Weimarer Republik: Missachtung und Hass prägten das politische Klima

Die erste deutsche Demokratie galt als Republik ohne Republikaner. Der Mord an Walther Rathenau am 22. Juni 1922 machte deutlich, wie sehr weite Teile der Bevölkerung die Weimarer Republik und deren Repräsentanten hassten, wie groß die Verachtung war. Dieser Hass, den die alten reaktionären Eliten, aber auch das Bürgertum dieser gerade knapp drei Jahre alten Demokratie entgegenbrachten, galt gleichfalls einem der exponierten Vertreter dieses Staates, galt der Person Walther Rathenau.

Rathenau war ein vielseitiger und vielschichtiger Mensch. Großindustrieller der Elektroindustrie (AEG) einerseits, Autor von Werken mit zum Teil deutlich antikapitalistischen Zügen („Von kommenden Dingen“) andererseits. An der Börse nannte man Rathenau deshalb zynisch „Jesus im Frack“. Und er war ein liberaler Politiker, der sich zuletzt als Außenminister für den Weimarer Staat an prominenter Stelle einsetzte. Der um sich greifende Antisemitismus fand in Rathenau ein prominentes Ziel.

Von der Rechten, den Nationalen, wurde er als „Verzichtpolitiker“, als Verräter diffamiert; er, der im ersten Weltkrieg als glühender Patriot die Abteilung für Kriegsrohstoffe leitete und noch 1918 eine Massenaushebung neuer Rekruten gefordert hatte, um die von Erich Ludendorff, dem Generalquartiermeister und mächtigsten Militär, geforderte Kapitulation der Reichswehr zu verhindern.

Das Kaiserreich wurde glorifiziert

Rathenau war Repräsentant dieses ersten deutschen demokratischen Staates, dieses „Systems“, wie er in bürgerlichen und rechten Kreisen hieß. Man wollte diese Republik nicht und sehnte sich zurück. Zurück zum Kaiserreich, das mit wachsendem zeitlichem Abstand immer glorreichere Züge annahm. Dort war das Leben in der vom Bürgertum geschätzten ruhigen und ordentlichen Weise verlaufen, gab es Wertmaßstäbe, wusste jeder wo er hingehörte, galt Ehre noch etwas.

Wie anders dagegen das Hier und Jetzt in dieser Republik. Chaos, Ehrlosigkeit, Schande, Parteihader und Verfall. So stellte sich die junge Demokratie gerade den bürgerlichen Kreisen dar, so wollte die rechte Propaganda sie sehen. Der „Dolchstoß“ der Heimat war an der Niederlage des „im Felde unbesiegten“ Heeres im Weltkrieg schuld, der „Schandvertrag von Versailles“ wurde von „Handlangern“ und „Erfüllungspolitikern“ umgesetzt. Als ob es dazu eine Alternative gegeben hätte.

Die Inflation zerstörte die wirtschaftliche Basis des Bürgertums

Und dann noch die Inflation. Eine wirtschaftliche Umwälzung hatte Deutschland erfasst, für die es in der jüngeren Geschichte keinen Vergleich gab. Der Mittelstand, die Sparer, die Rentiers, sie alle verloren in Windeseile ihre ökonomische Basis. Und dies nicht erst 1923, als die Geldentwertung ihren Höhepunkt erreichte. Schon Mitte 1922, ja 1920 waren die Folgen katastrophal: Ein in den Vorkriegstagen gespartes, damals sehr ansehnliches Vermögen von 50.000 Mark, war 1920 nur noch etwas über 5000 Mark, zur Zeit des Mordes an Rathenau dagegen noch kümmerliche 500 Mark wert.

All dies hat „das bürgerlich Rückgrat gebrochen“ (Joachim Fest), die „Empfänglichkeit für politische Heilslehren der abstrusesten Art“ (Helmut Heiber) wurde gestärkt. Folgen, die Jahre später, nur all zu deutlich zu Tage treten werden. Gerade die Inflation war jedoch eine der üblen Hinterlassenschaften des Kaiserreiches, das seinen Krieg über Schulden statt Steuern bezahlt hatte. Ausbaden musste es die Republik und ihre Vertreter wurden dafür verantwortlich gemacht.

Erzberger wurde als „Schädling“ diffamiert  – und ermordet

Matthias Erzberger, Finanzminister im Kabinett Bauer von 1919 bis 1920, hat diese Schuldzuweisung im August 1921 mit dem Leben bezahlt. Auch er in den Augen der Rechten, der Nationalen, nur ein „Schädling“, jemand, der nach deren verworrener Anschauung, gegen Deutschland gearbeitet hatte. Jener Karl Helfferich, dessen Name so eng mit dem Mord an Walther Rathenau verbunden ist, hat dies behauptet. Diese „Reaktion“, die „ihre brutale und unvernünftige Physiognomie unter der imposanten Maske des Gemüts, der Germanentreue etwa, zu verstecken sucht“, wie dies Thomas Mann im Oktober 1922 bezeichnete, dieser rechte Terror, physischer wie publizistischer Art, war in jener Zeit an der Tagesordnung.

Helfferich hetzte gegen Rathenau

 Wie sonst hätte der DNVP-Abgeordnete Wilhelm Henning schreiben können: „Kaum hat der internationale Jude Rathenau die deutsche Ehre in den Fingern, ist davon nicht mehr die Rede…Die deutsche Ehre ist keine Schacherware für internationale Judenhände… Sie aber Herr Rathenau,…werden vom deutschen Volk zur Rechenschaft gezogen werden.“ Und der allgegenwärtige Helfferich hetzte öffentlich gegen Rathenau und bezeichnete ihn als „Gerichtsvollzieher und Gendarm der unergründlichen Raubgier, Zutreiber und Fronvogt der unersättlichen Herrschsucht unserer Feinde“.

Diese Einstellung fand auch im guten Bürgertum, Christen allesamt, ihre Zustimmung. Die Ermordung Rathenaus stimmte einige von ihnen fröhlich, einem anderen Teil war es schlicht egal. Nur die Sozialdemokraten und ihre Anhänger – zu denen Rathenau nicht gehörte – zeigten echte Empörung und Betroffenheit.

Über dieses Bürgertum schrieb Golo Mann: „Was durfte man von einem Bürgertum erwarten, das feige Mordtaten an so edlen politischen Gegnern gern geschehen ließ, ja sich an ihnen ergötzte?“ Nicht viel, wie der Untergang der Weimarer Republik und die folgende Nazi-Diktatur nur zu deutlich zeigte.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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