Rezension: Die Kelten – Mythos und Wirklichkeit

Die Autoren des Buches liefern einen umfassenden Überblick über das, was über die Kelten und ihre Kultur heute bekannt ist. Dabei erfährt der Leser vieles, was in anderen Keltenbüchern kaum dargestellt wird. Vor allem die Auseinandersetzung mit keltischer Literatur, Sprache oder Folklore eröffnet dem Leser interessante Erkenntnisse.

Am Anfang steht das, was der interessierte Leser erwartet: die Kelten in der Welt der Antike. Da werden die griechisch-römischen Geschichtsschreiber bemüht, die mit den aus ihren mitteleuropäischen Kernregionen Richtung Süden aufgebrochenen Barbaren so ihre Mühe hatten. Die Schlacht am Flüsschen Allia, bei denen die Kelten um 390 vor Christus den Ambitionen Roms in Mittelitalien einen gehörigen Dämpfer verpasst hatten fehlt ebenso wenig wie die Niederlage, die die Kelten 280 vor Christus den Makedonen beibrachten, deren König die Begegnung mit seinem Leben bezahlte. Überhaupt waren die Kelten offensichtlich für so ziemlich jede kriegerische Auseinandersetzung zu begeistern, sei es in den punischen Kriegen, sei es in Vorderasien oder eben direkt mit den Römern und Griechen. Insofern genossen die Kelten – wie es im Buch heißt – in der Antike „eine denkbar schlechte Presse.“

Die Kelten im Spiegel der Archäologie

Archäologisch betrachtet, ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Der Leser merkt schnell, dass es mit den Kelten gar nicht so einfach ist. Mit der beliebten Gleichsetzung von Hallstatt- und Latène-Zeit mit einer keltischen Kultur, gar eines keltischen Volkes, räumt der Autor des archäologischen Kapitels nachvollziehbar auf. Über die Ethnie oder die Sprach- und Gedankenwelt der Träger des von den Archäologen aufgefundenen materiellen Kulturgutes, geben Tonkrüge, Grabbeigaben und andere Hinterlassenschaften letztendlich keine Auskunft. Selbstverständlich können die Archäologen aufgrund von historischen Quellen gewisse Schlussfolgerungen ziehen, ethnische Interpretationen von Fundsituationen und Artefakten müssen aber in der Regel Spekulation bleiben. Zeugnisse materieller Kulturgüter der Hallstatt- und Latène-Zeit sind die imposanten Grabhügel, die als Fürstensitze bezeichneten Oppida und nicht zuletzt die etruskisch-römisch-griechischen Luxusimporte, über die der Leser im zweiten Kapitel einen recht aktuellen Überblick erhält.

Das Wissen der Druiden bleibt geheim

Auch die Kenntnisse über die Religion der antiken Kelten sind eher spekulativer Natur. Das liegt natürlich an der Quellenlage. Weder der vielzitierte Cäsar noch die christlichen Mönche noch die romantischen Wiederentdecker des Keltentums im 18. Jahrhundert dürfen als verlässliche Quellen zu keltischen Glaubensfragen begriffen werden. Und so beinhaltet das entsprechende Kapitel naturgemäß wenig konkrete Informationen über die keltische Religion. Das darf allerdings keineswegs als Mangel sondern eher als Beleg für Seriosität betrachtet werden. Trotzdem ergeht sich der Autor dieses Kapitels auch in unter Archäologen gängigen Spekulationen zu Jenseitsvorstellungen bei der Interpretation von Manipulationen an Leichnamen – wie beispielsweise Fesselungen – bei sogenannten auffälligen Gräbern – also Gräbern, die sich in ihren Bestattungsriten vom Üblichen unterscheiden. Mit den Vorstellungen der esoterischen Vertreter moderner Keltenfreunde, die sich auf diverse keltische Baumkalender und geheimes Wissen eines verklärten Druidentums berufen, räumt Prof. Dr. Bernhard Maier, vom Fachbereich vergleichende Religionswissenschaft der Universität Tübingen aber gründlich auf.

