GeschiMag im Gespräch mit dem Bücherprinzen

Er heißt Ruprecht Frieling und ist auf vielfältige Weise mit dem Kulturbetrieb verbunden. Frieling ist Verleger, Journalist, Buchautor, Wagnerfreund und Kulturförderer. Er kennt Hinz, Kunz und vor allem auch viele der Kulturschaffenden der 68er, darunter den legendären Hannes Wader. Mit seinem möglicherweise bekanntesten Buch „Der Bücherprinz“ hat er im Rahmen seiner Autobiografie auch ein Stück Zeitgeschichte dokumentiert. Und wenn heute seine Autoren und E-Book-Ratgeber die Bestsellerlisten der elektronischen Bücher stürmen, dann geht der Aspekt, der Ruprecht Frieling auch für GeschiMag so interessant macht, dabei ein wenig unter: seine kulturgeschichtlichen Publikationen. Wolfgang Schwerdt sprach mit dem Bücherprinzen.

GeschiMag: Herr Frieling, bei Buchtiteln wie „Killer, Kunstfurzer, Kastraten“ oder „Wie die Germanen den Tanga erfanden“ denkt der potenzielle Leser vielleicht nicht als erstes an kulturelle Glanzlichter des Abendlandes – schon gar nicht, wenn er das Cover von „Wie die Germanen den Tanga erfanden“ betrachtet. Aber tatsächlich sind die Inhalte ihrer Bücher, die sich mit Kulturgeschichte befassen, trotz lockerer, humoriger Sprache hervorragend recherchiert und ohne Effekthascherei. Wie sind diese Bücher eigentlich entstanden und welche Philosophie verbirgt sich hinter diesen Publikationen?

Ruprecht Frieling:  Im Sachbuchbereich stört mich als Leser der in Deutschland bevorzugte furztrockene, akademische Stil. Das wirkt auf mich so abschreckend wie der Frontalunterricht aus vergangenen Zeiten. Geschichte ist lebendig und kann auch spannend und anschaulich geschildert werden. Das versuche ich mit Themen, die abseits vom Mainstream liegen und trotzdem viel von der jeweiligen Epoche, ihren Zeitgenossen und deren Lebensbedingungen erzählen.

»Killer, Kunstfurzer, Kastraten« beispielsweise beschreibt im Miniaturformat das Leben von vier verschiedenen Menschen, die in ihrer Zeit bedeutend waren und deren Spuren wir heute noch finden. Mein »Killer« ist beispielsweise der berühmt-berüchtigte Ritter Kahlbutz, dessen verlederte Leiche heute noch in der Wehrkirche im brandenburgischen Kampehl Besucher anzieht. Der Edelmann leistete einen folgenschweren Reinigungseid und schwor, nicht verwesen zu wollen, wenn er denn der Mörder eines Nebenbuhlers gewesen wäre. Der Herr Ritter wurde seinerzeit aufgrund dieses Eides freigesprochen, die Mumie lässt indes den Gedanken aufkommen, dass er vielleicht doch gelogen haben mag …

Für meine kurze Reportage über Alessandro Moreschi, den letzten Kastraten im Vatikan, habe ich viel über die Schicksale jener meist bettelarmen italienischen Knaben gelesen, bei denen ein Friseur das Messer ansetzte, damit sie zeitlebens ihre Knabenstimmen behielten. Bei meiner Veröffentlichung zum Thema geht es mir auch darum, die Bigotterie des Papsttums und  der Amtskirche zu zeigen, die sich bis in unsere Tage nachweisen lässt.

GeschiMag: Mit dem „Hauptmann von Köpenick“, einer Dokumentation des realen Vorgangs, der sich hinter der in Literatur und Film vielfach publizierten Story verbirgt, haben Sie ein Thema behandelt, das eigentlich als „ausgelutscht“ gelten darf.

Ruprecht Frieling: Die Geschichte des als »Hauptmann von Köpenick« bekannt gewordenen Schuhmachersohns Wilhelm Voigt habe ich anhand der Original-Gerichtsakten im Berliner Landesarchiv recherchiert. Das hatte zuvor noch niemand der Autoren getan, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. Ich versuche, die »Verbrechen« des Mannes in die damalige Zeit, das wilhelminische Deutschland, einzuordnen und die soziale Relevanz der Figur und seiner »Tat« verständlich zu machen. Dabei kommt dann natürlich ein anderer Text heraus als beispielsweise der von Carl Zuckmayer. Ungewöhnlich finde ich übrigens, dass dieses Buch in deutscher Sprache besonders gern in den USA gekauft wird.

