Rezension: Von der Lust am Eigensinn – 11 unbequeme Deutsche

Von Thomas Müntzer bis Rudolf Bahro reicht die Reihe unbequemer Deutscher, die nach Ansicht von Wolfgang Korn Geschichte schrieben. Unbequem sind Menschen für den Autor, wenn sie gegen den Strom schwimmen und mit ihrem Nonkonformismus das gängige Weltbild und Wertesystem erschüttern. Dabei reicht das Spektrum von Herrschern über Widerständler bis Frauenrechtlerinnen und Alternativmedizinern.

 Thomas Müntzer, der Zeitgenosse Martin Luthers, wurde mitten in eine Umbruchzeit hineingeboren. Der geschlossene Kosmos des Mittelalters zerbrach, eine neue Epoche brach an. Und Müntzer schloss sich bis 1519 voll den Lehren Luthers an. Dann begann er, neue Ideen zu entwickeln. Nicht die in der Bibel enthaltenen Aussagen, sondern nur „ein von Gott ausgelöstes Ereignis im Zentrum der Seele“ kennzeichnet seiner Ansicht nach den wahren Glauben. Von nun an begann ein unruhiges, durch häufigen (erzwungenen) Wohnortwechsel gekennzeichnetes Leben. Denn Müntzer eckte überall an.

Eine ernsthafte Beschäftigung mit Thomas Müntzer steht noch aus

Dann der Bauernkrieg um 1525. Wieder im vollen Gegensatz zu Luther schloss sich Müntzer den revoltierenden Landmännern an und übernahm deren Führung. Alles eskalierte in der Schlacht von Frankenhausen am 15. Mai 1525, bei der 6000 seiner Schutzbefohlenen ihr Leben verloren. Am 27. Mai ließen die siegreichen Fürsten Thomas Müntzer enthaupten. Auch nach seinem Tod blieb der Theologe unbequem: von der offiziellen Kirche nicht ernst genommen, von der DDR-Führung zum Vorkämpfer der „Werktätigen“ stilisiert. Dieses gespaltene Bild wird so bleiben, meint der Autor, bis wir uns ernsthaft mit Thomas Müntzer beschäftigen.

Dies gilt, wenn auch in anderem Sinne für Fritz Kolbe. Ein Mann, wie Korn betont, der immer noch nicht im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert ist. Kolbe galt (gilt?) den einen als Verräter, den  anderen als Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Im „Dritten Reich“ im Außenministerium tätig, lieferte der „unheroische Held“ vertrauliche Unterlagen an die Amerikaner. Dabei lehnte er es ab, für seine Dienste Geld zu nehmen, was  – Ironie der Geschichte – seine Glaubwürdigkeit dort herabsetzte. Zu seinen Motiven sagte Kolbe: „Mein Bestreben war, den Krieg abzukürzen…“

Eine Anerkennung des Widerständlers Kolbe fand nicht statt

Nach dem Krieg erlebte Kolbe keinen Dank für seine Tat, nicht bei den Amerikanern und erst recht nicht bei den Deutschen. Das Auswärtige Amt, das bezüglich seiner Mitwirkung an der NS-Diktatur nach außen an der Legende der weißen Weste bastelte, wollte den „Verräter“ nicht haben. „Unter keinen Umständen einstellen“ lautete die interne Anweisung. Eine Ehrung als Widerständler hat Kolbe zu Lebzeiten – er starb 1971 – nicht erfahren.

Auch die anderen „Unbequemen“ bieten interessante Aspekte. So die verkannte und vergessene Frauenrechtlerin Mathilde Franziska Anneke, der Erfinder der Homöopathie, Samuel Hahnemann und – natürlich Rosa Luxemburg. Aufschlussreich auch die Lebensgeschichte des Giftgaserfinders Fritz Haber, wie die der Terroristen Ulrike Meinhofs und des Politikers „mit eigenen Regeln“ Franz-Joseph Strauß. Ob der deutsche Kaiser Wilhelm II. und diese Reihe gehört, darf bezweifelt werden. Bedauerlich, dass sich bei dem Kapitel über Wallenstein Fehler eingeschlichen haben. So wenn Maximilian von Bayern mal eben zum König ernannt wird (da war er noch Herzog, dann Kurfürst, nie König) oder „Bürger“ den Prager Fenstersturz inszeniert haben sollen (es waren böhmische Adelige).

Dennoch: Insgesamt ein lesbares, „leichtes“ Buch mit gutem Erkenntnisgewinn.

Wolfgang Korn: Von der Lust am Eigensinn. 11 unbequeme Deutsche, die Geschichte schrieben. Konrad Theis Verlag. 2012. 192 Seiten.

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