Die Keltische Kultur ist so vielfältig wie ihre Sprachen

Spätestens beim Abriss der Geschichte der keltischsprachigen Länder seit dem Mittelalter wird auch deutlich, warum heutige keltische Weisheitslehren reine Fiktion sind. Am längsten haben sich Spuren dessen, was sich als keltische Kultur begreifen lässt in Irland erhalten. Während archaisches Recht, Sozialstrukturen und keltische Sprache dort noch im Mittelalter auszumachen sind, haben sich diese mit Ausnahme von Resten keltischer Sprachtraditionen in den anderen Regionen bereits früh aufgelöst. Und wie wenig die keltische Kultur als etwas Einheitliches verstanden werden kann, zeigt sich an den Kapiteln über die keltischsprachigen Länder und die keltischen Sprachen selbst. Ob Irland, Schottland, Wales oder Bretagne, sie alle hatten neben unterschiedlichen keltischen Sprachen auch unterschiedliche Geschichten und kulturelle Ausprägungen. Allein die Aufzählung der wissenschaftlich definierbaren Sprachen der keltischen Sprachfamilie zeigt, wie komplex die Auseinandersetzung und die Suche nach einer keltischen Kultur und Tradition ist. Da gibt es das Gallische, über dessen Entwicklung und Ausformungen sich sicherlich ein eigenes Buch verfassen ließe. Keltiberisch, Lepontisch, Galatisch, Irisch, Manx, Kymrisch, Kumbrisch, Bretonisch oder Piktisch sind andere Sprachen, die sich in Familien einteilen oder weiter untergliedern lassen. Über die Sprache(n) der Kelten in Süddeutschland gibt es gar keine Zeugnisse.

Keltische Literatur als Relikte aus dem Mittelalter

Die folgenden Kapitel behandeln schließlich den Untergang des Festlandkeltischen und das weite Feld der keltischen Literatur, die in ihren Ursprüngen eine mittelalterlich-christliche ist. Die Autorin behandelt in ihrem Aufsatz auch die literarische Entwicklung der vermeintlich archaischen irischen Mythen. Ein sehr aufschlussreiches aber auch nicht ganz einfach zu lesendes Kapitel, setzt es doch für einen Laien einiges an historisch-literarischen Kenntnissen voraus.

Keltisches Recht erschließt sich ebenfalls aus den mittelalterlichen Quellen, ein Grund, weshalb sich Mühe der die Auseinandersetzung mit der keltischen Literatur für den Leser lohnt. Der Grund, weshalb das verhältnismäßig kurze Kapitel über keltisches Recht als eines der Highlights des Buches gesehen werden darf, ist die Tatsache, dass es nach Angabe des Autors ansonsten bislang keine zusammenfassende Darstellung des heutigen Kenntnisstandes in deutscher Sprache gibt.

Die keltische Kultur lebt, nur anders

Folklore und Nachleben der keltischen Kultur, ein Thema, in dem sich auf den ersten Blick jeder Irish Pub-Besucher oder ansonsten keltophile Zeitgenosse heimisch fühlt. Erstaunlich allerdings, wie wenig dessen, was der Tourist in Irland, Schottland oder der Bretagne als keltische Tradition vorgesetzt bekommt, tatsächlich auf eine wenigstens Jahrtausendalte Überlieferung zurückblicken kann. Akribisch setzen sich die Autoren mit der Herkunft und Entwicklung der modernen keltischen Sprach- und Kulturbewegungen, den als typisch begriffenen Musikinstrumenten und vielem mehr auseinander. Dabei wird nicht nur der Mythos von der uralten keltischen Harfe entzaubert.

Fazit: Die keltische Kultur lebt, sie ist nur ziemlich anders, als wir gemeinhin glauben. „Die Kelten. Mythos und Wirklichkeit“ ist ein durchaus einzigartiges Buch in der Flut der Keltenliteratur, informativ und lesenswert.

Stefan Zimmer (Hg.): Die Kelten. Mythos und Wirklichkeit. 3. Auflage 2012 Theiss. Gebunden, 239 Seiten.

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