GeschiMag: Bei ihren Büchern zu Richard Wagners »Ring des Nibelungen« kann man Ihnen auch nicht gerade vorwerfen, thematisch dem Mainstream zu folgen.

Ruprecht Frieling: Bei meinen Opernführern zu Wagners »Ring« geht es in erster Linie darum, die doch insgesamt schwer überschaubare Erzählhandlung zu entwirren und sie auf die Füße einer zeitgemäßen Interpretation zu stellen. Komponist Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt 2013 feiert, war seiner Zeit in vielen Dingen weit voraus, er wurde als 1848er Revolutionär steckbrieflich gesucht und musste fliehen. Sein vierteiliges Musikepos vom »Ring des Nibelungen« ist nicht nur in musikalischer Hinsicht wegweisend. Auch die Geschichte, die Wagner erzählt, es geht im Kern um die Gier nach Gold und die Irrungen und Wirrungen, die Neid und Missgunst auslösen, ist hochaktuell und passt wie die Faust aufs Auge unserer Zeit. Aus den Leserreaktionen weiß ich, dass gerade für jüngere Menschen meine Art und Weise, Wagner aktuell aufzubereiten und neu zu erzählen, hilfreich ist und den Weg zum Musiktheater eben hilft. Insofern haben diese Opernkrimis auch einen pädagogischen Anspruch und wollen Akzente setzen.

GeschiMag: In beiden Fällen ist es Ihnen gelungen, dem jeweiligen Thema inhaltlich-konzeptionell etwas Neues hinzuzufügen. Und soweit sich das von außen beurteilen lässt, geben Ihnen die Verkaufserfolge recht. Trotzdem ließe sich mit anderen, auf eine breitere Lesergruppe zielenden Inhalten sicherlich mehr verkaufen. Was bringt Sie dazu, mit diesen Themen auf den Markt zu gehen?

Ruprecht Frieling: Warum ich derartige Texte veröffentliche? In erster Linie, weil es mir Spaß macht! Aus rein verlegerischem Kalkül heraus würde ich Romane über Wanderhuren und andere mehr oder weniger attraktive Fiktivgestalten schreiben. Doch dieses Feld überlasse ich gern den Trivialverlegern. Mir geht es darum, eng am tatsächlichen Geschehen zu bleiben und in Reportageform Interesse für die jeweilige Epoche und meine historisch verbrieften Figuren zu wecken. Dass ich trotzdem erfreuliche Verkaufszahlen erziele, zeigt mir: Es besteht Interesse an der lebendig geschilderten Vergangenheit. Der Leser versteht durchaus, dass sich Geschichte nicht nur auf höheren Ebenen wiederholt, sondern das Fundament bildet, auf dem wir gesellschaftlich, politisch, sozial und kulturell fußen.

GeschiMag: Abgesehen vom Abschluss der »Ring des Nibelungen«-Reihe: was dürfen wir an weitern geschichtlichen beziehungsweise kulturgeschichtlichen Publikationen von Ihnen zu erwarten?

Ruprecht Frieling: Sehe ich den Berg der Ideen, der auf meinen Tisch ruht und danach ruft, bearbeitet zu werden, wird mir schlecht. Ich schreibe leider nicht rauschhaft und schnell, sondern recherchiere umfangreich und gewissenhaft auch kurze Texte, an denen ich dann sorgfältig feile. Alles braucht seine Zeit. Als nächstes Einzelthema möchte ich mich mit der Kommune der Münsteraner Wiedertäufer beschäftigen. Ich entstamme selbst dem Münsterland und kenne die Örtlichkeiten ebenso gut wie die rabenschwarzen Ansichten der dort herrschenden katholischen Nomenklatura. Deshalb möchte ich die Herren Knechting und  Knipperdolling, die 1530 mit ihren Glaubensbrüdern den Bischof von Münster vertrieben, gern ein kleines literarisches Denkmal setzen.

GeschiMag: Sie haben sich publizistisch – zumindest was den Buchbereich betrifft – auf die elektronischen Medien und das Self-Publishing konzentriert. Das schlägt sich auch darin nieder, dass Frieling fast nur noch im E-Book-Bereich zu finden ist. Sie haben zudem  Autorenratgeber, humorige Beschreibungen der digitalen Welt und Ähnliches publiziert. Schreiben Sie  – möglicherweise nicht nur im übertragenen Sinne – auch hinsichtlich E-und Self-Publishing  Geschichte?

