1610: Ein Mord, der den großen Krieg vorerst verhinderte

Der Konflikt um das Herzogtum Jülich-Kleve war nach Donauwörth das zweite, jedoch wesentlich bedrohlichere Wetterleuchten innerhalb weniger Jahre. Das Deutsche Reich, ja Europa ist 1610 nur knapp dem großen Krieg entkommen. Durch einen Mord – am französischen König Heinrich IV.

 Der Anlass für den Fast-Krieg waren die Erbstreitigkeiten um Jülich-Kleve. Seit 1609, nach dem Tod des katholischen Herzogs Johann Wilhelm, war offen, wer das Herzogtum im strategisch wichtigen Westen des Reiches bekommen sollte. Denn Johann Wilhelm war ohne Nachkommen.

Der Kurfürst von Brandenburg, Johann Sigismund, und der Herzog von Pfalz-Neuburg, Wolfgang Wilhelm, glaubten sich beide berechtigt, die Nachfolge anzutreten. Sie schickten Truppen in die teils katholischen, teils protestantischen Länder Jülich, Kleve und Berg und nahmen sie in Besitz. Es gelang ihnen sogar, sich auf eine gemeinsame Übernahme der wirtschaftlich und strategisch wichtigen Länder zu einigen.

Dies missfiel jedoch Kaiser Rudolf II., dem sich als erbberechtigt sehenden Christian I., Kurfürst von Sachsen und vielen katholischen Fürsten im Reich. Auch den in den  benachbarten südlichen Niederlanden herrschenden Spaniern – die gerade mit den rebellischen protestantischen Holländern einen zwölfjährigen Waffenstillstand geschlossen hatten – war dies nicht Recht. Der Grund: Die beiden selbsternannten Erben waren Protestanten.

Kaiser Rudolf II. schickt Erzherzog Leopold

Erzherzog Leopold aus dem Hause Habsburg wurde von der katholischen Seite in Marsch gesetzt, um die Herzogtümer als sogenannte erledigte Lehen im  Namen des Kaisers einzuziehen. Dies wiederum ließ die Protestanten nicht ruhen. Sie riefen Holland und Frankreich zur Hilfe. Die kriegerische Spirale begann sich zu drehen.

Der Gegensatz zwischen den protestantischen und katholischen Ständen des Reiches hatte sich in den vorangegangenen Jahren deutlich verschärft. Seit dem einseitigen Rechtsbruch Maximilians von Bayern an Donauwörth 1606 – die Stadt wurde rekatholisiert und Bayern eingegliedert – war das Misstrauen auf protestantischer Seite deutlich gewachsen.

Protestanten gründen die Union – Katholiken die Liga

Aus dieser bitteren Erfahrung heraus wurde zwei Jahre später, unter pfälzischer Leitung, die Union gegründet. Ein protestantisches Militärbündnis, das jedoch von Anfang am Fernbleiben des lutherischen Sachsen litt. 1609 zog dann die katholische Seite nach. Unter der Führung des erzkatholischen Maximilian von Bayern wurde die Liga ins Leben gerufen. Auch sie, wie ihr Gegner, angeblich defensiv ausgerichtet. Fakt war jedoch: Im Reich standen sich zwei konfessionell orientierte Militärbündnisse gegenüber. Kein guter Nährboden für den Frieden.

Frankreich fühlte sich durch Habsburg bedroht

Das nach dem Ende des Bürgerkriegs erstarkte Frankreich machte unter seinem ersten Bourbonenkönig erneut Front gegen das spanische und österreichische Habsburg. Heinrich IV., der charismatische, agile Neu-Katholik, nahm die Gelegenheit, die der Hilferuf der Protestanten bot, nur zu gerne wahr. Drohte doch, dass die Habsburger sich in Jülich-Kleve festsetzen könnten. Und diese Nachbarschaft, sei sie spanisch oder österreichisch, wurde vom französischen Herrscher als gefährlich, als Umklammerung eingestuft. Frankreich rüstete.

Liga und Union zeigen sich kampfbereit

Die katholische Liga zeigte sich gleichfalls kampfbereit. 15.000 Fußsoldaten und etwa 4000 Reiter warteten unter dem Befehl des Wallonen Tserclas Tilly auf den Einsatz. Auch die evangelische Union, nach den Ereignissen um die Donauwörther Fahnenschlacht gegründet, rasselte mit dem Säbel. Im Mai 1610 standen die Zeichen endgültig auf Sturm. Eine französische Armee, immerhin 35.000 Mann, war marschbereit. Und der kriegsgewohnte Heinrich IV. saß geistig schon zu Pferde, um in Richtung Rhein zu ziehen.

Mord an Heinrich dem IV. – der Krieg fällt aus

Am 14. Mai 1610, der König war vom Louvre zu seinen Truppen unterwegs, traf Heinrich der Dolch des fanatischen ehemaligen Mönchs Ravaillac. Heinrich IV. starb und der Feldzug, die große Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Habsburg, wurde vertagt. Auch der offene Kampf zwischen Liga und Union um Jülich-Kleve blieb aus. Im Oktober 1610 fanden die beiden Konfliktparteien in München noch einmal zum Frieden. Der große Sturm über Europa verzog sich. Vorerst.

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