Die Goldene Flotte von Whitby, ein Buch über die ostenglische Hafenstadt

37536 (2)„The Rise of an Early Modern Shipping Industry. Whitby’s Golden Fleet, 1600-1750” ist der Titel des Buches zur maritimen Geschichte des kleinen englischen Ostküstenortes Whitby. Seine Entwicklung zwischen 1600 und 1750 gibt dem Leser einen tiefen Einblick in die Schifffahrt dieser Periode.

Wenn überhaupt, dann ist der verträumte britische Küstenort Whitby mit seiner Klosterruine, dem romantischen Friedhof der St Mary’s Church und dem alljährlichen Gothic-Festival heute vor allem als Ort bekannt, an dem Bram Stokers Dracula erstmals englischen Boden betreten hat. Eingeweihte wissen noch, dass James Cook hier seine seemännische Karriere begonnen und eines seiner Expeditionsschiffe erstanden hat. Auch andere Entdecker griffen gerne auf die stabilen Kohlenpötte Whitby’s zurück, wenn es darum ging in ferne, unbekannte Welten zu segeln. Kaum jemand aber weiß, dass Whitby einmal eines der bedeutendsten Schifffahrts- und Schiffbauzentren und Standort einer der größten Handelsflotten Englands gewesen ist. Rosalin Baker zeichnet ein detailliertes, faktenreiches Bild der kleinen Stadt mit der großen maritimen Geschichte zwischen 1600 und 1750.

Die Grundlagen des Erfolgs von Whitby lagen im Mittelalter

Die Grundlage des Erfolgs Whitbys als eine der wichtigsten Hafenstädte Englands, so arbeitet Rosalin Baker im ersten Kapitel heraus, liegt bereits im Mittelalter. Die Gründung des Benediktiner Klosters im Jahr 1078, die Verleihung des Rechtes, am Fuße der Abtei eine Stadt zu gründen und der zeitweisen Unabhängigkeit der Stadt von der Krone, legten neben anderen Entwicklungen die Grundlage für eine selbstbewusste und gut organisierte Bürgerschaft. Als das Kloster 1539 aufgelöst wurde, schienen die guten Zeiten der kleinen Stadt vorbei. Der Kohle-Transport, der Handel mit dem Baltikum, Heringsfang und damit verbundener Salzimport schrumpften zusammen und wurden mehr und mehr von schottischen Schiffen übernommen. Die Einnahmen aus der Abtei und dem Pilgergeschäft blieben aus. Zum Ende des 16. Jahrhunderts verfügte Whitby über einige Fischerboote, trieb etwas Hafenhandel exportierte ein wenig Butter, weißen und roten Hering und sogenanntes Knieholz, also unregelmäßig gewachsenes Holz für den Schiffbau.

Der Aufbruch Whitby’s in die Neuzeit begann mit dem Alaun

Die Chancen des kleinen Ostküstenhafens, sich zu erholen, schienen gering. Denn der in die Klippen gebaute Ort, ohne Hinterland, lediglich an einem kleinen, kaum schiffbaren Flüsschen gelegen, war nicht nur verkehrstechnisch isoliert. Die Mündung des kleinen Flüsschens bot für einen großen Hafen oder industrielle Anlagen ebenso wenig Platz wie die Klippen und das moorige Umland für große Stadterweiterungen. Der neue Aufschwung kam 1608, als in den Klippen des nördlichen Yorkshire Alaunsteinlagerstätten entdeckt wurden. Whitby nutzte seine Chance und übernahm den Transport der für die Alaunproduktion benötigten Kohle aus Newcastle und anderer Rohstoffe aus London sowie den Alaunexport. Im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zwischen den Klippen zu einem maritimen Dienstleistungszentrum, dessen Heimatflotte bereits um 1700 hinsichtlich seiner Tonnage und anderer Kennzahlen immerhin unter den 8 größten der britischen Häfen zu finden war. Im späten 18. Jahrhundert verfügte Whitby über eine Flotte von 318 Schiffen mit zusammen 78.000 Tonnen.