Ruprecht Frieling: In Arbeit ist derzeit noch eine Geschichte des Self-Publishing. Denn was wir heute mit der gern zitierten E-Book-Revolution erleben, also der Versuch von Autoren und kritischen Denkern, ihre Werke unzensiert ans Publikum zu transportieren, ist ja keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Seit Jahrhunderten gibt es Versuche, zu veröffentlichen und ebenso lange gibt es Kräfte, die das bekämpfen. Schon als Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfand, reagierte Klerus und Adel entschieden ablehnend und wollten das Vervielfältigen verhindern. Papst Innozenz VIII. verfasste eine Bulle gegen den Buchdruck. Papst Alexander VI. verbot 1501 »allen Buchdruckern in Zukunft Bücher drucken zu lassen.« Heute wiederholen sich diese Ängste und führen zu einer fadenscheinigen Ablehnung etablierter Kreise gegenüber den Elektrobüchern.

GeschiMag: Ein weiteres Manifest für die Zukunft des E-Books?

Ruprecht Frieling: Mit dem Aufzeigen der historischen Entwicklung möchte ich verdeutlichen, dass es schon vor einem halben Jahrtausend Kreise gab, die den Verlust der handgeschriebenen Dokumente beklagten, das Knistern der Pergamente und den Geruch gegerbter Häute beschworen. All das wiederholt sich heute, wenn wir von der haptischen Qualität der Bücher hören, dem Geräusch des Umschlagens der Seiten und dem Geruch des Papiers. Dabei sind die E-Booker und Self-Publisher überhaupt keine Holzbuch-Stürmer. Beide Publikationsformen haben ihre Vor- und Nachteile, beide haben volle Daseinsberechtigung, wobei E-Books in nächster Zukunft den Markt dominieren werden.

GeschiMag: Als Verleger und Buchautor sind Sie – zumindest in der Netzöffentlichkeit -weitestgehend bekannt. Aber Sie sind auch gestandener Journalist. Darf ich auch hier davon ausgehen, dass sich Ihre Tätigkeit in diesem Bereich durch gewisse innovative Aspekte auszeichnet?

Ruprecht Frieling: Ich habe das große Glück, den Beruf des Schreibers von der Pike auf gelernt zu haben. Ich kenne mich in der Welt des Handsatzes und des Buchdrucks ebenso aus wie im Fotosatz und Offset und aktuell im Digitaldruck und E-Book. Aus dieser Kenntnis heraus habe ich auch diverse Ratgeber verfasst, die interessierten Nachwuchsautoren helfen sollen, ihren Platz im aktuellen Buchmarkt zu finden.  In rein journalistischer Hinsicht unterstütze ich neue Formen des Web-basierten Journalismus. Ich blogge seit sieben Jahren und arbeite von Anbeginn an der deutschsprachigen Wikipedia mit; ich unterstütze die Barcamp-Bewegung und öffne mich gern auch neuen publizistischen Experimenten, wenn sie mir nachhaltig erscheinen.

GeschiMag: Wer Ihre Biografie „der Bücherprinz“ gelesen hat, weiß, dass Sie Jemand sind, der gerne etwas bewegt. Ihr publizistisches Wirken, Ihr Experimentieren hat bei genauerer Betrachtung offensichtlich eine grundlegende Idee zur Basisdemokratie als Hintergrund. Ist da etwas dran?

Ruprecht Frieling: Lassen Sie mich diese Frage folgendermaßen beantworten: Wir Publizisten haben den Vorteil, derzeit an einem epochalen Wandel teilhaben zu dürfen: die Ablösung der von Marshall McLuhan beschriebenen Gutenberg-Galaxis durch das elektronische Zeitalter. Für mich bedeutet es enormes Glück, ein klein wenig mitgestalten zu können. Vielleicht ist es sogar so, dass die jetzigen Möglichkeiten des Veröffentlichens dem entsprechen, was wir in den »wilden« 1968er Jahren an basisdemokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten eingefordert haben. Wenn dem so ist, haben sich alle Anstrengungen der letzten vierzig Jahre gelohnt!

GeschiMag: Herr Frieling, ich danke für das anregende Gespräch.

Mehr über seine  vielfältigen publizistischen Aktivitäten finden Sie auf Ruprecht Frielings Homepage

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “GeschiMag im Gespräch mit dem Bücherprinzen

  1. Das Cover von „Wie die Germanen den Tanga erfanden“ ziert doch eigentlich ein recht appetitliches „Glanzlicht des Abendlandes“ … 😉
    http://www.amazon.de/dp/B005AWM9E8

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