Die Geschichte der 100-Kanonen-Schiffe

Real Don Carlos 112 Kanonen. Foto: Dieter Füssenich

Real Don Carlos 112 Kanonen. Foto: Dieter Füssenich

Gewaltig und beeindruckend waren jene Kriegsschiffe der Vergangenheit, die dem Gegner mit mehr als 100 Kanonen gehörigen Respekt einflößen sollten. Die Victory Balchins und die Victory Nelsons beispielsweise waren bei ihrer Indienststellung die jeweils größten und mächtigsten Kriegsschiffe ihrer Zeit und gehören heute wohl zu den berühmtesten Kriegsschiffen der Geschichte.

Tatsächlich aber sind die Victories zwar Teil der illustren Gesellschaft der großen 100- Kanonen Schiffe, sind als solche aber hinsichtlich der Schiffbaugeschichte nicht die interessantesten Vertreter ihrer Art.

Als das erste Linienschiff mit dem Namen Victory 1737 vom Stapel lief, galt es zwar als das mächtigste und modernste Kriegsschiff der Welt, schiffbautechnisch aber hätte es die Victory ohne das im 16. Jahrhundert entwickelte Konzept der elisabethanischen Galeone und das 1638 erbaute Superschiff „Souvereign of the Seas“, die 1660 in „Royal Sovereign“ umbenannt wurde, wohl kaum gegeben. 102 Kanonen trug die Royal Sovereign, die sehr erfolgreich in den drei englisch- holländischen Kriegen und schließlich 1692 an der Seite Hollands gegen Frankreich kämpfte. 1652 soll die Souvereign of the Seas ein Holländisches Kriegsschiff mit einer einzigen Breitseite zerstört haben. Das von den Holländern wegen seiner prächtigen vergoldeten Schnitzereien als goldener Teufel bezeichnete Schiff blieb bis zu seinem Ende ungeschlagen. Es fiel 1697 einem Feuer zum Opfer und brannte bis zur Wasserlinie ab.

Ursprünglich war die Souvereign of the Seas nicht unbedingt als Typschiff gebaut worden. Vielmehr ging es dem englischen König Charles I. darum, gegenüber den anderen Seefahrernationen Macht und Prestige zu dokumentieren. Erst die folgenden 100- Kanonen- Schiffe mit dem Namen Royal Souvereign, entwickelten sich im Rahmen der Strukturierung der Royal Navy zu den bekannten Linienschiffen erster Klasse. Auch an der berühmten Trafalgarschlacht war eine 100- Kanonen- HMS Royal Souvereign beteiligt.

Der erste 100er, die Adler von Lübeck

Dort, wo man es wohl kaum vermutet, im hansischen Lübeck war 1567 das möglicherweise erste 100-Kanonenschiff, die Adler von Lübeck, in Dienst gestellt worden. Mit ihren etwa 2000 Tonnen Wasserverdrängung und einer Länge von rund 78 Metern übertraf sie an Größe die spätere Souvereign of the Seas bei weitem.

Die Adler von Lübeck war aber weit davon entfernt, ein Linienschiff zu sein. Denn die Gegner hatten sicherlich weniger die Breitseiten des Hanseschiffes zu fürchten, als vielmehr die durch die Zahl der Geschütze ermöglichte schnelle Schussfolge.

Während die Männer von Nelsons Victory in der Trafalgarschlacht etwa alle zwei bis drei Minuten eine ganze Salve feuern konnten, dauerte das Laden einer Schiffskanone im 16. Jahrhundert zwischen 20 Minuten und einer halben Stunde. Abgesehen von der ungeklärten Frage, ob der Rückstoß einer Breitseite die Adler von Lübeck in ihre Bestandteile zerlegt hätte, wäre das mächtige Schiff nach dem zweifellos eindrucksvollen Getöse einer Salve für rund eine halbe Stunde den Enterversuchen des Gegners ausgeliefert gewesen, der Nutzen der eindrucksvollen Artillerie wäre bei einer Breitseite im wahrsten Sinne des Wortes verpufft.

Linienschiffe 1. Ranges, die Schiffe der Admirale

Anders natürlich bei den mächtigen Dreideckern der Seemächte des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Breitseiten, aber auch die Nehmerqualitäten solcher Schiffe konnten, taktisch klug eingesetzt, ganze Seeschlachten entscheiden.

Trotzdem gab es in einer Flotte nie viele dieser Schiffe gleichzeitig. Sie waren für den normalen Dienst zu groß und zu teuer. Und so ist es natürlich kein Zufall, dass die 100er vor allem als Flaggschiffe in die Geschichte eingegangen sind. Hier konnten sie ihre eigentlichen Qualitäten entfalten. Hier gab es auf den drei Decks im Heck genügend Platz für den Admiral, seinen Stab und für die Bewirtung illustrer Gäste bei der Repräsentation des Empire in Übersee.
Und selbstverständlich spielten die 100er, die im Laufe der Zeit zu 110ern und 120ern wurden als Führungsschiffe in den relativ seltenen großen Seeschlachten eine zentrale Rolle.

Der Vierdecker Santisima Trinidad

Im Rahmen des europäischen Wettrüstens verfügten natürlich alle Marinen über einige der gewaltigen Schlachtschiffe. Als Beispiele sei hier nur das spanische Schiff Nuestra Senora de la Santisima Trinidad genannt, das ebenso wie die Victory oder die Royal Souvereign an der Schlacht von Trafalgar 1805 teilgenommen hatte. 1769  war das Santisima Trinidad genannte Linienschiff als Dreidecker mit 120 Kanonen vom Stapel gelaufen. 1795 wurde durch die Verbindung von Vorderkastel und Achterdeck ein viertes Geschützdeck hinzugefügt, so dass die Santisima Trinidas mit 140 Kanonen das weitaus größte Schiff seiner Zeit gewesen war.

Die Prince of Wales und das Ende der großen Segelllinienschiffe

Die 1860 vom Stapel gelaufenen Price of Wales dokumentiert schließlich das Ende der großen Zeit der Segellinienschiffe mit ihrer immer größeren Zahl von Kanonen. 1848 war die Prince of Wales als 120- Kanonen- Segellinienschiff aufgelegt worden. Während der Bauzeit entschloss man sich, 1853 das Schiff mit Dampfmaschine und Schraubenantrieb zu versehen. Und als das Schiff schließlich 1860 vom Stapel lief, war sie völlig veraltet und wurde gar nicht erst in Dienst gestellt. Als HMS Britannia diente sie von 1896 bis 1905 der Kadettenausbildung in Dartmouth.

 

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Schifffahrtsgeschichte

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