Während andere Häfen und Städte unter wirtschaftlichen Rückschlägen, Entvölkerung durch Seuchen und Krieg zu leiden hatten, überstanden die Bürger Whitby’s die unruhigen Zeiten verhältnismäßig gut. Der englische Bürgerkrieg, die englisch-holländischen Kriege, die Nähe zur unruhigen schottischen Grenze und nicht zuletzt der Aufbruch in die Neue Welt, boten der konsequent auf die Seefahrt ausgerichteten Stadt immer neue Perspektiven.

Whitby Erfolgsrezept lag in der konsequenten maritimen Ausrichtung

Seemannsausbildung, Schiffbau, Schiffsreparatur- und Ausrüstung, Brauereien und Schlachtereien zur Schiffsverproviantierung, ein Versorgungswerk für Seeleute, Herbergen, Tavernen, Fischerei, und selbstverständlich Seehandel und Warentransport gehörten zum Spektrum des Dienstleistungsangebotes für die nationale und internationale Schifffahrt.

Dem Leser vermittelt die Lektüre des Buches umfassende Einsichten in die Ökonomie und Gesellschaft der frühneuzeitlichen maritimen Welt. Denn Rosalin Barkers Quellen, die sie in Auszügen in Form von Statistiken und Schaubildern offenlegt, bestehen aus Geburts- und Sterberegistern, Schiffs- und Kontorbüchern, Steuerregistern und Hafenbüchern, Briefwechsel und Verwaltungsakten. Daraus entwickelt sie ein spannendes Bild einer dynamischen Zeit, in der die Kaufleute und Seefahrer auf immer neue Rahmenbedingungen reagieren mussten. Basierte der ursprüngliche Erfolg der Whitbyer Kaufmannschaft im 17. Jahrhundert noch auf dem mittelalterlichen Partenprinzip, also der Anteilseignerschaft an Schiffen, so änderte sich dies mit der Entstehung des Bankwesens im 18. Jahrhundert. Und so finden wir Anfang des 18. Jahrhunderts bei einem Schiff namens Hannah um die 50 Anteilseigner, die sich das Risiko teilten, während uns zum Ende des Betrachtungszeitraums der Handel treibende Schiffseigentümer begegnet, der sich sein Kapital über die Banken beschafft.

Rosalin Barker forschte in alten Registern und Verwaltungsunterlagen

Gerade die systematische Aufarbeitung von Registern und Verwaltungsdokumenten und Geschäftspapieren lässt vor dem Auge des Lesers die ganze Komplexität der damaligen Welt entstehen. Da analysiert Barker die Kalkulation einer Handelsreise und stößt dabei auf die Details der Mannschaftsstruktur frühneuzeitlicher Handelsschiffe, ihre Qualifikationen, Rekrutierung, Status bis hin zu Löhnen. Aus Abrechnungen für Wartungsarbeiten erfahren wir viel über die Wartungstechniken und die damit verbundenen Berufe, etwa wenn die Autorin beschreibt, wie ein Schiff bei der Winterwartung vom Unterwasserbehang befreit und neu geteert wird. Die Informationen, die das Buch dem interessierten Leser vermittelt, sind unglaublich komplex und vielseitig und es macht nicht nur wegen des nicht ganz einfachen Stoffs Sinn, das Buch mehrmals und sehr sorgfältig zu studieren. Dazu gehört übrigens auch das Dokument „Pressgang Instructions“ im Anhang, das bis ins Kleinste regelt, wer wie von den Leutnants der britischen Marine zum Dienst auf den Schiffen seiner Majestät „gepresst“ werden darf. Denn der Bedarf an Seeleuten war nicht nur in der Handelsmarine groß. Auch ansonsten ist der Anhang des Buches interessant genug, um ausdrücklich darauf hinzuweisen.

„An Early Modern Shipping Industry“ ist weit mehr als ein Buch über die Blütezeit der ostenglischen Hafenstadt.

Rosalin Barker: The Rise of an Early Modern Shipping Industry. Whitby’s Golden Fleet, 1600 – 1750. Boydell Press 2011. Gebunden, 189 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

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