieg

Der Abgang des Ersten Generalquartiermeisters der deutschen Armee am 26. Oktober 1918 war abrupt und er hinterließ einen gewaltigen Scherbenhaufen. Ludendorff, der eigentliche Chef des Generalstabs und „Diktator“, der immer die „Siegfähigkeit“ Deutschlands betont hatte, ging fünf nach Zwölf. Zu einem Zeitpunk, als der ersten parlamentarisch gestützten Regierung nur noch die bedingungslose Kapitulation blieb. Die führenden Militärs entzogen sich so ihrer Verantwortung für den Ersten Weltkrieg und dessen Verlauf – die „Dolchstoß“-Legende war geboren.

Erich Ludendorff, der von 1916 an die militärischen und auch politischen Entscheidungen im deutschen Reich traf, wurde am 9. April 1865 in Posen, im Osten Preußens, geboren. Dort wuchs der Sohn eines Gutsbesitzers auf. Ab 1877 absolvierte er die Kadettenanstalten erfolgreich und diente von 1882 an als Leutnant in Wesel am Niederrhein. Ludendorffs militärische Karriere nahm, trotz seines Rufes als „schwieriger Untergebener“, einen rasanten Verlauf: unter anderem Generalstabsausbildung, ab 1884 Mitglied des Großen Generalstabs, „Gehilfe“ des Generalstabschefs, Regimentskommandeur, 1914, am Beginn des Ersten Weltkrieges Generalmajor.

Gleich zu Beginn des Krieges, beim deutschen Überfall auf das neutrale Belgien,  profilierte sich Ludendorff als „Held von Lüttich“. Dann die Berufung zum Chef des Stabes der 8. Armee unter Paul von Hindenburg, die Ostpreußen verteidigen sollte. In der Schlacht von Tannenberg im August 1914 zeigte sich Ludendorff als Planer und Lenker des grandiosen Sieges über die russische Armee. Hindenburg erlangte Heldenstatus. Ein militärisches Tandem war geboren, das fast bis zum Ende des Krieges hielt.

Ludendorff ist im ständigen Konflikt mit der Heeresleitung

In den nächsten Jahren standen Ludendorff und Hindenburg (Ober-Ost) in nahezu ständigem Konflikt mit dem Chef der Obersten Heeresleitung (OHL), Erich von Falkenhayn. Der Autor Manfred Nebelin schildert akribisch, wie sich diese fundamentalen Differenzen über die richtige Kriegsführung – ob erst das zaristische Russland oder Frankreich und England besiegt werden sollte – zu einer schweren inneren Krise des Kaiserreichs auswuchs. Am Ende gelang es dem Tandem am 29. August 1916, unterstützt durch Intrigen und Rücktrittsdrohungen, von Wilhelm II. als Dritte Oberste Heeresleitung eingesetzt zu werden.

Ludendorff drückte von da an bis zu seinem Abgang der Kriegsführung und der Politik seinen Stempel auf. Nominell die Nummer zwei der OHL schwang sich der Erste Generalquartiermeister zum Diktator auf, was der Reichskanzler und auch der deutsche Kaiser bald zu spüren bekamen. Nach Nebelin kritisierte Ludendorff die bisherige Strategie: „Sie schont das Volk, nicht aber die Truppe an der Front.“ Seine Konsequenz: die totale Mobilmachung. Dank zahlreicher militärischer Weichenstellungen gelang es zur Jahreswende 1916/17 den Kriegsverlauf an der Ost- wie an der Westfront „günstig“ zu gestalten.

Erpresserische Rücktrittsdrohungen sichern seine Macht

Seine diktatorische Macht sicherte Ludendorff durch mehr oder weniger offene erpresserische Rücktrittsdrohungen ab. So bei der erneuten Eröffnung des unbeschränkten U-Bootkrieges (der England nicht in die Knie zwang, aber die USA in den Krieg hineinzog) oder beim folgenden Sturz des Reichskanzlers Bethmann Hollwegs. Alle hielten das Duo Ludendorff/Hindenburg für unersetzlich.

Die russische Oktoberrevolution führte 1917 zum Waffenstillstand an der Ostfront. Aber die territoriale Maßlosigkeit der OHL – sie fand ihren Niederschlag im Diktatfrieden (Nebelin nennt ihn „Ludendorff-Frieden) von Brest-Litowsk –  band Kräfte, die an der Westfront gebraucht worden wären. Hier zeichnete sich –  von Ludendorff nicht einkalkuliert – mit dem Eintreffen frischer us-amerikanischer Truppen 1918 eine Wende ab. Mit der sogenannten Michael-Offensive sollte nach dem Willen der deutschen militärischen Führung die Entscheidung fallen. Nach Anfangserfolgen war am 30. März klar: die Operation war gescheitert. Der Anfang vom Ende zeichnete sich ab – allerdings von Ludendorff strikt geleugnet.

Ein Paradebeispiel für die militärische Kaste

„Allen Versuchen Ludendorffs zum Trotz“, schreibt Manfred Nebelin, „die Verantwortung für die militärische Katastrophe abzuwälzen („Der Geist der Truppe hatte versagt“) ist zu konstatieren das sein Nimbus als unbesiegbarer Feldherr… dahin war…“ Noch am 14. August sah die OHL die deutsche Lage nicht “hoffnungslos“, um dann im Oktober 1918 endlich einzugestehen, das nichts mehr gewonnen werden könne. Was folgte war die Absetzung des Ersten Genralquartiermeisters und die dringend notwendige Kapitulation der deutschen Armee.

Nebelin ist mit seiner Biografie ein Buch gelungen, das mittels der Person Ludendorff ein präzises, nachdenkenswertes Bild des deutschen Kaiserreichs und seiner militärischen Kaste zu zeichnet. Trotz seines Umfanges und der vielen Details bleibt das Werk immer gut lesbar. Der Autor zeigt auch das mehr als unrühmliche Verhalten des einstiegen Oberstrategen, der sich, wie so viele, in der Weimarer Republik „national“ engagierte („Hitler-Putsch“ 1923). Er schildert einen Ludendorff, der sich keines Versagens bewusst war, die Schuld für die Niederlage immer bei anderen suchte („Dolchstoß“); einen Typus, der – leider – zum deutschen Geschichtsbild gehört.

Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag. 2010. 750 Seiten.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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