712: Mythen für die Macht, die erste erhaltene schriftliche Chronik Japans, das Kojiki

Das Kojiki, übersetzt etwa „Nachrichten von alten Ereignissen“, wurde vom Schriftgelehrten am japanischen Hof O no Yasumaro nach dem Diktat des kaiserlichen Vertrauten Hiyeda no Are verfasst und dem Hofe im Jahre 712 vorgelegt. Es handelte sich um eine Auftragsarbeit des Kaisers Temmu (*631; + 686), die einerseits die Legitimation durch göttlichen Ursprung des Kaiserhauses gegenüber Volk und vor allem Adel begründen, andererseits die Position der japanischen Kaiser und ihres jungen Reichs gegenüber dem chinesischen Kaisertum zu stärken.

Historisch gesehen hatte sich das japanische Kaisertum unter der Führung der Yamato-Clans unter kulturellem Einfluss Chinas etwa im 5. Jahrhundert aus dem Yamato-Staat entwickelt, war also gegenüber der altehrwürdigen Vergangenheit der Chinesischen Kaiser nahezu unbedeutend. Immerhin kann die Gründung des chinesischen Reiches unter dem legendären ersten Kaiser Qín Shǐhuángdì, dem „Ersten erhabenen Gottkaiser von Quin“ auf das Jahr 221 vor unserer Zeitrechnung, dem Ende der Zeit der streitenden Reiche festgemacht werden. In Jener Zeit dürften noch nicht einmal die Vorfahren des japanischen Kaiserhauses die japanische Insel erreicht haben. Im 5. Jahrhundert etwa kam dann auch mit dem Chinesischen die erste Schrift nach Japan, auf deren Basis die Nachrichten von alten Ereignissen und das 720 erschienene Nihongi, die (offiziellen) Chroniken von Japan, von den frühesten Zeiten bis 697 verfasst wurden.

Gottkaiser aus den den Anfänger der Zeit

Beide Werke zusammen verleihen dem historisch gerade erst entstandenen japanischen Kaiserhaus eine mythologische Tradition, die bis in die Anfänge der Zeit zurückgehen und dem chinesischen Kaiserhaus damit ebenbürtig sind. Die japanischen Kaiser sind demnach direkte Nachfahren der Mondgöttin Amaterasu. Der Beginn der Amtszeit des ersten Kaisers nach dem Zeitalter der Götter, Kami-Yamato Ihare-Biko alias Jimmu Tenno wird von den japanischen Chronisten auf 660 vor unserer Zeitrechnung festgelegt. Damit darf sich das japanische Kaiserhaus rühmen, rund 450 Jahre länger im Amt zu sein, als seine chinesische Konkurrenz. Und im Gegensatz zu den wechselnden chinesischen Kaiserdynastien kann das japanische Kaiserhaus mythologisch und formal eine bis heute ungebrochene dynastische Tradition aufweisen.

Neben der ideologischen Funktion, die das Kojiki und die japanischen Chroniken innehaben, sind besonders die „Nachrichten von alten Ereignissen“ eine einzigartige Grundlage für Studien zur japanischen Glaubenswelt, historischen Gesellschaftsstruturen und – im Original – auch der Entwicklung der japanischen Schrift und Sprache.

Bilder:
oben: Ono Yasumaro, der Autor des Kojiki. Zeichnung von Kikuchi Yosai (1781 – 1878)
unten: Teil der Kaiser-Jimmu-Geschichten aus dem Nihongi, ein Holzdruck von Ginko Adachi (1874 bis 1897). Das Bild zeigt den legendären ersten japanischen Kaiser Jimmu, der während einer Expedition in den östlichen Teil Japans einen heiligen Vogel wegfliegen sah.

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