Rezension: Spaniens Geschichte von der Reconquista bis heute

Spanien steckt in einer tiefen ökonomischen Krise. Jahrelange, ja jahrzehntelange Fehlentwicklungen zeigen sich jetzt. Wie sich das Land von der Reconquista, über Aufstieg und Niedergang als Weltmacht, die Franco-Diktatur nach dem Bürgerkrieg bis in die heutige Zeit entwickelt hat, zeigt Walther L. Berneckers Abriss der Geschichte Spaniens.

Die lange vorherrschende Sicht, dass Spanien ein frühzeitig geeinter Nationalstaat gewesen sei, rückt Bernecker als erstes gerade. Jahrhunderte lang, vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert, nannten sich die dortigen Herrscher nicht König von Spanien, sondern Monarchen der „spanischen Länder“. So war auch die Regierung der katholischen Könige­ – Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien – nur ein Zusammenschluss zweier höchst unterschiedlicher Länder. Immerhin gelang so die „Rückeroberung“ (Reconquista) der von den Muslimen besetzten Teile Spaniens, die 1492 in der Einnahme Granadas ihren Höhepunkt hatte.

Spaniens nächste große Herausforderung war die Eroberung und Kolonisierung der Neuen Welt. Dies geschah, so Bernecker in einem hohen Maße unter der Kontrolle der Krone, mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche. So gelang es, trotz vieler Eigenmächtigkeiten der Konquistadoren, eine funktionierende Verwaltung in den Kolonien aufzubauen. Eine wichtige Basis für Spaniens Weltmachtstellung im 16. und 17. Jahrhundert, vor allem unter Karl V. und dessen Sohn Philipp II.. Bei all dem, wie auch im Folgenden, geht der Autor immer auf die in der Geschichtswissenschaft kontrovers diskutierten Punkte ein, beispielsweise bezüglich des Einflusses der Muslime auf die spanische Kultur. Auch die  zum Teil brutale Vorgehensweise der Konquistadoren, wie der Kirche wird thematisiert.

Der Verlust des Kolonialreichs führt zur weltpolitischen Bedeutungslosigkeit

Nach dem Niedergang der spanischen Weltmacht unter den Habsburgern Philipp III. und IV. bis zum spanischen Erbfolgekrieg, der 1714 mit einem Sieg der Bourbonen über die Habsburger endete,  spannt Bernecker den Bogen bis zur sogenannten Krise des Ancien Régimes, die sich durch dramatisches Politikversagen und am Ende durch den Verlust fast des ganzen Kolonialreiches und das endgültige Absinken in die weltpolitische Bedeutungslosigkeit auszeichnete.

Was folgte waren Jahre des Umbruchs, die schließlich in die Restauration der Bourbonenherrschaft und der Festigung der Herrschaft der Eliten führte. „Die lange Friedenszeit der Restauration war somit gewissermaßen die belle époque der spanischen Bourgeoisie, die einen Höhepunkt ihrer Machtentfaltung erlebte“, schreibt Bernecker. Die nicht im System integrierten Arbeiterschichten, so der Autor weiter, wandten sich dem Anarchismus und Sozialismus zu.

Die nächste Phase der spanischen Geschichte ist durch die siebenjährige Diktatur des Miguel Primo de Rivera geprägt – die die Oligarchie stabilisieren wollte -, um dann 1931 von der sogenannten Zweiten Republik abgelöst zu werden. Nach Bernecker war dies die erste Periode, in der eine tendenzielle Bevorzugung der „lohnabhängigen Massen“ stattfand. Die Folge war eine deutliche Radikalisierung und Polarisierung des Landes in linke Volksfront auf der einen und rechter Nationalen Front auf der anderen Seite. 1936 kam es zum verheerenden Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Rechten im Jahr 1939 endete.

Die Diktatur Francos zwang Spanien auf einen „Sonderweg“

Die sich anschließende Diktatur des Francisco Franco, zwang Spanien bis in die 60er Jahre auf einem rückwärtsgewandten „Sonderweg“. Die notwendige, vornehmliche wirtschaftliche Öffnung des Landes, führte zu erheblichen regionalen (Baskenland) und sozialen Konflikten. Das Fazit des Autors: „Das Ergebnis der franquistischen Politik widersprach in nahezu jedem Punkt den ursprünglichen Intentionen.“ Nach dem Tod des Diktators 1975 wurden alle autoritären Relikte aus der Zeit schnell beseitigt. So gelang es Spanien bereits 1986 Vollmitglied der EG zu werden, der wirtschaftliche Umbau kam danach gut voran, jedoch einhergehend mit einer deutlichen Zunahme der staatlichen Verschuldung. Zudem wurde der demokratische Staat durch den Terrorismus der baskischen ETA stark erschüttert.

Erst 2011 kam es zum bisher eingehaltenen Gewaltverzicht der Untergrundorganisation. Mit der Wirtschaft ging es seit 2008 zunehmend bergab, um, wie Bernecker am Schluss seines faktenreichen, gut lesbaren und auch aktuellen Buches schreibt, 2012 in der kritischsten Situation seit Einführung der Demokratie zu sein. Eine Situation, die sich seit Drucklegung seiner spanischen Geschichte noch verschärft hat.

 Walther L. Bernecker: Spanische Geschichte. Von der Reconquista bis heute. Primus Verlag. 2012. 260 Seiten.

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