24. Juni 1922 – Mord an Walther Rathenau

Der Mord an Außenminister Walter Rathenau galt dem Juden wie dem engagierten Vertreter der Weimarer Republik. Das deutsche Bürgertum zeigte viel Verständnis für solche „nationale“ Taten, die sich gegen Politiker wandte, die sich trotz Niederlage im 1. Weltkrieg und „Versailler Vertrag“ um ein normales, demokratisches Staatswesen bemühten.

Berlin am 24. Juni 1922: Gegen elf Uhr, deutlich später als üblich, trat Walther Rathenau, Außenminister des Deutschen Reiches, seine Fahrt in das Ministerium an. Der Vorabend, besser die vorhergehende Nacht, war lang gewesen. Bis vier Uhr morgens hatte Rathenau sich mit seinem Intimfeind, dem Industriellen Hugo Stinnes im Hotel Esplanada auseinandergesetzt, gestritten. Davor lag ein ganz normaler Arbeitstag: eine Debatte im Reichstag, abends ein Essen in der amerikanischen Botschaft.

Dem offenen Wagen des Außenministers folgte an diesem Morgen ein starker Tourenwagen. Drei Männer saßen in dem Automobil; die zwei im Fond in neue Ledermäntel gekleidet. Als Rathenaus Chauffeur seine Fahrt auf der Königsallee verlangsamen musste, überholte der Tourenwagen und drängte das Auto mit dem Außenminister ab. Einer der Verfolger feuerte aus einer Maschinenpistole, der andere warf eine Handgranate in Rathenaus Wagen.

Rathenau war auf der Stelle tot

Das Attentat auf den „Erfüllungspolitiker“  – wie ihn seine Feinde nannten – war gelungen. Walther Rathenau war auf der Stelle tot. Im September 1922 wäre er 55 Jahre alt geworden.

Dieser „politische“ Mord war kein Einzellfall in der noch jungen Geschichte der Weimarer Republik, dem ersten demokratischen Versuch Deutschlands. Opfer waren neben vielen anderen die Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, das Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokraten Hugo Haase und der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger. Philipp Scheidemann, der erste Ministerpräsident der Republik, entging kurz vor dem Mord an Rathenau nur knapp einem Anschlag.

Sein Einsatz für die Republik und sein Judentum wurde Rathenau vorgeworfen

Wer war Walther Rathenau, wer waren seine Mörder? Rathenau war der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau. Er war Industrieller, Schriftsteller, Künstler, liberaler Politiker – und er war Jude. Die letztgenannten Punkte waren es vor allem, die die Wut der sogenannten nationalen Rechten entfachte. Wagte es dieser Berliner Großbürger doch, sich für die von ihnen so verachtete, verhasste Republik einzusetzen. Dies auch noch mit vollem Einsatz. Und der erste demokratische deutsche Staat hatte diesen Einsatz nötig: War er doch durch die Niederlage im ersten Weltkrieg und die enormen Reparationsforderungen der Sieger – dem Versailler Vertrag – von Anfang an schwer belastet.

„Auch Rathenau, der Walther/Erreicht kein hohes Alter/Knallt ab den Walther Rathenau/Die gottverfluchte Judensau“, hieß es in einem in rechten Kreisen beliebten Vers. Und viel mehr mussten die Mörder nicht wissen. Dem ehemaligen Seeoffizier Erwin Kern und dem Techniker Hermann Fischer reichte, dass der Außenminister von den richtigen Kreisen als „Handlanger“ der Siegermächte verunglimpft wurde. Sie, dumpfe Abenteurer, wie viele ihrer „Kameraden“ von der Organisation Consul, Freikorpsleute, die nach dem 1. Weltkrieg den Weg in das zivile Leben nicht mehr fanden, vielleicht nicht mehr finden wollten.

Karl Helfferich galt als der eigentliche Drahtzieher der Tat

Viele in der Weimarer Republik sahen diese Gesellen nur als Werkzeuge. „Helfferich ist der Mörder, der wirkliche, der verantwortliche…“ schrieb Harry Graf Kessler, der Freund des Ermordeten nach Erhalt der Todesnachricht in sein Tagebuch. Und auch der damalige SPD-Reichskanzler Josef Wirth wurde in seiner Trauerrede vor dem Reichstag deutlich: „Da steht (nach rechts) der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“

Der deutschnationale Abgeordnete Karl Helfferich, der am Vorabend des Mordes Rathenau noch wegen der „Entwertung des deutschen Geldes“ und der „Zermalmung“ des deutschen Mittelstandes attackiert hatte, wurde buchstäblich aus dem Plenarsaal hinausgeschrien. Wut, aber auch Trauer, brach sich zumindest bei einem Teil der Bevölkerung jetzt Bahn.

Die Arbeiter streikten, das Bürgertum freute sich

Es waren vor allem die sozialdemokratischen Arbeiter, die für den Mord an dem liberalen Großbürger und Kapitalisten in einen vierundzwanzigstündigen Streik traten. Weite Kreise des Bürgertums zuckten dagegen die Schultern und empfanden mehr oder weniger klammheimliche Freude. Golo Mann weiß von solch einer, seiner Großmutter widerfahrene Begebenheit zu berichten. Danach begegnete die alte Dame einer Freundin, die sie freudig mit den Worten begrüßte: „Nun, was sagst du dazu? Jetzt haben sie auch den Rathenau erschossen!“ Wie anders die Reaktion im Ausland. „Deutschland hat mit diesem Mord Selbstmord begangen“, rief der damalige britische Premier Lloyd George aus.

Rathenau hatte schon seit längerem Drohbriefe erhalten. Er lehnte Polizeischutz jedoch kategorisch ab. Die Mörder wurden, anders als im Fall Erzberger, als der Münchener Polizeipräsident den Tätern zur Flucht ins Ausland verhalf, relativ schnell aufgespürt. Am 17. Juli 1922, von der Polizei gestellt, wurde Kern bei der Schießerei getötet, Fischer brachte sich selbst um.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit

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