Rezension: Landschaftsarchäologie, eine Einführung von Peter Haupt

Landschaftsarchäologie ist eine recht junge Forschungsrichtung, über deren Zielsetzung, Wesen, Fragestellungen und Methoden Privatdozent Peter Haupt in seinem Buch informiert. Den Leser erwarten neben aufschlussreichen Fallbeispielelen auch die faszinierenden Überlegungen zum Wechselspiel zwischen Natur und Mensch, die dieser Forschungsrichtung zugrunde liegen.

9783806226195-b„Landschaftsarchäologie ist die von archäologischen Fragestellungen ausgehende Erforschung der Kulturlandschaftsgenese“, so die Antwort des ersten Satzes der Einleitung auf die Frage „Was ist Landschaftsarchäologie“. Sicherlich keine Anfangsformulierung, die den Leser sofort zu fesseln vermag. Aber nur wenige Zeilen weiter lässt sich bereits erahnen: irgendwie steckt mehr dahinter als er der erste trockene Satz erwarten lässt. Es geht um die Auswirkungen der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt auf die Entwicklung Landschaft, aber es ist keine Umweltarchäologie. Es geht um die geologischen Vorgaben, die die Natur dem Menschen zur Gestaltung liefert, aber es ist keine geologische Archäologie. Landschaftsarchäologie befasst sich mit der Frage: Wie haben sich Regionen unter Einwirkung verschiedenster menschlicher Aktivitäten, wie beispielswiese Landwirtschaft, Siedlung, Bergbau, Verkehr im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Das Spannende an dieser Fragestellung sind dabei die Grundüberlegungen und die bislang in der Archäologie ungewöhnliche Komplexität des Forschungsgegenstandes.

Was ist eigentlich eine Landschaft?

Völlig zu Recht betont Peter Haupt, dass das aus einer Vorlesungsreihe entstandene Buch sehr praxisorientiert ist und die Landschaftsarchäologie hier nicht von der wissenschaftstheoretischen Warte aus diskutiert wird. Und die Aussagen, die bereits in der Einführung getroffen werden, haben ganz praktische Auswirkungen auf das Handeln im Feld. Das beginnt schon bei der Definition von Landschaft. Wer macht sich schon Gedanken darüber, was eine Landschaft ist, das weiß man doch – oder? Aber Landschaft ist eine Frage des Betrachters, ohne den menschlichen Betrachter hat der Begriff Landschaft überhaupt keine Bedeutung. Da gibt es die historisch-politische Definition, beispielsweise eines Gebietes im Sinne einer „Landsmannschaft“, als Territorium ein und derselben sozialen Verfassung. Die Geographische Definition beispielsweise versucht, Gebiete einer gewissen Erscheinungsbildes und einer systematischen Geschlossenheit zu erfassen. Bei der empirischen und künstlerischen Definition steht der Mensch im Mittelpunkt dessen, was er als Landschaft versteht. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Wer hat nicht schon einmal an einem Aussichtspunkt gestanden und den Blick über die Landschaft schweifen lassen, also das Gebiet, das sich dort, wo ich mich gerade befinde meinen Augen preisgibt.

Kulturlandschaft kann nicht konserviert werden

Bei Kulturlandschaft denken die meisten Menschen unwillkürlich an Land- und Forstwirtschaft, also bewusste, geplante Veränderung, Gestaltung ganzer Regionen durch den Menschen. Die meisten Kulturlandschaften entstehen aber nicht durch „Landschaftsplanung“, sondern einfach durch die Existenz und Lebensweise des Menschen, der – so die Erkenntnis des Autors – die tatsächlichen Folgen seines Handelns für seinen Lebensraum objektiv nicht einschätzen kann. Was historisch gesehen verhältnismäßig kurzfristigen Nutzen bringt, kann den Lebensraum mittel- und langfristig für Menschen unbewohnbar machen, technologische Fortschritte können zur Wiederbesiedlung eines zuvor aufgegebenen Lebensraumes führen. Die lineare Vorstellung, der Mensch habe im Laufe der Geschichte Schritt für Schritt die Erde als Lebensraum erobert, ist schlichtweg falsch. Als echte Augenöffner dürfen daher auch die Fallbeispiele begriffen werden, die sich im Kapitel 4 unter anderem mit Wüstungsprozessen, Almwirtschaft, historischen Wegen, Straßen und Grenzen und nicht zuletzt am holländischen Neu-Beveland mit „Verlust und Ausdehnung von Kulturland zwischen Antike und heute“ befassen. Der Leser lernt: Kulturlandschaft wächst nicht über die Zeit, Kulturlandschaft entsteht ständig neu. Sie ist weder konservier- noch planbar noch kann sie – wie Haupt nachvollziehbar postuliert – „einen Endzustand erreichen“. Der Grund dafür, so der Autor, „liegt in der Zusammensetzung ausschließlich aus variablen Elementen.“

Die Methoden müssen sich nach der Fragestellung richten

Ganz bewusst ist in dieser Rezension das zweite Kapitel „Quellen und Methoden“ ans Ende geraten. Nicht etwa, weil es unwichtig ist, sondern weil es sich hier zunächst einmal um einen Überblick über die gängigen Methoden zur archäologischen Informationsgewinnung handelt, über die (grundsätzlich?) auch an andrer Stelle zu lesen ist. Allerdings verbindet Haupt die gut verständlichen und den neuesten Stand wiedergebenden Beschreibungen konsequent mit der jeweils landschaftsarchäologischen Aufgabenstellung im Feld. Dabei stellt er auch die Vorteile und Grenzen bestimmter Methoden für bestimmte Situationen und vor allem Fragestellungen dar. Und tatsächlich wird bei der Lektüre dieses Buches deutlich, wie wichtig die Formulierung von Fragestellungen für die Auswahl der Methoden und Datenerhebung ist. Erst denken, dann Messen – eine Botschaft, die auch für andere Bereiche unseres Lebens, beispielsweise die Politik, ganz nützlich sein könnte.

Archäologie ist auch abhängig vom politischen Mainstream

Apropos Politik. Haupt weist erfreulicherweise auch darauf hin, dass sich Archäologie auch immer im gesellschaftlichen Umfeld behaupten muss. So bestehe (auch) die Gefahr, dass aufgrund des derzeitigen politischen Mainstreams die Konturen der Landschaftsarchäologie unter anderem gegenüber der Umweltarchäologie allzu unscharf werden könnten. Einfach deshalb, weil sich mit dem Fähnchen Umwelt derzeit relativ einfach Mittel für jedwede wissenschaftliche Forschung akquirieren lassen. Auch wissenschaftliche Forschung – das ist sozusagen ein Nebenprodukt der Überlegungen zur Landschaftsarchäologie – ist dem Zeitgeist unterworfen und ihre Ergebnisse – beispielsweise in der Archäologie – bilden in der Regel eben nicht die „Welt von Damals“, sondern lediglich den Teil der damaligen Welt ab, der und aus heutiger Sicht besonders interessant erscheint.

Ein Buch, das den Leser nicht nur über die junge Forschungsrichtung Landschaftsarchäologie informiert, sondern gleichzeitig das Verständnis für die Ansätze, Möglichkeiten und Grenzen der Archäologie generell vermittelt.

Peter Haupt: Landschaftsarchäologie. Eine Einführung. Theiss 2012. Gebunden, 222 Seiten.

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