Wallenstein – Biografie über das rätselhafte Genie des Dreißigjährigen Krieges

Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein (1583 – 1634) ist sicher eine der umstrittensten und vielschichtigsten Personen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Mit seiner neuen Biografie rückt Geoff Mortimer viele Vorurteile und Mythen über den Böhmen gerade.

Die Person Wallenstein hat immer wieder Historiker wie Literaten beschäftigt: von Leopold von Ranke bis Golo Mann, von Friedrich Schiller bis Alfred Döblin. Der Mythos des Böhmen hat viele fasziniert, hat sie zu Urteilen geführt, die ihm krankhaften Ehrgeiz, übermäßige Prunksucht, sklavischen Sternenglauben und verräterische Umtriebe unterstellen. Andere sehen in Wallenstein den genialen Organisator und Feldherren und den letztlich nach Frieden Suchenden.

Mortimer räumt mit vielen Vorurteilen auf

Der Engländer Geoff Mortimer versucht in seiner neuen Biografie „Wallenstein“ viele dieser Vorurteile gerade zu rücken. Er schildert das Leben des Böhmen gekonnt in seinen wesentlichen Grundlinien und fragt immer: was ist wahrscheinlich, was Mythos, was schieres Vorurteil. Angelehnt an Friedrich Schiller, der sagte, es sei Wallensteins Unglück, dass seine Feinde ihn überlebten und seine Geschichte schrieben.

Und Wallensteins vorgeblicher unersättlicher Ehrgeiz ist eines von Mortimers Hauptthemen. Wieso, fragt der Autor, lebte der böhmische, später mährische Landedelmann so viele Jahre zufrieden auf seinen Gütern? Wo war der Ehrgeiz, mal abgesehen von dessen militärischer Unterstützung des späteren Kaiser Ferdinand im Kampf gegen Venedig? Erst der durch den Prager Fenstersturz ausgelöste Krieg lenkte Wallensteins Leben in eine völlig neue Bahn. Und vieles, was Wallenstein danach in Angriff nahm (Aufstellen einer Armee 1625, Rückkehr als Generalissimus des Kaisers 1632), ist eher durch die schiere Notwendigkeit, sein Eigentum zu schützen, als durch übermäßigen, krankhaften Ehrgeiz zu erklären.

Wallensteins Glaube an die Astrologie bewegte sich im normalen Rahmen

Manche Historiker konstatieren Wallenstein „manische Ichsucht“, „Skrupellosigkeit“, bleiben aber laut Mortimer den Beweis dafür schuldig. Ebenso bei seiner Abhängigkeit von den Ratschlägen der Sternendeuter. Auch dies gilt Einigen als „wohlbekanntes Faktum“. Mortimer kommt dagegen in seiner Analyse zu dem Schluss, dass Wallenstein sicher ein Interesse an der Astrologie hatte, von einer Abhängigkeit oder gar Besessenheit könne jedoch nicht die Rede sein. Sein Umgang mit der Sternendeuterei sei im Rahmen des damals Üblichen geblieben.

Keineswegs außergewöhnlich sei auch die Prunksucht des Generalissimus gewesen. In der Frühen Neuzeit war das zur Schau stellen von Reichtum und damit Macht gang und gäbe, wurde geradezu erwartet. So ist Maximilian von Bayern in Begleitung von immerhin 1200 Reitern, als er zur Hochzeit seiner Schwester reiste. Kaiser Ferdinand II. zog mit über 3000 Personen und 600 Wagen nach Regensburg zum Kurfürstentag. Da können Wallensteins 600 Soldaten, die in nach Memmingen begleiteten, fast als bescheiden gelten.

Auch die herrschsüchtige, stark aufbrausende Art, die dem Böhmen von so vielen Zeitgenossen und späteren Historikern zugeschrieben wurde, relativiert der Autor. Die meisten dieser Zeugnisse stammten aus den letzten Jahren Wallensteins. Eine Zeit in der er zweifelsohne schwer erkrankt war, unter enormen Stress stand und , wie Mortimer meint, zur Depression neigte.

Nur die Legende vom krankhaften Ehrgeiz machte die Umsturzpläne glaubwürdig

Die Legende, Wallenstein hätte 1633/34 in einem solchen körperlichen und seelischen Zustand tatsächlich im Sinn gehabt, sich zum König von Böhmen zu machen und des Haus Habsburg zu vertreiben, wird als solche entlarvt. Nur der Mythos vom unersättlichen Ehrgeiz, damals in Wien schon in allen Köpfen verankert, konnte dies glaubhaft machen. Das damit begründete kaiserliche Todesurteil war denn auch ein Aufruf zum Meuchelmord – ein regelgerechter Prozess gegen den angeblichen Verräter fand nie statt.

Der starke Mann Frankreichs, Kardinal und Premier Richelieu, ein kluger Beobachter, bemerkte, nach Wallensteins Tod werden ihn viele tadeln, die ihn gelobt hätten, wenn er noch lebte.

Geoff Mortimers Buch über das rätselhafte Genie ist sowohl für einen Personenkreis, der sich intensiver mit Wallenstein und der Zeit des Dreißigjährigen Krieges beschäftigt, als auch als Einstiegslektüre sehr geeignet. Natürlich gibt es Schwächen: So zum Beispiel wenn Mortimer bei der Hexenverbrennung Maximilian von Bayern und dessen diesbezüglich hochaktiven Bruder, den Kurfürsten von Köln, in einem Atemzug nennt. Dennoch: Das Buch liest sich ausgezeichnet, der Leser kann immer folgen. Keine Selbstverständlichkeit, bei historischen Werken.

Geoff Mortimer: Wallenstein. Rätselhaftes Genie des Dreißigjährigen Krieges. Primus Verlag. 2012, 336 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Dreißigjähriger Krieg

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